Christopher Street Day: In eigener Sache

Nachdem ich gestern an dieser Stelle einen Teil meines Arbeitslebens vorgestellt habe, möchte ich heute eine ganz andere Seite beleuchten: Ich war am 26. August auf dem Daimler-Truck beim Christopher Street Day (CSD) in Bremen dabei.

Nun möchte ich teilen, was ich dort erlebt habe und wie es überhaupt dazu kam, dies erleben zu dürfen. Wer nur am Bericht rund um die Parade interessiert ist, möge die ersten beiden Kapitel überspringen.

In eigener Sache: Flagge zeigen

Wenn mir jemand vor vier Jahren gesagt hätte, dass ich jemals an einem CSD teilnehmen würde, hätte ich sie oder ihn für verrückt erklärt. Eine freiwillige Teilnahme an der Parade und dass ich damit Flagge zeigen würde, war so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Seither hat sich Einiges in meinem Leben verändert. Ich berichte das nicht, um mich zu rühmen, sondern um zu unterstreichen, dass sich alles früher oder später so entwickelt, wie es gehört – und das kann eben sehr unterschiedlich sein.

Die Einstellungen der Menschen im persönlichen und beruflichen Umfeld sind sehr entscheidend für den jeweiligen Verlauf. So wie in meinem Fall: Vor etwas über drei Jahren habe ich mich endlich meiner Frau und meinen beiden Kindern gegenüber als schwul outen können. Ich brauchte viele Anläufe für diesen wichtigen Schritt, denn die starken Angst-, Schuld- und Schamgefühle ließen mich wieder schweigen.

Wenn ich nicht von liebevollen, mir sehr zugewandten und mir Mut machenden Menschen umgeben gewesen wäre, würde es diesen Bericht gar nicht geben. Anders als ich es jemals hätte denken können, haben meine Familie – und später auch gute Freundinnen und Freunde – sehr rücksichts- und liebevoll reagiert und das trotz dieser „Wahrheit“.

Darum bin ich vielen Menschen, vor allem aber meinen Kindern und deren Mutter sehr dankbar.

Auch das tolerante und respektvolle Verhalten vieler Kolleginnen und Kollegen und Vorgesetzter war für mich sehr hilfreich und unterstützend. Hätte ich diesbezüglich Zweifel gehabt, würde ich immer noch glauben, mich im beruflichen Umfeld verstecken zu müssen. Diesen Spagat hätte ich nicht länger ausgehalten. Jetzt darf und mag ich überall endlich ich selbst sein. Seit ungefähr einem Monat gehöre ich dem GL@D-Netzwerk (das Gay Lesbian Bisexual Transgender-Netzwerk bei Daimler) am Standort Bremen an.

Outing, Tränen und besondere Gesten

Als ich mich im Sommer 2014 meinen Kindern gegenüber unter Tränen endlich geoutet habe, fragte mich mein Sohn Yannik (19) sehr ernst und auch ein bisschen enttäuscht, ob ich denn glaubte, dass er und seine Schwester homophob wären. Auf eine schönere Art hätte er seine Liebe und Verbundenheit nicht ausdrücken können.

Erst vor wenigen Wochen sagte mir meine fast siebzehnjährige Tochter Kyra, dass sie mit Freundinnen zum CSD fahren und mich damit mental begleiten wolle. Yannik und Kyra sagen „Ja“ zu mir und das nicht nur mir gegenüber! Diese authentischen Gesten haben mich sehr stolz gemacht, mein Vaterherz höher schlagen lassen und mich mit Dankbarkeit erfüllt.

Vielen Dank, meine lieben Kinder!

Die CSD-Parade, endlich ist es so weit

Mit unseren weißen T-Shirts (mit aufgedrucktem CSD-Daimler-Logo und -Motto: „Wir leben Vielfalt!“), fuhren meine Tochter Kyra und ich gut erkennbar zum Bremer Hauptbahnhof. Dort traf Kyra ihre Freundinnen und wir verabschiedeten uns im Wissen, uns während der Parade wiederzusehen. Kyra am Bremer Rathaus als feiernde und (mich) unterstützende Zuschauerin und ich auf dem Daimler-Truck.

Gegen 12:30 Uhr hatten sich rund 45 Daimler-Kolleginnen und Kollegen – vom Auszubildenden über einen Centerleiter, Mitglieder des Betriebsrats und der Vertrauenskörperleitung der IG Metall – aus den Standorten Sindelfingen, Stuttgart und Bremen am Daimler Truck eingefunden. Wir waren also startklar. Um kurz vor 13:00 Uhr war noch etwas Zeit für ein Gruppenfoto und um mit guter Musik und leidenschaftlichen Ansprachen in eine fröhliche Feierlaune zu kommen.

Gegen 13:15 Uhr setzten sich die ersten Fahrzeuge und Gruppen bei Top-Wetter in Bewegung und brachten das Motto des Bremer CSD „Vielfalt ist Freiheit – hier und überall!“ im wahrsten Sinne des Wortes auf die Straße.

Es wurde schnell klar, dass wir gute Laune haben würden, denn DJ Niklas – ein Auszubildender aus Bremen – verstand sein Handwerk perfekt. Dank seines Könnens sprang der Partyfunke sofort auf uns und auf die Menschen am Straßenrand über. Es nahmen über 3.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Parade teil und noch sehr viel mehr waren Zuschauer.

Wo man hinsah, blickte man in glückliche Gesichter – nur selten sah man Menschen, die sich zu fragen schienen, warum denn schon wieder Karneval sei. Auch auf unserem Truck war die Stimmung nicht zu toppen. Bis zur Ankunft am Martini-Anleger tanzten wir ausgelassen und warfen ununterbrochen kleine Weingummitüten in die Menge.

Berührende Szene

Nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Parade waren bunt und vielfältig, sondern auch die vielen Zuschauer entlang der Strecke. Eine Szene hat mich sehr berührt: Eine betagte in einem Rollstuhl sitzende Frau winkte uns im Takt unserer sehr lauten und aus ihrer Sicht sicher „sehr“ modernen Musik euphorisch und sehr wohlwollend zu. Sie feierte (mit) uns. Großartig!

Am Ende der Parade bedankten wir uns bei den Menschen aus Bremen und umzu (norddeutsches Wort für drumherum). Die Zeit war wieder reif für einen CSD in Bremen! Ein großartiger Erfolg für die Organisatorinnen und Organisatoren und ein hervorragendes Zeugnis, das sich die Bremer ausstellten.

Ein guter Tag

Als wir vom Truck stiegen, waren wir uns einig, dass wir Teil eines großen und fröhlichen Festes für Respekt, Toleranz und Vielfalt sein durften – ein Fest mit unbeschreiblich intensiven Eindrücken und wunderschönen Begegnungen! Der CSD war aber in erster Linie eine friedvolle Demonstration für gleiche Rechte für Schwule, Lesben, Bi-, trans- und intersexuellen Menschen und gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt weltweit.

Der 26. August 2017 war ein guter Tag.


Anmerkung der Redaktion: Unter dem Motto „Wir leben Vielfalt!“ fuhr der eigens für den CSD gestaltete Mercedes-Benz Truck sechs deutsche Christopher Street Day (CSD) Paraden an. Die Truck-Tour begann in Köln am 09.07. und führte über München (15.07.), Berlin (22.07.), Stuttgart (29.07.), Hamburg (05.08.) schließlich nach Bremen (26.08.). Dieses Jahr fuhren gemeinsam Kolleginnen und Kollegen vom GL@D-Netzwerk, der Daimler AG, Daimler Financial Services, Mercedes-Benz Bank, car2go und moovel mit. Bei der ersten CSD-Truck Tour waren wir über 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie über 100 car2go Kundinnen und Kunden dabei und erreichten Menschen, die so vielfältig und „anders“ sind, wie wir bei Daimler.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er arbeitet im Bremer Personalbereich im Team Strategisches Resource Management Mercedes-Benz Cars.

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