Bertha Benz Fahrt: Auf den Spuren der ersten Fernfahrt

Aus einer Rauchwolke, begleitet von einem Donnerschlag, rattert plötzlich eine Kutsche auf mich zu. Vor den Wagen sind keine Pferde gespannt – die Kutsche scheint von selbst zu fahren! „Uffbasse!“, ruft mir der Kutscher mit Mannheimer Dialekt zu, kurbelt das Lenkrad nach rechts und manövriert den Wagen an mir vorbei.

Es ist Samstagmorgen und so langsam trudeln die ersten Oldtimer auf dem Gelände der Mercedes-Benz Niederlassung in Mannheim ein. Der Start zur Bertha Benz Fahrt 2017  ist in weniger als einer halben Stunde!

Eine historische Fahrt

Die Bertha Benz Fahrt wird alle zwei Jahre vom Allgemeinen Schnauferl-Club  veranstaltet und will damit an die erste Automobilpionierin Bertha Benz  und ihre historische Fernfahrt erinnern. 1888, vor 129 Jahren, startete die Frau von Carl Benz  die wagemutige Reise: Ohne ihrem Mann etwas zu erzählen, nahm sie seinen Patent-Motorwagen und fuhr allein mit ihren zwei Söhnen von Mannheim nach Pforzheim und zurück.

Dieses Jahr nehmen knapp 70 Teilnehmer mit ihren Fahrzeugen der Jahrgänge von 1886 bis höchstens 1930 an der historischen Fahrt teil. Nach und nach reihen sich die Oldtimer nach ihren Startnummern auf und ganz vorn entdecke ich auch die „Kutsche“ von eben wieder, einen Benz Viktoria von 1893.

In den Startlöchern

Die Fahrer scheinen sich untereinander alle gut zu kennen. Da werden Sprüche geklopft und Wetten abgeschlossen, wer als erster in Pforzheim eintreffen wird. Meine Mitfahrgelegenheit heute: Marianne und Günther. Sie nehmen schon seit 20 Jahren an der Bertha Benz Fahrt teil.

Ich schwinge mich auf die sehr geräumige Rückbank und lasse mich auf das alte Leder plumpsen. Sehr gemütlich. Ein Dach gibt es nicht, aber bei dem schönen Wetter werden wir das heute auch nicht brauchen. Ich drehe mich um, um den Anschnallgurt zu suchen. Hm. Nichts. Günther wird schon vorsichtig fahren, denke ich mir und lehne mich zurück.

Zum Abschied wird uns noch auf den Kotflügel geklopft. Die Kolonne setzt sich in Bewegung und schon geht es los.

Fanmeile an der Strecke

Wir und die anderen Oldtimer brausen durch Mannheim – manche schneller, manche langsamer. Vorbei an „gewöhnlichen“ Autos, die uns brav Platz machen. Marianne navigiert uns mit dem Streckenplan in Richtung Ladenburg. Hier benutzt keiner der Fahrer ein Handy, das wäre ja geschummelt. Als wir einen anderen Oldtimer überholen, zieht Günther an einem Hebel: „Trööööt!“ und grinst beim Vorbeifahren den Insassen eines noch älteren Modells zu.

Außerhalb von Mannheim, im kleinen Örtchen Ilvesheim, scheint man uns schon erwartet zu haben. Überall an der Straße haben Anwohner ihre Campingstühle aufgeklappt und sich mit der gesamten Familie platziert. Jeder winkt und lacht als wir vorbeirattern und Günther seine Hupe tröten lässt. Ich bin überrascht, wie ansteckend die tolle Stimmung hier an der Strecke ist und winke den lachenden Gesichtern zurück.

Über den Neckar

Als einer der Ersten kommen wir in Ladenburg an. Mit einer Fähre soll es hier über den Neckar gehen. Nur sieben Fahrzeuge passen auf das kleine Schiff und so bildet sich hinter uns allmählich eine lange Schlange von Oldtimern. Ein toller Anblick, wie sie hier alle am Fluss stehen! Mit uns rollt auch der Benz Viktoria an Bord.

Nach dem Übersetzen muss das kutschenähnliche Gefährt jedoch von fünf Männern den Berg hinaufgeschoben und dann mit einer Kurbel gestartet werden. Alles klappt, der Benz rollt an und der Beifahrer muss mitjoggen, um wieder aufzuspringen. Wie im 19. Jahrhundert – Ich bin völlig fasziniert so etwas Mal in Aktion zu sehen. Und Hut ab für Bertha Benz, die das damals alles allein bewerkstelligt hat!

Die älteste Tankstelle der Welt

Die Fahrt geht weiter und man merkt, dass Marianne und Günther ein eingespieltes Team bei der Bertha Benz Fahrt sind. Ruckzuck sind wir bei unserem nächsten Halt in Wiesloch. Vor 129 Jahren ging Bertha Benz hier der Kraftstoff aus und sie kaufte in der Wieslocher Stadtapotheke Ligroin. Wie ich erfahre, war das ein Reinigungsmittel, welches aber für den Antrieb eines Motors geeignet war.

Wir halten kurz vor der Apotheke und ich sehe ein weiteres kutschenähnliches Fahrzeug mit zwei größeren Holzrädern hinten und einem kleineren vorne. Darauf sitzt eine Frau in einem edelaussehenden Kleid, großem Hut und Schirmchen in der Hand. Zwei kleinere Jungs helfen dabei, den Wagen langsam vor die Apotheke zu schieben. Hier auf dem Platz hat sich eine größere Menschenmenge versammelt, die das Schauspiel beobachtet. Die Frau bekommt den Kraftstoff beim Apotheker und die Fahrt wird fortgesetzt, die Oldtimer-Kolonne im Anschluss. Die Stadtapotheke in Wiesloch gilt als die älteste Tankstelle der Welt.

Für mich endet die Fahrt hier leider schon und ich muss mich von meinen Mitfahrern verabschieden. Es war ein toller Tag und eine tolle Erfahrung, die historischen Autos in Aktion zu sehen! Meine Haare sind vom Wind völlig zerzaust und ich merke, dass ich doch einiges an Sonne abbekommen habe. Hätte ich mich doch mal besser entsprechend mit Hut und Schirmchen für die Fernfahrt gekleidet!


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
4.9 / 5 (146 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Dieser Artikel wurde von geschrieben. Sie ist Praktikantin im Bereich Unternehmenskommunikation und arbeitet im Team Theme-based PR und Corporate Social Responsibility-Projects. Ihr neues Lieblings-Auto: Der weiße Benz SSK von 1925.

Lernen Sie weitere Autoren kennen oder lesen hier mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. Mehr als Yin und Yang: Hier zeigt Daimler seine neue China-Kunst

    Sascha Pallenberg: Da mache ich doch den Vorschlag: anschauen, sich Gedanken machen und dann...

  2. Daimler Türk-Treff feiert 25-jähriges!

    Uwe Knaus: Hallo Ismet Cetin, um den Inhalt ihres Kommentares zu verstehen, musste ich ihn mir...

  3. Gastbeitrag: Die Verwandlung – Von Karl-Otto Völker zu Gottlieb Daimler

    Torsten: Lesenswerter Artikel zur Geschichte unserer schönen Daimlerstadt Schorndorf!

  4. Benz & ballet – How arts and automotive themes go hand in hand

    Björn Bergfelder: Empower creativity on all Levels, thats what makes us strong! Great initiative...

  5. Auf ein Date mit dem Concept EQ

    Tommy E: ich stehe der Elekromobilität sehr zwiegespalten gegenüber. Einerseits weg von den...