Jugendroman inspiriert von Jugendlichen

„Wer wagt, gewinnt“ – Ein Spruch den ich beherzige. Deshalb war ich überzeugt, dass mein Pionierprojekt glückt. Der Plan: Einen Jugendroman zu verfassen, bei dem Jugendliche die Themen vorgeben. Viele Schulstunden am Pforzheimer Hilda-Gymnasium und 28 Kapitel später, steht fest: Wir haben gewonnen!

Unser Projekt konnte dank der Unterstützung unter anderem der Daimler AG im Schuljahr 2016/2017 starten. Ort des Geschehens war die Klasse 7e im Hilda-Gymnasium in Pforzheim, in dem Courage gegen Ausgrenzung und Rassismus ganz oben steht. Daimler unterstützt Initiativen gegen Diskriminierung jeder Art. Das Unternehmen hat eine besondere Beziehung zum „Hilda“: Hier ging Bertha Benz, die Frau von Automobilpionier Carl, in den 1870er-Jahren zur Schule. Doch das ist eine andere Geschichte – zurück in die Gegenwart.

Wie alles begann

Meine These:

Lasst die Kinder in der Fantasie fliegen und sie werden lernen im Leben aufrecht zu gehen.

Dies setze ich seit 2001 in jedem meiner inzwischen 51 Kinderbücher um. Sie entstehen über unser Kinder- und Sozialprojekt, in dem ich Mutmachgeschichten schreibe, die von Kindern für Kinder illustriert werden.

Der erste Kontakt mit dem Hilda-Gymnasium kam über eine Lehrerin zustande. Es war schnell klar, unter den rund 1.000 Schülern sind nur wenige, die noch Kinderbücher lesen. Deshalb war die ursprüngliche Idee, ein Kinderbuch zu erarbeiten, nicht durchführbar. Mein Vorschlag, mit den Schülern Ideen für einen Jugendroman zu entwickeln, wurde im Lehrerkollegium diskutiert und befürwortet. Seit dem Schulbeginn 2016 tauche ich ab in die Welt der Jugendlichen.

Neuland für alle

Für mich und die Kids war es zwar Neuland, doch für alle vom ersten Moment an spannend. Wann werden Jugendliche schon gefragt, welche Themen sie in einem Jugendroman lesen möchten? Was sie interessiert? Wo sie selbst der Schuh drückt? Alles Fragen, auf die wir miteinander in meinen regelmäßigen Besuchen im Hilda-Gymnasium eine Antwort suchten. Nach und nach füllten sich die Blätter mit Ideen, die ausreichten, mehrere Bücher zu schreiben. Wir einigten uns auf einige, aus denen ich eine fiktive Geschichte schreiben sollte.

Einblicke ins Gefühlsleben

Vom ersten Moment an erlebte ich totale Offenheit. Ich war oft erstaunt über die gewünschten Themen, die ich noch unbedingt in die entstehende Geschichte verpacken sollte. Darüber gab es interessante Diskussionen. Oft war ich über Äußerungen verwundert, die nur den Schluss zuließen, wie sich Jugendliche in Schule und Zuhause fühlen. Eingeengt in einem Korsett und nicht ernst genommen. Zeit füreinander, miteinander war ein immer wieder aufkommender Faktor. Solche Gespräche fanden statt, in Verbindung mit den von mir geschriebenen Kapiteln. Diese brachte ich das ganze Schuljahr über nacheinander mit, zu meinen Besuchen in den Montag-Nachmittagsunterricht.

Schreiben als Teamwork

Eine der ersten Fragen bei Projektbeginn war: „Dürfen wir Renate statt Frau Hartwig sagen, weil wir ja ein Team sind?“ Klar, sie durften! In diesem Projekt bestätigte sich für mich wieder: Es geht viel mehr, als sich viele trauen! Nach ein paar Wochen und den ersten Kapiteln haben wir intensiv über die Strategie sowie die Charaktere im Roman gesprochen.

Auch den Klappentext und den Titel des Buches stellte ich der Klasse zur Abstimmung. Er wurde einstimmig angenommen:

Einsturzgefährdet. Das Gymnasium stand Kopf. Nach dem ungeklärten Sturz eines Krans auf das Dach der Hauptschule in Plochen wurden die Schüler im neu gebauten Gymnasium untergebracht. Schon bald traten Spannungen auf.

Nach außen schien es ein friedliches Miteinander zu sein. In Wirklichkeit kam es jedoch unter den Schülern zur offenen Feindschaft. Aus Kritik wurde totale Ablehnung, und innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich die Schule in einen Hexenkessel.

Olaf, der sich im Internet einer fanatischen Gruppe angeschlossen hatte, drängte darauf, die Schüler und Schülerinnen in den Gastklassen auszugrenzen. Die Eskalation nahm ihren Lauf, die Situation drohte aus dem Ruder zu laufen!

Der Drogentod einer Schülerin löste einen Großeinsatz der Polizei aus. Es kam zu Hausdurchsuchungen. Maltes heimliche Freundin Rosanna geriet in Verdacht, denn bei ihr wurde Rauschgift gefunden. Die beiden Musterschüler, Erkan und Jonas, wollten Rosanna helfen. Dabei wurde ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Gerüchte verbreiteten sich wie ein Flächenbrand, als zur Gewissheit wird, dass der Einsturz des Krans bewusst herbeigeführt worden war. Überall breitete sich Misstrauen aus. Innerhalb kürzester Zeit veränderte sich die ganze Stadt.“

Von Internet, Drogentod und Hausmeister Kraus …

Zum Beispiel besprachen wir intensiv die Vorgänge im Roman: Was führt Olaf, ein Schüler der 9. Klasse, im Schilde? Wer steckt hinter der Internetgruppe, von der er seine Befehle erhält? Weshalb stürzte der Kran auf die Hauptschule in der Weinbergstraße? Wer versendet geheimnisvolle Nachrichten auf die Smartphones? Woher stammt das bewusstlose Mädchen im Keller der Schule? Wie kam sie an Drogen? Wer verbreitet Hetzparolen im Internet? Welche Rolle spielt Hausmeister Kraus? Weshalb treffen sich Malte und Rosanna heimlich? Zerbricht die Freundschaft von Nele und Luisa?

Ein Schuljahr voller neuer Erfahrungen

Als mein Rohmanuskript soweit war, haben wir im Team lange über das Ende des Romans gesprochen. Soll die Geschichte mit einem offenen Ende schließen? Oder akzeptiert die Klasse meinen Vorschlag vom Roman-Ende? Auch hier wurde demokratisch abgestimmt. Es war ein tolles Schuljahr, prall gefüllt mit neuen Erfahrungen. Zum Beispiel, mit wie viel Ernsthaftigkeit die Jugendlichen über einzelne Charakterbeschreibungen nachdachten. Welche Folgen falsche Beschuldigungen und Ausgrenzungen haben, beschäftigte uns in einigen Unterrichtsstunden. Spannend wie sich darüber äußerten und Parallelen zum realen Leben zogen.

Schüler werden zu Illustratoren

Im Frühjahr 2017 stellte sich dann die Frage nach den Illustrationen. Um diese zu erleichtern, habe ich den Text mit vielen Details gespickt. 26 Kapitel hat das Buch. Welche Technik – und wie sollen die Bilder ins Buch? Im Text, oder vor den Kapiteln, vielleicht nach den Kapiteln? Solange ich noch am fertigen Text feilte, schritt die Klasse zur Tat. Die entstandenen Kapitel wurden im Kunstunterricht mit dem Kunstlehrer Florian Adler illustriert. Es ging hektisch zu im Kunstraum. Man entschied sich für ein aufwendiges Bebildern der Texte.

Ran an die Arbeit

Zuerst haben die Schüler die Texte auf Schlagwörter abgesucht, dann visualisiert und los ging es. Die ersten Einwände kamen, ja nicht zuviel über die Bilder zu verraten. Motive wurden auf dünne Platten geritzt, spezielle, schwarze Farbe aufgetragen. Danach mussten die ausgesparten Flächen mühevoll gesäubert werden, bevor Bild für Bild mit einer Kurbel durch die Druckerpresse gedreht wurde. Fasziniert von den einzelnen Ergebnissen, musste ich gar nicht lange überlegen. Ich erkannte an den Motiven die Inhalte der einzelnen Kapitel. Super!

In der Ferienzeit 2017 geht unser Jugendroman „Einsturzgefährdet“ ins Layout und mit einer Auflage von 2.000 Stück in Druck. Im Oktober 2017 wird das Buch mit einem Event der Öffentlichkeit vorgestellt und kostenlos an Jugendliche verteilt.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Sie ist Autorin und Publizistin. In der Bildungspolitik liegt ihr Hauptaugenmerk in der Förderung von Kreativität, Individualität und sozialem Miteinander von Kindern und Jugendlichen.

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