Auf den Spuren eines Setra Reisebusses

Es ist fünf Uhr morgens. Ich stehe am Busterminal des Stuttgarter Flughafens und warte auf meinen Bus – genauer gesagt, meinen Flixbus. Heute fahre ich zum ersten Mal mit einem Fernbus. Und zwar dorthin, wo Setra Reisebusse und damit 80 Prozent aller Fernbusse produziert werden: ins EvoBus-Werk in Neu-Ulm.

Nach der Weltpremiere des neuen Setra Doppeldeckers bin ich neugierig geworden. Wie entsteht so ein Reisebus? Welche Produktionsphasen durchläuft er? Wie lange dauert die Produktion eines einzelnen Busses? Diese Fragen möchte ich heute Jochen Duppui stellen. Er ist Werkleiter in Neu-Ulm und kennt sich mit den Abläufen bestens aus. Um acht Uhr bin ich mit ihm verabredet. Davor kann ich jetzt aber erst einmal die Fahrt im gemütlichen Setra genießen. Denn mein Fernbus ist inzwischen in Stuttgart angekommen und bringt mich jetzt nach Ulm…

Im Herzen der Reisebusproduktion

6:30 Uhr: Ankunft in Ulm-Böfingen. Mitten im Industriegebiet steige ich aus. Ich habe keine Ahnung wo ich bin. Zum Glück ist das öffentliche Verkehrsnetz in Ulm so gut ausgebaut! Von hier geht’s für mich im Mercedes-Benz Citaro Stadtbus weiter Richtung Stadtmitte und von dort zum Werk in Neu-Ulm, wo ich mich direkt mit Jochen Duppui treffe. Er erklärt mir, was die Reisebusproduktion so besonders macht.

Erst das Kundengespräch…

Die Entstehung eines Reisebusses beginnt mit dem ersten Kundengespräch. Den Wünschen sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Im Setra Kundencenter wird jeder Kunde individuell beraten und hat die Wahl aus unzähligen Möglichkeiten: Fahrzeug-Typ, Motorisierung, Außenfarbe, Sitze, Polster, Farbe der Vorhänge und des Bodens. Je nach Vorliebe kann so ein Reisebus hohe sechs- oder auch siebenstellige Beträge kosten. Selbst die kuriosesten Wünsche werden umgesetzt. So wird jeder Bus zum Unikat. Das trifft vor allem auf Doppeldecker zu: Sie sind die komplexesten Fahrzeuge mit dem höchstem Individualisierungsgrad. Vom Bistro-Bus mit 80.000 Euro teurer Küche bis hin zum Tourbus in Rosa ist alles möglich.

…dann die Produktion

Nach dem Kundengespräch beginnt die Entwicklung des Busses, das heißt die Wünsche der Kunden werden technisch umgesetzt und in eine Baubeschreibung übersetzt. Das ist aufgrund von Sonderwünschen teilweise eine große Herausforderung. Der Rohbau findet übrigens im tschechischen Holýšov statt. Von dort aus werden die Teilelemente der Tragstruktur ins EvoBus-Werk nach Mannheim gebracht, wo sie zur kompletten Tragstruktur zusammengebaut werden.

„Vollbad“ gegen Korrosion

Für den Korrosionsschutz wird dann eine so genannte kathodische Tauchlackierung – kurz: KTL – durchgeführt. Dabei wird der gesamte Rahmen des Reisebusses in einem riesigen Becken mit vier Metern Tiefe und 15 Metern Länge versenkt und lackiert. Nach der KTL-Lackierung werden noch die Außenhautteile angebaut und schon geht die Reise für den Bus weiter: Über die Schienen von Mannheim nach Neu-Ulm, wo der Bus schließlich zum Leben erweckt wird.Was hier im Werk mit den Rohbauten passiert, sehe ich mir persönlich an. Nach meinem Gespräch mit Herrn Duppui führt mich ein langjähriger Mitarbeiter der EvoBus durch die Produktionshallen.

Busproduktion ist Manufaktur

Sicherheitsschuhe an – los geht’s. Unser Rundgang beginnt in der größten Produktionshalle. Hier bekommen die Busse ihr Fahr- und Triebwerk, den Innenausbau, die Verglasung und ihnen werden – wie Duppui es formuliert – die „Blutbahnen“ eingesetzt, also Elektro-, Wasser- und Kraftstoffleitungen sowie Klimatisierung und Medienausstattung. Ich bin überrascht, dass nur wenige große Maschinen in der Halle stehen. Wenn ich an die Automobilproduktion denke, habe ich lange Produktionsstraßen mit Robotern vor Augen, die automatisiert Teile an die Fahrzeuge schrauben. In der Busproduktion ist das anders: Hier entsteht das Fahrzeug überwiegend in Handarbeit. Die Busproduktion ist eine Manufaktur.

Körpereinsatz für „Best Buses“

Heute sehe ich zum ersten Mal, wie die Arbeiter präzise Teil für Teil an der Karosserie befestigen. Oft ist dabei ganzer Körpereinsatz gefragt, beispielsweise beim Einbau der schweren Frontscheibe. Hier ist jahrelange Erfahrung und vor allem Herzblut nötig. Die Taktung pro „Station“ beträgt übrigens 36 Minuten. Alle 36 Minuten wird also ein Teil an den Bus geschraubt, bevor er zur nächsten Station rollt. Trotz dieser kurzen Zeit ist der Anspruch der EvoBus, bei jedem einzelnen Produktionsschritt 100 Prozent Qualität zu liefern. Jeder Handgriff muss passen, damit „Daimler Buses“ zu „Best Buses“ werden. Auf Qualität wird hier besonders viel Wert gelegt. Deshalb folgt auf die Inbetriebnahme der Busse eine umfangreiche Qualitätskontrolle.

Handarbeit auch in der Sitzproduktion

Wir gehen weiter in Halle 60. Hier werden pro Jahr rund 200.000 Sitze produziert – jeder davon in Premiumqualität. Auch hier sind den Kundenwünschen keine Grenzen gesetzt: Aktuell werden rund 600 verschiedene Stoffe verarbeitet, dazu gehören 300 Kollektionsstoffe. Diese können je nach Geschmack individuell kombiniert werden. Für die 200.000 Sitze werden pro Jahr 467.000 Quadratmeter Stoff verarbeitet – damit könnten 65 Fußballfelder ausgelegt werden! Der Stoff wird mit einer speziellen Maschine zurechtgeschnitten. Genäht werden die Sitze dann allerdings von Hand. Und zwar mit einer Spezialnähmaschine, die pro Minute doppelt so viele Stiche wie eine handelsübliche Nähmaschine leisten kann. Um noch eine weitere unglaubliche Zahl zu nennen: Alle Maschinen nähen zusammen pro Jahr 2,7 Millionen Meter Garn – das entspricht der Strecke von Neu-Ulm bis Kairo.

Individuelles Design für individuelle Busse

Damit der fertige Reisebus auch von außen ein Highlight wird, kümmern sich die Mitarbeiter der Lackiererei um die Optik. Die Kunden können zwischen Folierung, Lackierung oder Digitaldruck wählen, um Logos, Bilder oder sonstige Grafiken auf den Bus zu bringen. Häufig werden für die individuellen Designs auch mehrere Techniken angewendet. Aufwendige Lackierungen erfordern höchste Professionalität. Deshalb bildet das Werk Neu-Ulm auch eigene Lackierer aus, die auf die wahre Kunstwerke auf die Busse zaubern. Aber auch beim Bekleben und Folieren ist Präzision gefragt.

Die Endmontage

Insgesamt dauert die Endmontage in Neu-Ulm drei bis vier Wochen. Bei Doppeldeckern kann das auch mal länger dauern, je nachdem, wie viel Handarbeit nötig ist. Vom ersten Kundengespräch bis zur Auslieferung des fertigen Fahrzeugs vergehen in etwa fünf Monate. Dann kann das fertige Fahrzeug in der Auslieferungshalle in Neu-Ulm abgeholt werden. Heute stehen dort zufällig auch zwei Doppeldecker für Flixbus.

Mit dem Doppeldecker nach Hause

Apropos Flixbus. Nach zweieinhalb Stunden Werksbesichtigung wird es für mich Zeit zu gehen. Denn so wie ich von Stuttgart nach Neu-Ulm gekommen bin, fahre ich auch wieder zurück. Also schnell wieder aus den Sicherheitsschuhen raus. Ich bedanke mich für den spannenden Vormittag und mache mich wieder auf den Weg nach Ulm-Böfingen. Dort angekommen warte ich eine Weile mit anderen Flixbus-Fahrgästen. Erstaunlich, wie viele Busse innerhalb der halben Stunde dort ankommen und wieder abfahren! Dann biegt ein grün-orangener Setra Doppeldecker um die Ecke. Das ist meiner!

„Top View“ im Fernsehturm und Fernbus

Ich setze mich ins Oberdeck. Wir sind nur wenige Fahrgäste – gute Voraussetzungen für eine entspannte Fahrt mit bester Aussicht. Ich lasse meine kleine Reise und die Eindrücke, die ich heute in der Produktion gesammelt habe, Revue passieren. Erst die Setra Weltpremiere, dann der Blick in die Produktion: Mein Trip auf den Spuren eines Reisebusses begann mit einer „Top View“ auf dem Fernsehturm und endet mit einer „Top View“ aus dem Doppeldecker. Das war definitiv nicht meine letzte Fahrt im Fernbus. Beim nächsten Mal sitze ich dann vielleicht schon im neuen Setra S 531 DT – selbstverständlich im Oberdeck.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Sie ist seit April 2016 Werkstudentin in der globalen Wirtschaftskommunikation von Daimler Commercial Vehicles. Sie hat eine Leidenschaft für alles, was mindestens zwei Räder, einen Motor und ordentlich Pferdestärken hat. 2015 hat sie durch Daimler Buses ihre Begeisterung für Nutzfahrzeuge entdeckt. Seitdem schaut sie nicht mehr nur AMGs hinterher, sondern auch schönen Lkw und Bussen.

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