Die Wahrheit außerhalb der Komfortzone

„Lerne eine andere Unternehmenskultur kennen“, wurde mir gesagt. „Erfahre etwas über das Tagesgeschäft bei einem Zulieferer und beobachte vielleicht auch unterschiedliche Führungsstile“. Was nicht auf meiner Liste stand, war das Ziel, etwas über meine Heimatfirma Daimler und mich selbst zu lernen.

Und doch war dies die wichtigste Erfahrung meiner zweimonatigen Cross Company Experience (CCE) in der Vorausentwicklung der MAHLE International GmbH in Stuttgart.

Einen Schritt hinaus

Am Ende meines Traineeprogramms bei Daimler hatte ich die Möglichkeit, vorübergehend nochmal einen Schritt hinaus aus dieser großen Welt unter dem silbernen Stern zu machen. Bis dahin war ich bereits viel herumgekommen in unserem Konzern. Ich habe in der Entwicklung robuster Transporter und traumhafter Sportwagen gearbeitet, auf der Schwäbischen Alb dafür gesorgt, dass beim Bau unseres neuen Prüf- und Technologiezentrums die Nutzerinteressen auch umgesetzt werden, als Assistent Vorstandsluft geschnuppert und im Silicon Valley die Trends von übermorgen erforscht.

Bevor es für mich zurück in die VAN Entwicklung gehen sollte, stand also das Entwicklungsgeschäft eines Zulieferers an. Mit über 75.000 Mitarbeitern ist MAHLE einer der größten Systemlieferanten der Automobilbranche und besonders erfahren in der Entwicklung von Motorsystemen, Filtration und Thermomanagement. In meinem Einsatzbereich, der Vorausentwicklung, haben wir uns mit Themen beschäftigt, die zeitlich noch weit vor der Serienentwicklung liegen und erst in einigen Jahren in Fahrzeugen zum Einsatz kommen werden.

Perspektivenwechsel

Besonders spannend an meinem Projekteinsatz war, dass dieser im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft zwischen MAHLE und Daimler stattfand. Von der Projektakquise über Sondierungsgespräche bis hin zur Angebotsausgestaltung konnte ich also miterleben, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Zulieferer und Original-Equipment-Manufacturer (OEM) im Alltag gestaltet. Gespräche mit den MAHLE Kollegen über deren Erfahrungen mit Daimler, der Vergleich von typischen Verhaltensweisen auf der einen und auf der anderen Seite oder Besuche beim „Kunden“ mit MAHLE- bzw. Daimler-Besucherausweis haben mir eine Sichtweise ermöglicht, die mir sonst wahrscheinlich verborgen geblieben wäre.

Mein wichtigster Beitrag zu dieser Erfahrung war sicherlich die Bereitschaft, mich voll und ganz auf meinen temporären Arbeitgeber einzulassen. Diese hat mir dabei geholfen, anfängliche Vorbehalte der MAHLE Kollegen auszuräumen, deren Vertrauen zu gewinnen und mich als Teil der MAHLE Mannschaft zu fühlen.

Komfortzone verlassen

Gelernt habe ich in dieser Zeit vor allem Verhaltens-, Herangehens- und Sichtweisen zu hinterfragen. Fast immer gibt es mehrere Varianten davon. Selten eine richtige und eine falsche. Einfach nur unterschiedliche. In der Komfortzone, die ein großes Unternehmen bietet, tendiert man dazu, seine eigene Wahrheit als alleingültig zu betrachten. Und das birgt die Gefahr, dass wir uns auch bei Daimler gegenüber Veränderungen verschließen. Ganz zu schweigen davon, dass wir viele tolle Errungenschaften und Vorzüge unseres Unternehmens als selbstverständlich betrachten. Sind sie allerdings nicht. Sondern das Ergebnis vieler hart arbeitender Menschen, die immer wieder ihre Komfortzone verlassen, Dinge hinterfragen und bereit sind, sich und ihr Geschäft neu zu erfinden.

Eindrücke bleiben

Inzwischen bin ich in den Entwicklungsalltag eines Daimler Ingenieurs zurückgekehrt. Die Kontakte zu MAHLE und die Eindrücke der Cross Company Experience bleiben jedoch. Über mich und mein Unternehmen habe ich mehr gelernt, als ich das hier innerhalb meiner Komfortzone in so kurzer Zeit je gekonnt hätte. Ich bin froh, für diese Firma und ihre Produkte arbeiten zu können. Und noch glücklicher bin ich darüber, die Chance gehabt zu haben, diese für eine kurze Zeit verlassen zu können. Mein Bestreben gilt seither für diesen Austausch Werbung zu machen. Diese Möglichkeit sollte nicht nur Trainees und nicht nur Daimler Mitarbeitern vorbehalten sein. Oft ist es besser, mehr miteinander zu reden, als weniger. Und seine eigenen Wahrheiten durch die anderer zu ergänzen.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er hat seinen Masterabschluss als Wirtschaftsingenieur am Karlsruher Institut für Technologie erworben und vielfältige Praxiserfahrung in der Strategie von Siemens in Singapur, der Elektromobilitätsforschung am Fraunhofer Institut und als Mitgründer eines Startups im Bereich Mobilität gesammelt. Anfang 2015 ist er in das CAReer Programm der Daimler AG eingestiegen. Nach verschiedenen CAReer-Einsätzen in Deutschland und den USA hat er im Rahmen der Cross Company Experience einen Projekteinsatz in der Vorausentwicklung der MAHLE GmbH absolviert. Seit Ende 2016 arbeitet er in der Gesamtfahrzeugentwicklung des neuen Sprinters (VS30) bei Mercedes-Benz Vans in Untertürkheim.

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