Marco Polo – die Entdeckung der Seitenstraße

Beim Blick ins Intranet bleibe ich an einem Fotowettbewerb hängen: „Gewinnen Sie ein Wochenende mit dem Marco Polo!“ Ich habe nicht lange überleget, ob ich mitmache. Nicht zuletzt weil mein Vater nach einem Unfall dringend Urlaub brauchte …

Den haben ihm offenbar auch meine Kolleginnen und Kollegen bei Daimler gegönnt: Das Foto meines Bullis in den Pyrenäen bekam im Mitarbeiter-Voting die meisten Stimmen! Ein paar Wochen später kann ich sagen: Alles, was ich der Beschreibung meines Bildes erwähnt hatte, wurde erfüllt: Ziel waren die italienischen Seealpen. Den Marco Polo habe ich auf Leib und Nieren getestet. Und mit dabei war mein Vater, der nach seinem Arbeitsunfall und einer Operation am Fuß gerade so wieder humpeln kann.

Ursache (hinten) und Wirkung (vorn) an einem Ort vereint.

Tausche Bulli gegen Marco Polo

Meine Interpretation des Urlaubs im Camping-Bus findet nur in den wenigsten Fällen auf einem Campingplatz statt. Wozu hat man denn sonst einen toll ausgebauten Bus, der alle überlebensnotwendigen Features hat (und darüber hinaus noch viele mehr)? Diese Existenz eines autarken Lebensraums –hier in Form des Marco Polos – nutze ich in meinen Urlauben, um an entlegenen Orten die Natur hautnah zu erleben und zu genießen. Außerdem bereitet mir das Befahren kleinster Passstraßen mit ihren unendlichen Kurven und atemberaubenden Weitblicken große Freude. An diesem Wochenende habe ich ebendies wieder getan, nur meinen in die Jahre gekommenen Bulli durch den Marco Polo ersetzt.

Los geht’s!

Unsere Anfahrt führt durch das Rheintal an die Schweizer Grenze. Hier weiß der Marco Polo mit seinem kräftigen Motor zu begeistern und den Vorausfahrenden durch das Auftauchen im Rückspiegel einen Schrecken einzujagen. Mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde pflügt er über den Asphalt und fühlt sich dabei immer noch an wie ein Pkw. Kein Vergleich zum Bulli, dessen Reisegeschwindigkeit teilweise nicht einmal drei Stellen aufweist.

Sieben Pässe und unzählige Kurven

Am Genfer See steigt das Thermometer erstmals über 30 Grad. Ohne Display-Anzeige wäre das aber niemand aufgefallen, da der Innenraum auf komfortable 20 Grad klimatisiert ist. Doch kaum später sinkt die Außentemperatur auch schon wieder. Wir haben Martigny und somit den Ausgangspunkt des „Großen Sankt Bernhard“ erreicht. Er verbindet die Schweiz mit Italien. Natürlich benutzen wir nicht den Tunnel, sondern die Passstraße. Diese windet sich auf über 2.400 Meter Höhe. Auch an dieser Stelle begeistert der Motor des Marco Polo. Scheinbar mühelos schiebt er das leer schon fast 2,5 Tonnen schwere Fahrzeug den Berg hinauf. Bei der Kurvenhatz geben unzählige kleinere Fahrzeuge klein bei und lassen passieren.

Nach dem obligatorischen Foto vor dem Pass-Schild (es sollen noch sieben weitere folgen) folgt die Abfahrt nach Aosta. Die Begeisterung ist die gleiche mit dem einzigen Unterschied, dass hier die Bremsen knistern und nicht der Motor (wie während der Auffahrt).

Unten in Aosta (Italien) angekommen, knacken wir unseren Hitzerekord des Wochenendes: 37 Grad. Wir sind heilfroh, als es nach einigen Kilometern im Tal wieder bergauf geht, in Richtung „Colle San Carlo“. Hier fanden unlängst Bereinigungen der Seitenbepflanzungen statt. In regelmäßigen Abständen liegt das (Baum-)Schnittholz am Straßenrand. Aufgrund der vorangeschrittenen Zeit und des noch ungewissen Übernachtungsplatzes, füllen wir den Fond-Fußraum reichlich mit Feuerholz für den Abend.

Übernachtungsplatz im Nirgendwo

Der „San Carlo“ mündet direkt auf halber Höhe des nächsten Passes „Kleiner Sankt Bernhard“. Aufgrund des Panoramas oben am Pass stehen dort viele weitere Camping-Mobile und schlagen ihr Nachtlager auf. Wir streben aber einen Platz für uns alleine an und suchen daher weiter. Kurz nach der Passhöhe folge ich meiner Intuition und biege rechts in einen grobschottrigen Weg ein, der steil vom Asphalt abfällt. Passt ja zum Namensgeber unseres Reisemobils: Marco Polo ging seiner Zeit ja auch nicht auf asphaltierten Straßen.

Einige Meter weiter durchläuft der Weg eine Furt, jedoch kein Problem für den Marco Polo. Immer weiter klettern wir bergauf, nur ein ebener Standplatz tut sich nicht auf. Wir befinden uns mittlerweile höher als der eigentliche Pass und haben eine weitere Furt durchquert, da endet auch der Weg, auf 2.304 Metern. Genau unser Platz! Ebene Stellfläche, ein Bach für die Morgentoilette und gigantische Weitsicht ins Tal und auf die umliegenden Berge inklusive. Aus einigen umherliegenden Steinen ist schnell eine Feuerstelle gebaut und die Steaks schmecken herrlich. Die Übernachtung im „Tausend-Sterne-Hotel“ wird morgens durch einen Kaffee aus Quellwasser abgerundet.

Fahrspaß auf der Schotterpiste

Um in die Italienischen Seealpen zu gelangen, muss man drei weitere Pässe überqueren. Der „Col de l‘Iseran“ ist der höchste asphaltierte Pass in den Alpen, hier oben fahren die Leute sogar noch Ski. Während der Anfahrt passiert man unzählige pittoreske Bergdörfchen, wo man sich nur die Frage stellen kann: Von was leben die Leute hier eigentlich? Auch die Wintersportmetropole „Val d’Isere“ liegt auf dem Weg. Riesige Hotelkomplexe stehen im Sommer völlig verlassen herum und stauben ein.

Über den „Col de la Madeleine“ gelangen wir an den „Col du Mont Cenis“. An dessen Passhöhe befindet sich ein Stausee, der auf einer Seite von der Hauptstraße umfahren wird. Auf der anderen Seite läuft eine Schotterpiste, die spektakulär gemauerte Kehren aufweist und viel Fahrspaß bereitet. Wenn nicht noch Vormittag wäre, würde sich hier sicherlich ein toller Platz für eine Übernachtung finden lassen.

Im Tal füllen wir die Lebensmittelvorräte und brechen direkt zum nächsten Pass auf, der „Colle delle Finestre“. Meiner Meinung nach einer der Pässe mit den interessantesten Serpentinenkombinationen. Auf der Karte sieht er aus wie die Aufzeichnung eines Seismographen. Dem Heckantrieb sei Dank: Trotz langem Radstand lassen sich alle Kehren ohne Zurückstoßen durchfahren. Ab der Hälfte ändert sich der Fahrbahnbelag zu Schotter. In Verbindung mit lang anhaltender Trockenheit eine staubige Angelegenheit, die dem Marco Polo einen schönen „Abenteurer-Look“ verpasst. Nach landestypischen Mittag mit Käseplatte und Polenta auf der Almhütte fahren wir wieder ab.

Stella Alpina

Eine 50-Kilometer-Verbindungsetappe führt uns nach Bardonecchia, dem Ausgangsort zum „Col de Sommelier“. An diesem Berg findet auf einer Hochalm alljährlich das höchste Motorradtreffen Europas, „Stella Alpina“, statt. Schätzungsweise 1.000 Motorradfahrer campen für drei Tage auf der Alm, frönen tagsüber ihrem Hobby und genießen abends ihren Wein am Lagerfeuer. Eigentlich war es der Plan meines Vaters, dieses Jahr auch teilzunehmen. Aufgrund seines Unfalls ist dies nun hinfällig. Aber immerhin waren wir im Marco Polo vor Ort, wenn auch drei Wochen zu früh.

Auf dieser Almwiese findet das jährliche Motorradtreffen Stella Alpina statt.

Ab der Hochalm führt die Schotterpiste noch weiter bis zum Gletscher auf 3.000 Metern. Der Weg wird ab hier aber deutlich ausgesetzter. Wir wollen jetzt aber wissen, zu was der Marco Polo im Stande ist und fahren weiter. Die Kehren sind nun so eng, dass rangiert werden muss. PARKTRONIC hat uns bislang gute Dienste geleistet, aber jetzt piept das System uns tolle Lieder – wir entscheiden uns, das System auszuschalten. Sehr hilfreich ist die 360-Grad–Kamera mit Draufsicht. Dank ihr lässt sich erkennen, ob der gewählte Lenkeinschlag im Nichts, also Abgrund enden würde oder noch Boden unterm Reifen ist.

Kein Weiterkommen

Der Marco Polo schlägt sich wacker und wird wohl äußerst selten von einem Fahrer so gefordert wie von mir an dieser Stelle. Jedoch sind ihm mit seinen 19-Zoll- und Niederquerschnittreifen Grenzen gesetzt. In diesem Fall ein Fels mitten auf der Fahrbahn und beengte Fahrbahn durch eine Schneewehe am Rand. Wir wollen der Ölwanne nicht den Garaus machen und sehen uns so gezwungen umzukehren.

Kurz unterhalb der Alm mäandert ein Gebirgsfluss zwischen Kiefern vor sich hin und gestaltet so tolle individual Camping-Spots. Eine der ersten Aktionen nach der Kühlung von innen (Bier), ist die Kühlung von außen (Gebirgsbach). Als wir am Lagerfeuer den Abend ausklingen lassen, halten uns die Murmeltiere ein Pfeifkonzert ab. Auch ein Fuchs kommt uns besuchen, inspiziert den Platz auf Essensreste und haut wieder ab. Eine der letzten Prüfungen des Marco Polo wartet in der Nacht auf ihn. Ein Gewitter. Aber alles hält dicht und wir bleiben trocken. Da das Dachzelt nicht winddurchlässig ist, fängt der Bus ziemlich zu Schaukeln an und wiegt uns so in den Schlaf.

Reisemobil und Alltagsfahrzeug

Der letzte Tag steht im Zeichen der schnellen Heimfahrt. Nur noch einen Pass, den „San Bernardino“ in der Schweiz, danach kommt der Geschwindigkeitslimit-Pilot rein, um die teuren Tickets in der Schweiz zu vermeiden. Ab Lindau darf’s wieder ein bisschen Bleifuß sein. Jedoch muss bei Ulm selbst der beste Marco Polo im Stau stehen.

Mein Feedback ist durchweg positiv: Der Marco Polo ist sowohl Reisemobil als auch Alltagsfahrzeug, das mit Lederausstattung, starkem Motor und erstaunlicher Wendigkeit im Stadtverkehr auftrumpfen kann.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist dualer Student mit Fachrichtung Maschinenbau (Fahrzeug-System-Engineering) und schreibt momentan seine Bachelorarbeit im Entwicklungsbereich der Truck-Getriebe.

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