Dialog im Museum: Wie gehen wir mit Jugendkriminalität um?

Der erste Urlaub ohne Eltern, der erste Kuss, das erste Mal alleine Auto fahren. Solche oder ähnliche Erfahrungen fallen den meisten ein, wenn sie an ihre Jugend denken.

Nicht bei allen verläuft dieser Weg allerdings gleich geradlinig. Prof. Dr. Dieter Dölling, Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Heidelberg und früherer Präsident der Kriminologischen Gesellschaft: „Sowohl die Geschwindigkeit, als auch der Reifegrad jugendlicher Menschen ist sehr verschieden.“

Gerade was das Bewusstsein für Grenzen angehe, komme es oft zu Konflikten mit dem Gesetz. 4,5 Prozent aller Deutschen waren 2015 Jugendliche (14-17-jährige) – ihr Anteil unter den Tatverdächtigen war laut Polizeilicher Kriminalstatistik mit 8,5 Prozent aber fast doppelt so hoch.

Prof. Dr. Dieter Dölling, Direktor des Instituts für Kriminologie der Universität Heidelberg

Noch kritischer zeigt sich die Situation bei den Heranwachsenden (18 bis 21-Jährige): Während sie nur 3,4 Prozent der Bevölkerung stellten, betrug ihr Anteil an den Tatverdächtigen 9,8 Prozent.

The Power of Sport

Mit diesen Fakten und ihren Hintergründen beschäftigte sich der Vortrag „Was ist Jugendkriminalität und wie gehen wir mit ihr um?“. Er fand am 27. September im Rahmen des „Dialog im Museum“ statt, einer Vortrags-Reihe die regelmäßig von der Daimler AG, der Daimler und Benz Stiftung sowie dem Mercedes-Benz Museum veranstaltet wird.

Die Gesellschaft befindet sich derzeit in einem grundlegenden Wandel. Dieser werde, Stichwort Digitalisierung, der nächsten Generation sehr viel abverlangen, bemerkt Dr. Björn Nill, Leiter Group Compliance. „Umso wichtiger ist es, dass wir Jugendlichen Werte wie Fairness und Zielstrebigkeit vermitteln.“

Hierfür engagiert sich die Daimler AG zum Beispiel mit der Laureus Stiftung, die Sportprojekte fördert und so einen Beitrag zu einer verantwortungsbewussten und gesunden Gesellschaft leistet.

Die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen steigt

Bei den kriminellen Handlungen erkennt man Wellenbewegungen: Die Zahl der Tatverdächtigen steige bis zum 21. Lebensjahr steil an, und fällt danach deutlich ab. Dölling: „Vor allem bei den Männern ist das drastisch zu erkennen, sie sind deutlich stärker kriminalitätsbelastet als die Frauen.“

Immerhin: Die Jugendkriminalität ist über zehn Jahre hinweg deutlich zurückgegangen. Gründe könnten Präventionsprogramme sein, die greifen, und auch der zurückgehende Alkoholkonsum.

Seit rund drei Jahren steige die Zahl jugendlicher Tatverdächtige aber wieder an. Auffällig: Vor allem die nichtdeutschen Jugendlichen treten demnach als Straftäter bei Gewalt, Raub und Körperverletzung verstärkt in Erscheinung.

Was die Gesamtzahlen angehe, sei die Jugendkriminalität in Deutschland mit anderen europäischen Ländern vergleichbar. „Wir Kriminologen tun uns offen gestanden leichter, einen Rückgang der Verbrechenszahlen zu erklären, als umgekehrt ihren Anstieg.“

Intensivtäter: hohe Impulsivität und materialistisches Weltbild

Konflikte mit dem Gesetz sind bei den meisten Jugendlichen trotz allem vorübergehender Natur, viele von ihnen begehen „nur“ Bagatell-Taten. Ganz im Gegensatz zu den Intensivtätern.

Obwohl sie nur 13,4 Prozent aller Tatverdächtigen ausmachen, werden sie nicht nur öfter, sondern auch schwerer straffällig. Intensivtäter sind oft auch noch im Alter von über 30 Jahren kriminell, typisch für sie: impulsiv und ein stark selbstbezogenes, materialistisches Weltbild.

Insgesamt funktioniert das deutsche Strafrecht laut Dölling aber gut: „Bei Jugendlichen sieht die Rechtsordnung noch einmal deutlich genauer hin als bei Erwachsenen.“ Jugendrichter besäßen einen hohen Ermessensspielraum, weshalb viele Jugendliche zwar als Tatverdächtige in Erscheinung träten, bei einer guten Sozialprognose aber nicht verurteilt würden. Bereits der Kontakt mit dem Gericht führe bei ihnen zu einem nachhaltigen Überdenken des eigenen Verhaltens.

Neue Wege eröffnen

In der anschließenden Publikums-Diskussion ging es vor allem um Mobbing, ob in der Schule oder in sozialen Medien. Das Problem laut Dölling: Die Folgen für die betroffenen Jugendlichen sind zwar immens, trotzdem liegt oft kein konkreter Straftatbestand vor. Nur in bestimmten Fällen reicht es beim Mobbing für Beleidigung oder Bedrohung.

Auch die Frage, ob ausländische Jugendliche öfter straffällig werden, tauchte auf. Tatsächlich haben derzeit rund 66 Prozent der Jugendlichen im baden-württembergischen Strafvollzug einen Migrationshintergrund.

Als Hauptrisikofaktoren gelten dabei „jung“, „männlich“ und „nicht sozial integriert“. Laut Dölling ist es deshalb besonders wichtig, diese Jugendlichen trotz Sprachhürden zu erreichen und ihnen innerhalb des Strafvollzugs Wege in Schule und Ausbildung zu eröffnen.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist Pressesprecher der Daimler und Benz Stiftung. Zuvor schrieb er als freier Journalist Beiträge u.a. für DIE ZEIT, Handelsblatt, Stuttgarter Zeitung, Mannheimer Morgen etc. Mehrere Jahre war er als Referent für Öffentlichkeitsarbeit der Heidelberger Akademie der Wissenschaften tätig.

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