Paralympics 2016: Traum, Durchführung und Lifestyle

September – ich bin am Flughafen in Frankfurt am Main und es kann endlich losgehen! Die Paralympics 2016! Nachdem die meisten Paralympioniken bereits am Vortag von Bundespräsident Joachim Gauck nach Rio de Janeiro verabschiedet wurden, folgt das Rollstuhlbasketball Nationalteam dem lauten Ruf von Rio einen Tag später.

Nach einer intensiven acht-monatigen Vorbereitungsphase auf die Paralympics 2016 hatte ich dadurch, einen Tag länger, um mich zu Hause zu erholen und mein Team weniger Stress beim Boarden am Flughafen.

Vorbereitung, Leistung und Teamchemie

Oft wurde ich von Fremden, von Freunden und der Familie gefragt: „Na, bist du schon aufgeregt?“ Eigentlich nicht, vielleicht habe ich es auch unterdrückt. So fokussiert wie in dieser Phase meines Lebens war ich bisher noch nie. Ich hatte alles getan, um mich so gut wie möglich sportlich vorzubereiten.

Der zwölf Stunden Flug gab mir viel Zeit, um mich auf das, was kommen würde, gedanklich einzustellen… Wir hatten ein Vorbereitungsturnier mit gekoppeltem Trainingslager in Niteroi, einem Vorort von Rio de Janeiro im vergangenen Juni. Hier spielte ich noch in der Startformation und wir waren auf einem guten Weg.

Paralympics 2016 - Rio de Janeiro

Außerdem haben wir gegen andere Top-Teams aus Europa gespielt und waren optimal trainiert. Es lief gut. Fast alle Testspiele haben wir mit dem Nationalteam gewonnen, ich habe eine gute spielerische Leistung abgeliefert und mich stetig verbessert. Die Teamchemie war super und nun konnte es endlich bei den Spielen losgehen!

Chaotisches Rio und freundliche Brasilianer

In Rio angekommen, musste man sich als Paralympionike registrieren lassen und bekam eine Akkreditierung, die ich von nun an für die gesamten Spiele mit mir tragen musste, um mich im Paralympischen Dorf frei bewegen zu können und in die Sporthallen reinzukommen. Diese nahm ich abends vor dem Schlafen ab und morgens hing ich sie mir wieder um den Hals.

Von den Olympioniken hatte ich ja schon im Vorfeld ein paar Geschichten gehört, dass die WCs nicht ordentlich funktionierten und der Feueralarm drei Mal pro Nacht ansprang. Wir wurden von solchen Dingen zum Glück verschont. Wir waren eben in einem Entwicklungsland und selbstverständlich lief nicht alles nach Plan ab, aber damit hatte ich auch nicht gerechnet.

Die Klobrillen waren zum Beispiel einfach aus Zeitnot nur auf die Toilette gelegt worden und waren nicht verschraubt, usw. Das waren Dinge, mit denen man leben konnte. Die freundlichen Brasilianer haben es uns mit ihrer offenen Art wieder wettgemacht!

Paralympics vs. Olympia

Das Spektakel zu Rio 2016 war bereits in vollem Gange. Die freiwilligen Helfer mit den gelb-grünen T-Shirts mit dem Aufdruck „Volunteers“ auf dem Rücken waren durch die Olympiade, die vor unseren paralympischen Spielen stattfanden, bereits routiniert und von uns Rollstuhl-Basketballern schwer begeistert.

Die „Volunteers“ konnten immer helfen und selbst wenn sie kein Englisch oder Spanisch sprachen, erzählten sie einem auf Portugiesisch alles, was sie wussten. Daraufhin antwortete ich mal lachend auf Deutsch, um ihnen zu zeigen, wie ich mich bei einem Wasserfall von Informationen auf Portugiesisch fühlte.

Es half zwar nichts, aber es machte Spaß und einige freiwillige Helfer sagten sogar unabhängig voneinander, dass es noch schöner sei, bei den Paralympics zu arbeiten als bei Olympia. Es wäre bei diesen Spielen offener, die Sportler würden auch zurück lächeln und auch mal anhalten, um ein Foto zu machen oder sich sogar zu unterhalten.

Für die Leser, die es nicht wissen: zu jeden olympischen oder paralympischen Spielen bewerben sich Volunteers aus der ganzen Welt bereits zwei Jahre vor dem Großereignis. Sie werden interviewt, ausgewählt und eingeflogen. Allerdings bekommen Volunteers kein Gehalt und müssen für Unkosten selbst aufkommen. Insofern wussten wir ihr Engagement noch stärker zu schätzen!

Eröffnungszeremonie im Maracana Stadion

Auf meinem Facebook und Instagram Kanal berichtete ich zwar regelmäßig aus den Katakomben im Maracana, jedoch kann man dieses Gefühl, das ich während der Eröffnungsfeier hatte, nur schwer in Worte oder Bilder packen. Es war ein „Wir-Gefühl“ und ich war sehr stolz mit den besten deutschen Sportlern im Maracana zu stehen und „ole ole – super Deutschland – ole ole“ zu singen.

Vier Jahre durchgebissen

Insgesamt habe ich mich vier Jahre auf die Paralympics vorbereitet. Man muss sich „durchbeißen“ und daran glauben. Sonst klappt es nicht. Im Leben eines Leistungssportlers geht man in der Regel zwei Phasen durch. Die erste ist die des Träumens. Man malt sich aus, wie es wohl beispielsweise bei den Paralympics wäre und was man alles dafür tun möchte und entscheidet anschließend, es durchzuziehen oder es zu lassen.

Wenn man sich entschlossen hat, es durchzuziehen, kommt die zweite Phase. Die zweite Phase ist die Durchführung. Man geht über seine Grenzen hinaus und liefert sich mit dem eigenen Körper sowie mit dem eigenen Privatleben einen Kampf. Leistungssport ist ein Lifestyle und ein Job zugleich.

Nuancen entscheiden über Sieg oder Niederlage

Man muss sportlich essen, schlafen, trinken und eben alles auf das eine Ziel auslegen. Das ist nicht einfach und wird im eigenen Umkreis oftmals nicht verstanden. Viele verstehen es nicht, dass dieser Job nicht zu einer bestimmten Uhrzeit beginnt oder aufhört, sondern eben permanent ist. Ab einem gewissen Niveau entscheiden Nuancen über Sieg oder Niederlage. Zusammenhalt im Team, eigenes Durchstehvermögen, Hürden sowie Vertrauensfragen durchleben Leistungssportler in einem kurzen Zeitraum sehr intensiv.

Der Körper leidet natürlich, weil man nicht mehr gesunden Sport betreibt, sondern Leistungssport. Gelenke, Sehnen und Knochen werden verschlissen. Man hat Schmerzen, nimmt „Painkiller“, wenn es sein muss und trainiert weiter. Wenn man das alles verkraften kann und gut genug ist, um in das Top-Niveau von Olympia oder Paralympics aufzusteigen, ist man kurz erleichtert, aber hier fängt die Arbeit eigentlich erst an.

Ist dabei sein alles?

Man steht plötzlich, wie auch ich es stand, nach einer vier jährigen Vorbereitungszeit in Rio de Janeiro und es passiert ein kompletter Paradigmenwechsel.

Die Teilnahme an den Paralympics war ohne Zweifel eines der Highlights in meinem Leben und es hat mir sehr viel abverlangt dort hin zu kommen. Ich wollte auch vor dem Hintergrund, dass Deutschland einen sehr guten Rollstuhlbasketball Ligabetrieb hat, jedoch von einer Medaille träumen. Alle Spieler der Nationalmannschaft spielten in unserer 1. deutschen Bundesliga.

Iran hatte einen Super Lauf – wir nicht

08.September 2016 – Eröffnungsspiel für Deutschland im Rollstuhlbasketball gegen die Islamische Republik Iran. Wir verloren das Spiel und waren geknickt. Iran hatte einen super Lauf in der Mitte der Partie und anschließend fanden wir unseren Rhythmus nicht mehr, um ordentlich wieder in das Spiel zurück zu finden. Wir wollten im nächsten Spiel gegen den späteren Goldmedaillengewinner USA besser aussehen und gewinnen.

Allerdings spielten die USA wie von einem anderen Stern und wir rotierten weder den Ball, noch unsere Spieler. Ab hier fing es an, ein monotones Spiel der Deutschen zu werden. In der Vorbereitung auf Rio hatten wir noch als Team gespielt, bildeten eine Einheit und der Trainerstab wusste jeden gekonnt einzusetzen. Jetzt war es nicht mehr unser Match.

Unsicherheit und fehlende Dynamik schnürten unser Potential ab und wir schlossen als Vierter unserer insgesamt sehr starken Gruppe ab. Hiermit waren wir im Viertelfinale und mussten gegen Spanien ran, die überraschenderweise als Erster in der anderen Gruppe abgeschlossen hatten.

Gegen Spanien

In der Saison 2008/09 spielte ich beim damaligen Erstligisten von Cai Deporte Adaptado in Zaragoza, Spanien. In dieser Zeit habe ich einige Freundschaften geschlossen und so verfolgte ich selbstverständlich jede Saison den Spielbetrieb in Spanien. Entsprechend freute ich mich auf das Spiel in Rio, dieses sollte jedoch nach einem langen Kampf mit 66:70 an die Spanier gehen. Ich spielte keine Minute in diesem Spiel und war geschockt. Der Medaillentraum war fort und ich konnte nicht mal dazu beitragen, die Niederlage zu vermeiden…

Einige von uns weinten, andere waren wie eingefroren – zu Letzteren gehörte ich.. Die Spanier spielten nun im Halbfinale und wir um Platz 7/8. Vier Differenzpunkte im Spiel machten hier einen riesigen Unterschied. Ein Teamkollege sagte mir:

„In der Bundesliga ist es einfach zu verlieren. Man sagt einfach, dass man im nächsten Jahr noch besser angreife und sich noch besser vorbereiten möchte. Bei den Paralympics gibt es kein nächstes Jahr. Die sind nur alle vier Jahre. Wir müssen uns alle hinsetzen und uns fragen woran das gelegen hat.“

Wenn der Traum alles wird

Ich stimmte zu und ließ die letzten Monate und Jahre Revue passieren. Ich hätte mein Studium definitiv besser abschließen können, wenn ich nicht so viel Zeit in den Sport investiert hätte. Ich hätte definitiv mehr Hochzeiten, Taufen und Osterfeste mit Familie und Freunden teilen können. Zweimal hätte ich Trauzeuge werden können, aber ich musste und wollte eben für die Nationalmannschaft ins Trainingslager zu fahren. Auch während meiner intensiven Vorbereitung auf die Paralympics gönnte ich mir nur selten eine kurze Verschnaufpause: So habe ich zum Beispiel die neue E-Klasse getestet.

Und dennoch

Wenn man mich einen Monat nach Rio 2016 fragt, was ich Positives aus diesem Event mitnehme, ist es nach einem 8.Platz schwer zu sagen. Ich bin extrem selbstkritisch und möchte eben das Beste oder Nichts. Allerdings läuft es hier auch wie im wahren Leben nicht immer optimal und man erfährt woran man weiter arbeiten muss, obwohl man sein Bestes gegeben hat.

Ich bin mir sicher, dass dieses Erlebnis für ein weiteres in meiner Zukunft vorbereitet sowie gestärkt hat. Meine Werte des Durchhaltevermögens, der Analyse und dem Vertrauen in meine Person selbst weiter wachsen zu können, nehme ich jedoch schon jetzt so kurz nach Rio 2016 mit. Es gilt, den Kopf zu heben und das nächste Ziel mit viel Mut und Ehrgeiz in den Fokus zu nehmen.

So bleibt eine paralympische Medaille weiterhin mein Ziel. Ich werde mich im Rollstuhlbasketball weiterentwickeln und darüber hinaus habe ich noch andere Sportprojekte wie Monoski fahren und Para-Kanu in Planung.

Ich würde mich freuen, Euch bald zu sehen!

Gerne erzähle ich Euch mehr dazu am 04. Dezember 2016 im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart . Hier berichte ich auch nochmal live von meinen Erfahrungen bei den Paralympics 2016 in Rio und würde mich freuen, Eure Fragen persönlich zu beantworten.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist Leistungssportler und Markenbotschafter für Mercedes-Benz.

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