5 Kontinente in 5 Monaten: Auf dem Weg zum autonomen Fahren

Frankfurt – Shanghai – Melbourne – Kapstadt – Las Vegas. Als ich das erste Mal von den Stationen unserer Testfahrt höre, denke ich: fünf klangvolle Städtenamen von Weltrang. Vergleichbar mit Sindelfingen, wo ich als Daimler-Ingenieur arbeite…das passt. Das sollen also unsere Destinationen für unseren Intelligent World Drive sein.

Wir werden als erster Automobilhersteller mit unserem „intelligenten“ Erprobungsträger auf Basis einer Mercedes-Benz S-Klasse, der vollgepackt ist mit Technik, jeden Monat auf einem anderen Kontinent mit jeweils unterschiedlichen Anforderungen automatisiert fahren. Und das ist auch die größte Herausforderung für unser Fahrzeug: Hochkomplexe Verkehrssituationen in dichten, urbanen und anderen Verkehrssituationen zu erfassen, zu verarbeiten und zu interpretieren – der Schlüssel für sicheres automatisiertes und autonomes Fahren.

Länderspezifische Nutzer- und Verkehrsgewohnheiten

Bei unserer offiziellen Abfahrt während der Internationalen Automobilausstellung, dem sogenannten „Send-off“ in Frankfurt, kriege ich von anwesenden Besuchern die Frage gestellt, was man sich für Erkenntnisse auf anderen Kontinenten erhoffe, die man nicht auch in Deutschland erlangen könne. Eine berechtigte Frage. Was macht das für einen Unterschied für unsere S-Klasse, ob sie Ihre Funktionen für das automatisierte Fahren in Sindelfingen oder Shanghai testet? Einen entscheidenden.

Individualisierung der Fahrassistenzsysteme ist Kundenorientierung

Technischer Fortschritt ist kein Selbstzweck, sondern nur positiv, wenn er den Menschen nützt, respektive gesellschaftliche Vorteile bringt. Dichten, urbanen Verkehr gibt es zwar auf allen Kontinenten. Aber eben auch große infrastrukturelle sowie kulturelle Unterschiede bis hin zu verschiedenen Fahrweisen und Gepflogenheiten. Schließlich schimpft man als Autofahrer schon gerne über den fremden Verkehrskollegen aus der nächsten Kreisstadt und wünscht ihm gelegentlich nicht immer das Beste für die nahe Zukunft, weil er oder wohlmöglich sie „nicht fahren kann“.

Es ist beispielsweise nicht in allen Ländern üblich, an einem „Zebrastreifen“ anzuhalten. Man muss nur mal versuchen, als deutscher Fußgänger sein Verkehrsrecht auf „Vorfahrt“ an einem Fußgängerstreifen in einem südeuropäischen Land seiner Wahl durchzusetzen. Falls Sie das noch nicht versucht haben, will ich ihnen die Vorfreude nicht nehmen. Neben dem technischen Aspekt unseres Intelligent World Drive, also dem gezielten Sammeln von Situationen, Erfahrungen und Daten, gibt es auch einen gesellschaftlichen Aspekt: wir wollen weltweit mit den Leuten in Kontakt treten, Rückmeldungen und Meinungen erfahren und Diskussionen zur zukünftigen individuellen Mobilität anregen.

Ich bin gespannt darauf, welche Vorstellungen, Wünsche und vielleicht auch Ängste die Menschen verschiedener Herkunft mit dem automatisierten Fahren verbinden. Und unser Ziel ist es, langfristig nicht nur dem Handlungsreisenden auf deutschen Autobahnen maximale Entlastung zu bieten, sondern auch dem Pendler in Melbourne und dem Kurier in Peking. Im australischen Melbourne muss ein Fahrzeug den „Hook-Turn“ beherrschen, wohingegen auf chinesischen Highways unterschiedliche Geschwindigkeitsobergrenzen pro Spur üblich sind.

Dynamische Anpassung an Fahrer, Land und Umgebung

Diese Unterschiede sind für uns erheblich. Ich bin überzeugt davon, dass die meisten eingeladenen Medienvertreter während der Fahrt überrascht davon sein werden, wie viel ein automatisiertes Fahrzeug wie unser W 222 bereits kann. Was heute schon möglich ist, wird die meisten verblüffen. Einen ersten Teil des Weges zum autonomen Fahren haben wir bereits bewältigt. Es sind jedoch die letzten Meter, die fehlen.

Ein Mercedes muss sich in Zukunft mit seinen Fahrassistenzsystemen dynamisch dem Fahrer, dem Land und der Umgebung anpassen. Die Sicherheit und Gewissenhaftigkeit müssen dabei immer Vorrang haben. Aus diesem Grunde wollen wir die Grenzen unserer technisch ausloten.

Mit den Erfahrungen des World Drives können wir dann gezielter automatisierte Fahrzeuge mit echtem Kundennutzen entwickeln. Und mit den Daten, die wir einfahren werden, lassen sich dann wiederum später verschiedene Software-Stände im Rechner testen. Den Hook-Turn, den wir beispielsweise in Melbourne einmal abfahren und damit in unsere Datenbank übernehmen, können wir digital nachsimulieren – so oft und intensiv wir wollen.

Noch notwendig: gesetzliche Voraussetzungen und Infrastruktur

Eine andere „Baustelle“ sind die unterschiedlichen nationalen Rechtslagen. „Fortschritt darf nicht an nationalen Grenzen Halt machen”, sagt unser Entwicklungsvorstand Ola Källenius. So selbstverständlich wie sich das anhört ist es allerdings nicht. Die Gesetzgebung muss eben mit der technischen Entwicklung Schritt halten. Rechtssicherheit ist eine Voraussetzung für die Akzeptanz von vielen, wenn nicht allen Bereichen der Gesellschaft – auch für das autonome Fahren. Es besteht Handlungsbedarf. Besonders bei internationalen Abkommen zum Straßenverkehrsrecht, die derzeit noch zwingend einen Fahrer voraussetzen.

DIGITAL LIGHT: Projektion von Lichtspuren auf die Straße

Stichwort Fahrerassistenzhilfen. Eine zusätzliche Innovation, die wir auf unserem Welt-Trip ebenfalls testen, ist unser Scheinwerfer-Prototyp, die DIGITAL LIGHT Technologie: Das Licht wird auf dem Weg zur automatisierten und autonomen Mobilität eine zentrale Rolle spielen. Das revolutionäre Lichtsystem – um mal „bescheiden“ zu bleiben – ermöglicht Funktionen, die im Forschungsfahrzeug F 015 Luxury in Motion vor erst zwei Jahren als Zukunftsvision vorgestellt wurden: Blendfreies Dauerfernlicht in HD-Qualität mit Chips mit mehr als einer Million Mikrospiegeln und damit Pixel pro Scheinwerfer.

Das DIGITAL LIGHT kann unter anderem Lichtspuren wie einen Fußgängerüberweg auf die Straße projizieren, um mit der Umgebung oder mit den nachkommenden Fahrzeugen zu kommunizieren. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt….

Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion: Das Display signalisiert Fußgängern, dass der F 015 sie erkennt.

Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion: Bei unerwartetem Stau erscheint das Wort „STOP“ unverzüglich.

Autobahnen und Stausituationen

Die „größte Überraschung“ dürfte der Fokus der ersten Etappe im Großraum Stuttgart sein: das Testen spezifischen Fahrverhaltens auf Autobahnen und in Stausituationen. Da stehen deutsche Metropolregionen wie Stuttgart und Frankfurt anderen weltweit leider in nichts nach. Und wenn das Wetter dann noch solche Kapriolen bereithält, wie die Vorhersagen versprechen, werden wir gleichzeitig den Einfluss heftiger Regenfälle auf unsere Umweltsensorik überprüfen können. Die nächste Station wird Shanghai sein, dann bereits mit ersten ausgewerteten Erkenntnissen der Deutschland-Fahrt. Wir werden berichten.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er leitet bei Daimler die Abteilung Aktive Sicherheit und sichert mit seinem Team die Fahrerassistenzsysteme der Mercedes-Benz Fahrzeuge ab.

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