Ist der Mensch ein biologischer Baukasten?

Mit diesem provokanten Titel begann Prof. Dr. Anthony Ho seinen fulminanten Vortrag „Stammzellforschung zwischen Versprechung und Erfüllung“ im Mercedes-Benz Museum. Damit meldete sich ein Wissenschaftler zu Wort, der sich gleichermaßen so fundiert wie kritisch mit den Verheißungen einer Technologie auseinandersetzte, die seit der ersten Knochenmark-Transplantation im Jahr 1957 die Behandlung für zahlreiche schwere Erkrankungen revolutionierte.

Der Vortrag fand im Rahmen der Reihe „Dialog im Museum“ statt, die gemeinsam von der Daimler AG, der Daimler und Benz Stiftung sowie dem Mercedes-Benz Museum veranstaltetet wird und bei der Mitarbeiter des Konzerns sowie Persönlichkeiten aus der Region Stuttgart zu einem Austausch über aktuelle wissenschaftliche Themen zusammenkommen. Für die Daimler AG begrüßte Dr. Barbara Schuele, Leiterin des Gesundheitsmanagements VAN & Headquarter, die rund 250 Gäste im voll besetzten Großen Saal des Museums. Als Ehrengast wurde Herr Prof. Dr. Breitschwerdt, ehemals Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG sowie Gründer der Daimler und Benz Stiftung begrüßt.

Bedeutung für Regenerative Medizin

Mit der beständigen Verlängerung der Lebenserwartung, die gegenwärtig in Deutschland bei Männern 78 und bei Frauen 83 Jahre beträgt, , geht ein Anstieg an sogenannten Degenerationserkrankungen und damit Kosten einher. Prof. Dr. Anthony Ho sagt:

 Ein längeres Leben ist gewiss gut für das Individuum, aber es bedingt zugleich negative Auswirkungen für das Renten- und Gesundheitssystem.

Bei der Kostenbegrenzung komme der Behandlung mit Hilfe von Stammzellen als Teil der Regenerativen Medizin zunehmend Bedeutung Rolle zu. Diese hat zum Ziel, unterschiedlichste Erkrankungen durch die Wiederherstellung funktionsgestörter Zellen, Gewebe und ganzer Organe zu heilen. Dies kann durch biologischen Ersatz z.B. mit Hilfe gezüchteter Gewebe, aber auch durch die Anregung körpereigener Regenerations- und Reparaturprozesse erfolgen.

Erfolgreiche Methode

Bereits 1985 gelang es dem Team von Anthony Ho an der Universität Heidelberg –erstmals weltweit – bei einem Patienten mit Lymphdrüsenkrebs eine dauerhaft erfolgreiche Transplantation von Blutstammzellen durchzuführen. Das Besondere an der damaligen Leistung war, dass bei diesem kein Knochenmark gewonnen werden konnte und stattdessen Stammzellen aus seinem Blut extrahiert werden mussten. Das Verfahren der therapeutischen Nutzung dieses Zelltypus war bis dahin nur in Tierexperimenten gelungen und Ho wagte erstmals den Einsatz dieser Methode in der Humanmedizin. Sein Patient war damals 38 Jahre alt und erfreut sich bis heute guter Gesundheit. Mittlerweile ist diese von Ho seinerzeit eingeführte Methode zum Standardverfahren bei der Behandlung bestimmter Krebsarten geworden.

Junge Hüpfer

In seinem Vortrag und auf Nachfrage aus dem Publikum ging der Heidelberger Mediziner u.a. auf die Nutzung embryonaler Stammzellen und deren Gewinnung aus befruchteten Eizellen sowie die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland ein. Als Alternative stehen seit 2007 die sogenannten „induzierten pluripotenten Stammzellen“ zur Verfügung, also Stammzellen, die gemäß Ho aus Erwachsenen gewonnen und mittels Einsatz von verschiedenen Substanzen „von einem alten Sack zu einem jungen Hüpfer“ verwandelt werden könnten.

Dieser Typ von Stammzellen wurde von dem japanischen Wissenschaftler Shin‘ya Yamanaka entdeckt, der 2012 hierfür den Nobelpreis erhielt. Aus diesen Stammzellen lassen sich bereits Organoide, d. h. Vorstufen vollständiger Organe herstellen. Damit sei der Weg beschritten auch vollständige Organe zu züchten, doch sei es noch weit, dass diese wie in einem „Baukastenprinzip“ einfach im Patienten ausgetauscht werden könnten.

„Stammzellen stellen ein ideales Ausgangsmaterial zur Erforschung der Mechanismen fundamentaler Lebensvorgänge dar und bieten großartige Möglichkeiten für die Regenerative Medizin“, so Hos Fazit. Die Grundlage für den künftigen Erfolg könne jedoch nur durch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Grundlagen- und klinischer Forschung entstehen. Die Tendenz von Pharma-Unternehmen, bestimmte Schritte in der Stammzellbehandlung zu patentieren und mit teuren Medikamenten scheinbare Alternativen anzubieten, erteilte er eine klare Absage.


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