Töchteraustausch franco-allemand

„Ich will auch ausgetauscht werden!“ – sagte unsere 8-jährige Tochter, nachdem sie eine französische Austauschschülerin kennengelernt hatte. Gesagt, getan: Da ich aus meinem Beruf weiß, wie wichtig Flexibilität und interkulturelles Fingerspitzengefühl sind, haben wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Austauschprogramm gemacht …

Bonjour tout le monde! Zunächst einige Worte zu mir: Seit fast 20 Jahren bin ich „beim Daimler“. In meiner Zeit im Accounting verantwortete ich die bilanzielle Betreuung von rund 70 in- und ausländischen Gesellschaften. Ich war weltweit unterwegs und lernte dabei auch, mit den verschiedenen Kulturen umzugehen.

Wissen, wie der andere tickt

Seit fünf Jahren arbeite ich in der Konzernrevision und verantworte konzernweit die Prüfung von Mergers & Acquisitions-Transaktionen und Kooperationen. Der Fokus liegt neben der Projektabwicklung hauptsächlich darin, ob und wie die jeweiligen Kooperationen in den Daimler Konzern integriert sind. Da jede Kooperation unterschiedlich ist, ist ein flexibles und agiles Vorgehen erforderlich. Auch wenn wir alle beim Daimler arbeiten – in der Zusammenarbeit mit den japanischen Kollegen/innen gibt es etwas anderes zu beachten als in der mit den amerikanischen. Offen zu sein für andere Menschen, Kulturen, zu spüren, wie der andere „tickt“ – das wird immer wichtiger, auch in unserer weltweit arbeitenden Firma.

Früh übt sich

Alle diese Erfahrungen mit verschiedenen Kulturen und Sprachen spielen auch im privaten Umfeld eine Rolle. So ist es mir wichtig, meinen drei Töchtern zu ermöglichen, schon früh zu sehen, wie die Menschen in anderen Ländern leben. Alles fing damit an, dass Elise davon erzählte, dass ein französisches Mädchen an ihrer Schule sei. Nun, in einer Universitätsstadt wie Tübingen nicht weiter ungewöhnlich. Immer wieder erzählte sie davon und schloss eines Tages mit der Bemerkung, sie wolle auch ausgetauscht werden. Erst da horchten wir auf: Wie – ausgetauscht?

Gesucht, gefunden

Nach diversen Internetrecherchen waren alle notwendigen Informationen besorgt: Tatsächlich, es gibt ein Austauschprogramm für 8- bis 10-Jährige von Allef Deutschland e.V. !

Allef ist ein Team aus ehrenamtlich tätigen Eltern mit der Vision des gemeinsamen Europas. Seit 1995 werden Austausche vorwiegend zwischen Frankreich und Deutschland vermittelt. Vereinzelt gibt es auch Austauschprogramme nach Großbritannien.

Wir haben uns und Elise noch einige Monate Zeit gelassen, aber sie kam immer wieder mit ihrem Wunsch und so meldeten wir sie im Juli 2016 schließlich an. Allef will sehr viel von der Familie wissen, nicht nur die Standardfaktoren wie Adresse und Geburtsdaten. Nein, der Fragebogen umfasst mehr als 20 Seiten und es geht auch um die Hobbys von Elise und was sie gerne spielt, um die Arbeitszeiten von Mutter und Vater, Infos über Großeltern, gemeinsame Aktivitäten von Eltern und Kindern, Impfungen und und und. Anhand der Unterlagen versucht Allef eine passende Familie zu finden.

Ein Austausch für die ganze Familie

Da es in so jungen Jahren sehr wichtig ist, dass alles so gut wie möglich passt, muss sich zudem die gesamte Familie vorstellen. Wir hatten dazu einen super Termin erwischt: die Feier zum 20-jährigen Bestehen von Allef auf der Burg Warburg bei Magdeburg. Das war ein tolles motivierendes Wochenende. Viele ehemalige und aktuelle Austauschkinder waren da – und Elise wollte immer noch nach Frankreich. Wir sind alle fröhlich nach Hause gefahren und haben abgewartet, wie es weitergeht. Bei dem Vorstellungsgespräch waren nicht nur die deutschen Familienbetreuer dabei, auch die französischen und englischen waren angereist. Mehrfach im Jahr treffen sich alle, damit sie von allen Familien einen persönlichen Eindruck zu bekommen und die Familien passend zusammen zu bringen. Denn der Austausch betrifft die ganze Familie!

Harte Zeiten für uns Eltern

Einige Wochen später kam ein Anruf: Eine passende Familie ist gefunden – wollen wir immer noch? Alle müssen den Austausch machen wollen, denn es ist ein ganz besonderes Jahr für die ganze Familie: Zuerst fehlte Elise für sechs Monate und die zwei Schwestern von Elise, Leonie und Clarissa, fanden auf eine andere Art zueinander. Für uns Eltern waren es harte sechs Monate – vielleicht härter als für Elise, die nach den ersten schwierigen Wochen ihre Zeit sehr genoss. Wir haben sie sehr vermisst. Umso größer war die Wiedersehensfreude, als wir alle nach La Rochelle fuhren, um sie abzuholen! Ihr aktives Deutsch hatte sie zum größten Teil vergessen, aber ihr Französisch war, zumindest in unseren Ohren, fließend.

Französische Tochter auf Zeit

Im September 2016 kam Sélya zu uns, unsere französische Tochter. Die ersten Wochen waren zeitintensiv und mit Heimweh verbunden. Nach fast sechs Monaten, spricht sie ganz selbstverständlich Deutsch, ruft Freundinnen an, macht ihre Hausaufgaben. Sie hat nicht nur deutsch gelernt, sondern auch Maultaschen, Spätzle und andere Essenzeiten kennengelernt, ein anders Schulsystem, neue Freundinnen gefunden und neue Fähigkeiten wie zum Beispiel Volleyball und Flöte spielen für sich entdeckt. Für sie sind viele typische Eigenarten nun ganz vertraut und selbstverständlich.

Neue Bande fürs Leben

Neben dem Erwerb einer Fremdsprache in jungen Jahren ist das der andere große Pluspunkt: Elise hat früh gelernt, dass die Menschen in Frankreich zwar französisch sprechen, andere kulturelle und kulinarische Spezialitäten haben – aber ansonsten ganz normal sind: Man steht auf, geht zum Arbeiten und in die Schule, muss Hausaufgaben machen und sein Zimmer aufräumen… Die neue Sprache und das Wissen, dass alle Menschen gleich sind, werden Elise und Sélya ein Leben lang begleiten. Clarissa und Leonie haben eine neue kleine Schwester und wir alle zusammen starke Verbindungen nach Frankreich – wahrscheinlich ein Leben lang.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er arbeitet in der Konzernrevision der Daimler AG und verantwortet konzernweit die Prüfung von Mergers & Acquisitions-Transaktionen und Kooperationen. Er ist Vater von drei Töchtern – plus einer französischen Tochter auf Zeit.

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