Auslandspraktikum für Azubis: So cool ist Finnland!

Zehn Stunden Anreise und 20 Grad weniger auf dem Thermometer: Mit drei Kollegen aus dem dritten Ausbildungsjahr als Konstruktionsmechaniker ging es für mich Anfang des Jahres zum Praktikum nach Joensuu in Finnland.

Uns, Giray Yildiz, Andreas Breimaier, Felix Pfender und mich, erwarteten vier ehrfahrungsreiche Wochen mit viel Schnee, Sauna und schweigsamen Finnen.

Die Reise führte uns über Düsseldorf und Helsinki zu unserem Einsatzort Joensuu im Osten des Landes. Im Gepäck hatten wir wärmste Ausrüstung und jede Menge Neugier auf Ausbildung „made in Finland“. Dass im Nordosten Europas einiges anders läuft, wurde uns schon am Ankunftstag klar: Wir bekamen als Fortbewegungsmittel Fahrräder gestellt. Anfangs konnten wir das gar nicht glauben, denn draußen herrschte Eiseskälte und es lagen 40 Zentimeter Schnee.

Unser Ausblick von der Brücke, die uns ermöglichte von unseren Appartments in die Stadt zu kommen

Andere Länder, andere Berufsschule

In unserer ersten Woche stand „Berufsschule“ auf dem Plan, zumindest nannte man das dort Schule. Bei uns in Deutschland findet die Schule in einem Klassenraum statt, in dem man sich Themen aus der Theorie widmet. In der Berufsschule in Joensuu läuft das anders: Hier repariert man beschädigte Autos von Kunden in der Werkstatt.

Die ersten Arbeitstage gingen trotzdem – oder gerade deshalb – schnell vorbei und wir fragten uns: Was machen wir am Wochenende? Die Temperaturen sanken auf bis zu minus 20 Grad. Trotzdem planten wir einen kleinen Ausflug in den Nationalpark nach Koli.

Schnee soweit das Auge reicht

Im Nationalpark angekommen, mussten wir zuerst einen Fußmarsch der etwas anderen Art absolvieren, um auf den Aussichtspunkt zu gelangen. Mein Schuhwerk erwies sich als unbrauchbar, da die Sohle so gut wie kein Profil hatte. In Kombination mit Eis und Schnee  fiel es mir schwer, auf den Füßen zu bleiben. Da gab es den ein oder anderen Lacher meiner Kollegen. Oben angekommen hatten wir Zeit für ein paar Fotos. Das war gar nicht so einfach. Aufgrund der Kälte waren die Akkus unserer Smartphones innerhalb weniger Minuten auf ein Prozent gesunken.

Nachdem wir zahlreiche, atemberaubende Bilder geschossen hatten, fuhren wir über einen gefrorenen See zurück zu unseren Apartments. Der Ausflug in den Nationalpark war definitiv eines der größten Highlights unserer vierwöchigen Reise.

Ausblick von der Gondel im Koli Nationalpark

Eisschwimmen und Saunieren

Am darauffolgenden Tag wurde uns von unserem finnischen Ansprechpartner Ara ans Herz gelegt, Eisschwimmen zu gehen. Das soll bei diesen „herrlichen“ Außentemperaturen perfekt sein – wir sprechen von minus18 Grad … Gesagt getan!

Als wir dann jedoch in Badehosen in der Eiseskälte standen, beschlossen wir, so schnell wie möglich, in Richtung Sauna zu laufen. Dort wurden wir von den Finnen mit zahlreichen Aufgüssen auf die Probe gestellt.

Nachdem wir in der Sauna auf „Temperatur“ gekommen waren, liefen wir zur aufgebrochenen Wasserstelle, deren Temperatur an die drei Grad betrug. Nach dem Eisschwimmen waren die Außentemperaturen sogar angenehm und nach mehrmaligem Wiederholen hatten wir tatsächlich Spaß.

Wir waren stolz, dass wir bereits in der ersten Woche einen der ältesten finnischen Bräuche absolviert hatten. Generell zeigten sich die Finnen davon sehr begeistert. Denn viele von ihnen hatten dies noch gar nicht ausprobiert. Im Nachhinein war es eine echt coole Erfahrung!

Eine neue Arbeitswelt

In den kommend en drei Wochen sollten wir nun die Arbeitswelt in Finnland kennenlernen. Bis zu unserer Ankunft wussten wir nur, dass wir in verschiedenen Abteilungen arbeiten würden, jedoch nicht in welcher Firma.

Vor Ort wurden uns von unseren Austauschpartnern die jeweiligen Einsatzstellen gezeigt. Mein Weg führte mich mit meinem Arbeitskollegen Giray zum Landmaschinenhersteller John Deere. Vor Ort waren wir für die „Assembly Line“ vorgesehen, was mit der Montage zu vergleichen ist, nur mit Taktzeiten von mehr als zwei Stunden pro Station.

Giray war für die Montage des Motors zuständig, während ich in der ersten Woche an der „Rahmenstation“ und in der zweiten Woche an der „Kranstation“ eingeteilt war. Dort war ich für den Aufbau eines kompletten Krans eines sogenannten „Rückezugs“ verantwortlich. Dabei handelt es sich um riesige Fahrzeuge, die in der Forstwirtschaft im Einsatz sind.

Im Verhältnis zum Bau eines Autos war alles eine Spur größer und vor allem deutlich schwerer. Zum Beispiel musste ich eine Schraube mit einem Drehmoment von 930 statt 120 Newtonmetern anziehen. Außerdem musste zu fast jedem Schritt ein Lastenkran benutzt werden. An meinem Arbeitsplatz kümmerte ich mich weitgehend um die Montage der Hydraulikschläuche sowie um die Montage der Scheinwerfer.

Dies sind sogenannte „Rückezüge“, die für das Transportieren von Holz zuständig sind

Die finnische Kultur erleben

Nicht nur das Klima, sondern auch die Sitten der Finnen sind in manchen Punkten sehr unterschiedlich. Was mir am zweiten Tag direkt auffiel: Finnen geben sich zur Begrüßung nicht die Hand. Dort gibt man sich lediglich die Hand, falls man sich das erste Mal begegnet. Außerdem waren die Leute beim Gebrauch der englischen Sprache sehr schüchtern und zurückhaltend.

In der ersten Woche bei John Deere hatte ich kaum jemanden, der mit mir gesprochen hat, geschweige denn gutes Englisch sprach. Deshalb bekam ich in der zweiten Woche einen neuen Arbeitsplatz, an dem die meisten Kollegen Englisch sprechen konnten und auch wollten. Mein dortiger Arbeitskollege Pieter erzählte mir pausenlos neue Geschichten über seine 20 Autos, über die er auch einen Blog  führt.

Ein Tag vor unserer Abreise mussten wir eine Präsentation über unseren Beruf und unseren dortigen Aufenthalt vor den gesamten technischen Azubis halten, natürlich auf Englisch. Auch dort zeigte sich wieder die Zurückhaltung der Finnen. Doch als wir das Thema ansprachen, wurden sie etwas mutiger und stellten sogar ein paar Fragen.

Die Zeit in Joensuu verging wie im Flug und wir gewöhnten uns sogar an das dortige Klima. Ein bisschen traurig waren wir schon. Jedoch überwog die Freude unsere Familien wiederzusehen, endlich wieder Deutsch sprechen zu können und etwas wärmere Temperaturen zu haben.

Es war eine extrem spannende Zeit, geprägt von kulturellen sowie beruflichen Erfahrungen und tollen Erinnerungen. Ich hoffe, dass noch viele andere Azubis in den Genuss eines Auslandseinsatzes kommen werden und wünsche jedem eine genauso gute Zeit, wie es bei uns der Fall war.

Vielen Dank an die betriebliche Ausbildung, die uns so etwas ermöglicht hat. Ebenfalls bedanken wir uns bei unserem Ansprechpartner in Sindelfingen, Joaquim Santos und bei Ara Hayrabedian aus Finnland für die Unterstützung! Oder wie man in Joensuu sagen würde: Paljon kiitoksia!

Felix Hamp, Andreas Breimaier, Felix Pfender und Giray Yildiz


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er befindet sich im dritten Ausbildungsjahr als Konstruktionsmechaniker bei Daimler und hat im Rahmen des Programms „Training goes Global“ ein Praktikum in Finnland absolviert.

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