Als ich Dich sah, war es klar

Eine Diagnose, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht: Blutkrebs. Ich war damals 24 Jahre alt und in der 18. Woche schwanger. Und ich brauchte dringend eine Stammzellenspende …

Meine Familie und Freunde starteten deshalb im März 2015 gemeinsam mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) eine einzigartige Aktion: Sie riefen die Stuttgarter auf, sich typisieren zu lassen. Die Aktion hat bis heute elf Menschen das Leben gerettet. Auch mir wurden Stammzellen transplantiert: die von Justin. Meine Lebensretterin.

Warten auf Tag X

Ich habe Justin nun endlich kennengelernt. Ich weiß gar nicht, wo ich am besten anfange … Ich habe immer wieder versucht, meine Gefühle in Worte zu fassen, aber dafür gibt es keine Worte. Als der Tag X dann endlich da war – da bin ich innerlich fast geplatzt vor Aufregung und Freude. Fragen gingen mir immer wieder durch meinen Kopf: Wie ist sie wohl? Ist sie genauso aufgeregt wie ich? Aber vor allem: Wird sie mich mögen? Oh Gott – was ist, wenn nicht?!

Justin, die Stammzellenspenderin, mit ihrem Mann und Sohn.

Um ehrlich zu sein, konnte ich es gar nicht glauben. Als es endlich so weit war. Meine Familie hatte mir erst ein paar Tage zuvor gesagt, dass ich sie hier in Stuttgart kennenlernen würde. Dass ich tatsächlich schon zwei Jahre geschafft hatte, und meine selbstlose Lebensretterin endlich ein Gesicht bekommen würde.

Schon oft wurde ich gefragt, wann ich denn endlich von meiner Begegnung mit ihr schreibe. Doch ich habe es aufgeschoben, da es mir so schwer fällt, diesen Moment in Worte zu fassen. Doch Bilder sagen mehr als Worte.

Wie lang kann ein Flur sein?

Ich war zum ersten Mal im Mercedes-Benz Museum. Und nun wurde mir das Geschenk gemacht, dass ich meine Lebensretterin in diesem Saal kennenlernen durfte – genau dort, wo sich vor zwei Jahren 3.401 Menschen registriert hatten, um anderen zu helfen.

Ich wurde zum Hintereingang geführt – ich kann mich an diesen Moment nicht mehr erinnern – ich weiß nur noch, dass ich gedacht habe: Wie lang kann ein Flur bitte sein?

„AHHHH – DAS IST SIE!!!“ – hat eine Stimme in meinem Kopf gebrüllt.“ Und sie hat ein Baby!“ Ja, sie ist auch eine MAMA :-))! Justin stand mit ihrem kleinen Sohn und ihrem Mann in der Mitte des Raumes.

Ich konnte und wollte meine Emotionen nicht zurückhalten. Das Gefühl war unbeschreiblich und total überwältigend. Keine Sekunde war sie mir fremd, obwohl wir uns zum ersten Mal sahen. Ich habe sie gesehen, und es war klar. Sie ist es! Letztes Jahr war ich von der DKMS zum World Blood Cancer Day eingeladen worden – das ist zufällig auch mein Transplantationstag. Mein Mann und ich haben dort verschiedene Zusammenführungen sehen dürfen. Dabei ist uns eine Sache aufgefallen: Spender und Empfänger sehen sich alle irgendwie ähnlich! Irgendeine Gemeinsamkeit ist immer sofort ins Auge gesprungen. Wie wird das wohl bei uns sein? Genauso? Was machen denn die Stammzellen? Machen die uns ähnlich?

Wir haben so viel gemeinsam

Und da: Wir haben so viel gemeinsam. Wir haben zum Beispiel die gleichen Haare, die gleiche Farbe – fast den gleichen Haarschnitt und zwei Haarsträhnen, die uns ins Gesicht fallen. Ich muss sie die ganze Zeit anstarren. Was gibt es noch zu erkennen? Auch ein Zufall, dass unser Oberteil die gleiche Farbe hat?! Wir beide haben uns das Oberteil drei Tage zuvor gekauft. Vielleicht klingt das jetzt für den einen oder anderen komisch, aber ich habe sonst kein einziges Oberteil in dieser Farbe in meinem Schrank. Sind das wieder die Stammzellen?

Wir verbringen den ganzen Tag zusammen. Wir reden viel, von uns und natürlich darüber, wie sie das alles erlebt hat. Schließlich haben wir so viel nachzuholen, da wir seit zwei Jahren so eng verbunden sind und Justin wortwörtlich ein Teil von mir ist.

Wie im Film

Als Justin mein Leben gerettet hat, war sie gerade einmal 18 Jahre alt. Eine selbstlose Tat als 18-Jährige – vor allem, wenn ich mich in dem Alter zurück denke … ;-) Ich wusste schon etwas länger, dass meine Spenderin so jung war. Das war eine der wenigen Informationen, die ich von der DKMS im Voraus erhalten habe. Und dass sie weiblich ist. Wir hatten auch Briefkontakt, aber das durfte alles nur sehr oberflächlich gehalten werden. Aus Datenschutzgründen konnte ich ihr nur schreiben, wie dankbar ich ihr bin. Doch als wir uns umarmt haben, war es wie in einem Film – alle um uns herum waren unsichtbar. Man sieht nur diese eine Person, auf die man so lange gewartet hat.

Doch wie kam Justin dazu, sich so jung registrieren zu lassen? Ich habe sie gefragt. Ihre Antwort war, dass ihre Schwester sich das von der Familie zum Geburtstag gewünscht hat. Einfach Wahnsinn! Durch einen Geburtstagswunsch und den Mut einer jungen Frau bin ich heute noch hier! Ich freue mich auch, ihre Schwester bald kennen zu lernen. Für diesen Geburtstagswunsch hat sie etwas bei mir gut!

Nun sind genau drei Monate vergangen – Justin und ich schreiben und telefonieren. Schon bald gehen wir gemeinsam in den Urlaub auf die Insel Usedom. Ein Familienurlaub. Es war Liebe von der ersten Sekunde, liebe Justin. Und Du hast nicht nur eine große Schwester dazu bekommen. Nein, auch eine große Familie, die immer für dich da sein wird.

Wie alles begann

Das Treffen fand im Mercedes-Benz Museum statt und wurde von der DKMS und meiner Freundin Sara organisiert. Vielen Dank, dass ich meine Justin auf eine so tolle Art und Weise das erste Mal sehen durfte! Vor zwei Jahren fand unsere Typisierungsaktion ebenfalls im Mercedes-Benz Museum statt. Ein paar unserer Helfer kamen auch dieses Mal, und so konnte ich mich bei ihnen persönlich bedanken. Mein Dank gilt auch denen, die leider nicht vorbeikommen konnten.

Es ist großartig, dass ihr das für mich getan habt!


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Sie ist Stammzellempfängerin und bekam eine zweite Lebenschance.

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