Im Begleitfahrzeug bei der Mille Miglia

Mein erster Berührungspunkt mit der „Mille“ hat mit Zeit zu tun. Vor einigen Jahren schenkte mir ein guter Freund eine Uhr mit der Aufschrift „Mille Miglia“. Damals war ich noch nicht „beim Daimler“ und – zugegeben – ich wusste überhaupt nicht, was es mit dieser Veranstaltung auf sich hat.

Autorennen, Italien, Oldtimer. Okay, da lässt sich eine Verbindung zum Thema „Zeit“ herleiten. Aber erst als ich jetzt im Begleitfahrzeug bei der legendären Klassiker-Rallye mitgefahren bin, habe ich gelernt, dass es hier weniger um Geschwindigkeit geht.

Ich bin Redakteur in der Abteilung „Digitale Kommunikation“ und durfte in den Daimler-Medien über die Mille Miglia berichten. Das geht natürlich am besten, wenn man mittendrin statt nur dabei ist. Zusammen mit einem Kollegen sitze ich also im Begleitfahrzeug, einer G-Klasse. Auf der Windschutzscheibe ein blauer Aufkleber mit der Aufschrift „Media“. Das heißt, wir dürfen auf Streckenabschnitten fahren, die für den normalen Verkehr eigentlich gesperrt sind. Als kleines persönliches Maskottchen trage ich meine „Mille“-Uhr am linken Handgelenk.

Gestartet wird traditionell in Brescia

Am Starttag treffen sich die Fahrer zunächst in der Innenstadt vor dem Teatro Grande. Nach einer kurzen Video-Interview-Session mit Ellen Lohr und Bernd Mayländer nutze ich die Gelegenheit, mir die Autos von Mercedes-Benz Classic in Ruhe anzusehen. Da stehen sie: Die Sportwagen vom Typ 300 SL „Gullwing“, die ihren englischen Beinamen – zu Deutsch „Möwenschwinge“ – ihren Flügeltüren verdanken. Daneben ihr „kleiner Bruder“, der Roadster 190 SL. Auch ein Ponton-Mercedes W 180 darf nicht fehlen. Und – ein Prunkstück – der SSK aus dem Jahr 1928. Blankpoliert blitzen die Oldtimer in der heißen italienischen Sonne. Um sie herum Trauben von Passanten.

Los geht’s auf der Viale Venezia. Meine Uhr zeigt mittlerweile 14.30 Uhr an. Volksfeststimmung beim Publikum. Röhrende Motoren. Stechender Benzingeruch liegt in der Luft. Anders als man es von einem Rennen erwartet, verläuft der Start sehr geordnet und eher gemächlich. Kein gemeinsames Lospreschen, kein Drängeln. Nein. Einer nach dem anderen. Schon hier zeigt sich, was die „Mille“ in Wirklichkeit ist: eine Gleichmäßigkeitsfahrt. Zwar ist der Zeitfaktor nicht ganz unwichtig, aber hier soll vor allem demonstriert werden, wie zuverlässig die alten Kisten immer noch sind. Eine Hommage an die Technik früherer Zeiten – wenn man so will. Und ganz nebenbei sollen die Fahrer auch die Reise durch die malerische italienische Landschaft und die historischen Stadtkulissen genießen.

Hier gelten andere Regeln

Am Steuer unseres Begleitfahrzeugs reihe ich mich ins Feld ein. Kurs: Am Gardasee vorbei bis nach Padua. Mein Co-Pilot, ein englischer Kollege, fotografiert das Geschehen um uns herum. Anfangs fahre ich noch recht zurückhaltend, wie ich’s halt vom Stuttgarter Feierabendverkehr gewohnt bin. Ich lerne aber schnell: Bei der „Mille“ gelten andere Regeln. Nachdem mich eine ganze Reihe Oldtimer überholt haben, werde auch ich etwas mutiger und bleibe an den Autos dran.

Ich staune. Für die italienischen Verkehrsteilnehmer scheint die Mille Miglia mitten auf ihren Straßen etwas ganz Selbstverständliches zu sein. Keine irritierten Blicke, kein wildes Hupen, wenn sich die bunten mit Startnummern beklebten Oldies ihren Weg durch den Stadtverkehr bahnen. Im Gegenteil. Man macht ihnen Platz, weicht aus, wartet, bis die Mille-Boliden vorbeigezogen sind. Anscheinend hat dieses legendäre Straßenrennen, das immerhin jährlich stattfindet, seinen festen Platz in den Herzen der Autofans.

Dieser Eindruck bestätigt sich mit jedem Kilometer, den ich hinter den Fahrzeugen „herjage“. Vor allem in den engen Gassen, die sich wie Würmer durch die historischen Stadtkerne winden, begrüßen uns die Italiener wie lang ersehnte Gäste. Dicht gedrängt stehen sie zu beiden Seiten der Straße Spalier, sitzen in Straßencafés, die Beine – gemütlich übereinander geschlagen – ragen in die Fahrbahn. Ich muss aufpassen, dass ich niemanden streife. Kinder wedeln mit den rot-weißen Mille-Miglia-Fähnchen, Erwachsene fotografieren, Ältere winken. Ich winke zurück. Aber nur kurz. Das Lenkrad verlangt beide Hände, um die G-Klasse um die nächste scharfe Abbiegung zu bugsieren.

Chasing Ellen Lohr

Später auf der Landstraße schließe ich zum Feld auf. Ein Mercedes fällt mir besonders auf. Ein roter 300 SL Flügeltürer, Startnummer 354. Kein Zweifel, das ist Ellen Lohr. Die Markenbotschafterin und frühere DTM-Fahrerin ist in verschiedenen Rennserien aktiv. Da erwacht doch gleich der Sportsgeist in mir. Ob‘s mir wohl gelingt, an ihr dranzubleiben?

Nun habe ich nicht grade ein schwaches Auto unterm Hintern, merke aber schnell, dass es mit Motorpower allein nicht getan ist. Die Frau kennt ihr Auto genau und steht mit der Fahrphysik auf „Du und Du“. Sobald sich eine Lücke im Gegenverkehr auftut, zieht sie links raus, überholt, erwischt vor der Kurve exakt den richtigen Bremspunkt – und verschwindet hinter der nächsten Biegung. Abgehängt. Na ja, ich bin halt kein Racer.

In der „Ewigen Stadt“

Ich war noch niemals in Rom. Umso spannender finde ich, dass mich die Mille Miglia am zweiten Renntag ausgerechnet in diese geschichtsträchtige Stadt führt. Rom ist der Umkehrpunkt der Rallye. Von hier aus geht es tags darauf nach Parma und von dort wieder zurück nach Brescia. Nun bin ich nicht zum Sightseeing hier, aber ich hätte schon gerne einen Blick auf das ein oder andere Bauwerk erhascht – wenn auch nur im Vorbeifahren. Doch dazu kommt es nicht. Es ist bereits dunkel, als mein Beifahrer und ich die „Ewige Stadt“ erreichen. Und statt an den Fensterscheiben kleben meine Augen an unserem Tablet, auf dem unser Auto als Punkt durch den digitalen römischen Straßenplan kriecht.

Ich dirigiere meinen Kollegen zur „Finish Line“ irgendwo in der Stadtmitte. Hier geht es zu wie auf dem Jahrmarkt. Menschen wohin ich blicke. Wild umher wuselnd. Kurzerhand lassen wir unser Auto stehen, bewaffnen uns mit Kameras und Mikrofonen und arbeiten uns durch die Menschenmassen zur Ziellinie vor. Grelles Flutlicht ergießt sich auf die breite Hauptstraße – inzwischen kommen schon die Oldtimer an.

Darunter auch der 300 SL mit Motorsportchef Toto Wolff am Steuer. Während er im Schritttempo auf die Zielrampe zurollt, öffnet er die Flügeltür und wir ergreifen unsere Chance. Ein kurzes Statement. „Wie war die Fahrt? Wie war das Auto?“ Totos Antwort lässt keine Fragen offen: „Das Auto ist einfach super. Technisch wunderbar. Es macht Riesenspaß, damit zu fahren. Vor allem auf so einer beeindruckenden Route.“

Am Ziel: Dabei sein ist alles

Am Sonntag fahren die Oldtimer ihre letzte Mille-Etappe. Zurück nach Brescia. Hier hat das Rennen vor vier Tagen begonnen. Ich stehe auf der Viale Venezia, kurz vor der Ziellinie. Nach und nach treffen die Klassiker ein. Mit meiner Videokamera gehe ich von Auto zu Auto, frage nach den Eindrücken und wie das Rennen so gelaufen sei. Die Stimmung unter den Fahrern ist gelöst. Wie ich schon erwähnt habe, geht’s hier weniger um Geschwindigkeit.

Ich spüre mehr den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles“. Für mich war es das erste Mal, dass ich bei dieser Tour dabei sein durfte. Als ich wieder in Stuttgart in meinem Büro sitze, fragt mich eine Kollegin: „Was macht dieses Straßenrennen eigentlich so einzigartig?“ Nun, aus meiner Sicht vor allem drei Dinge: Oldtimer – faszinierende Städte – traumhafte Landschaften. Und nach einem Blick auf meine blaue Mille-Miglia-Uhr erinnere ich mich an den Tipp, den mir ein erfahrener Mille-Organisator zu Beginn des historischen Rennens gab:

Genieße den Augenblick.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist Redakteur in der Abteilung „Digitale Kommunikation“ bei Daimler. Dort ist er vor allem für die Classic-Themen zuständig.

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