10 Jahre Ausbildung in China

Zum Thema Ausbildung bei Daimler bin ich Experte aus eigener Erfahrung: 1982 stieg ich im Alter von 16 Jahren durch eine Werkzeugmacher-Ausbildung bei Daimler in Gaggenau ein. Es gab schon früh Anzeichen, dass ich später auch selbst ausbilden würde.

Während meiner Abschlussprüfung zerriss ich mir an einer Tischkante meine Hose, weshalb mein Ausbilder mir seinen Meisterkittel lieh, um den großen Riss zu verdecken.

Dass ich damals bereits zum ersten Mal diesen Kittel tragen durfte, offenbar ein gutes Omen gewesen zu sein. Ich war acht Jahre lang Ausbildungsmeister, bevor ich durch einen Anruf aus Peking eine neue Berufung fand: Den Aufbau eines Ausbildungssystems bei Daimler in China. Das ist nun 10 Jahre her.

Mission: praktisch und attraktiv

Als ich 2006 in Peking ankam, wurde schnell klar, dass nicht nur die Konzeption, sondern auch das Image der Ausbildung einen Neuanstrich gebrauchen konnte. Bis heute hat das Studium in China einen wesentlich höheren Stellenwert, weshalb viele davon Abstand nehmen, sich stattdessen für eine Ausbildung zu entscheiden. Meine Mission war es also, dort ein praktisch orientiertes und attraktives Ausbildungsmodell aufzubauen.

Neue Praktiken aufstellen

Es wäre ein naheliegender Gedanke, die in Deutschland bewährten Praktiken einfach eins zu eins in China auszurollen. Aber ganz so einfach, wie man sich das vorstellt, funktionieren die Dinge ja leider eher selten. Es ist zum Beispiel aufgrund der Gesetzgebung nicht möglich, die Jugendlichen gleich zu Beginn der Ausbildung bei der eigenen Firma einzustellen.

Die Nachwuchskräfte werden zwar durch das Unternehmen angeworben und absolvieren die dreijährige Ausbildung in der „Benz-Class“ an einer Kooperationsschule von Daimler. Allerdings werden sie erst nach erfolgreichem Abschluss offiziell in den Konzern aufgenommen. Zu meinem Stolz kann ich sagen, dass bis auf wenige Ausnahmen alle Azubis auch eine Stelle bei uns angetreten haben.

Ohne Plan einfach mal machen

Abgesehen von den gesetzlichen Vorgaben lief in China innerhalb meines Projekts auch sonst einiges anders als gewohnt. Wo in Deutschland Pläne, Beantragungen und Genehmigungen in Masse nötig gewesen wären, fing ich in Peking einfach mal an zu machen. Gemeinsam mit den Lehrern unserer Kooperationsschule legte ich fest, welche Ausstattung für die neue Lehrmethodik benötigt wird. Von den Schraubstöcken, über die Zahl der Werkbänke, bis hin zu den Bohrmaschinen.

Außerdem verständigten wir uns darauf, wie viele Lehrstunden je Thema benötigt werden. Als ich dann im August in China ankam, war alles schon bereit, um loszulegen.

Das war auch nötig, denn nur einen Monat nach meiner Ankunft in China startete bereits der erste Ausbildungsjahrgang. Zum Glück funktioniert in China das meiste auch „über Nacht“.

Wir bauen einen Unimog: Praxis statt Theorie

Die meisten Berufsschulen in China legen ihren Fokus auf die theoretische Ausbildung. Unser Ausbildungssystem in China ist sozusagen genau das Gegenteil. Es werden ca. 60 Prozent des Stoffs in praktischen Übungen vermittelt, während üblicherweise in China nur 10 Prozent der Inhalte praktischer Natur sind.

Damit die Lehrer unserer Kooperationsschulen wissen, welche praktischen Fähigkeiten die Auszubildenden nach Abschluss ihrer Ausbildung beherrschen sollten und welche neuen Anforderungen die Automobilindustrie bereithält, laden wir sie regelmäßig zu Daimler ein. Dabei geben wir ihnen einen Einblick, mit welchen neuen Systemen wir arbeiten und was wir in Zukunft technisch umsetzen wollen.

Maßstab 1:10

Daraus wird dann abgeleitet, welche Inhalte in die Lehrpläne integriert werden müssen, damit unsere chinesischen Azubis für das was kommt gerüstet sind. Beispielweise müssen wir langfristig immer mehr Elektrotechnik-Bausteine in unsere Lehrinhalte einbauen, um unsere Azubis auf die zunehmende Vernetzung unserer Fahrzeuge vorzubereiten.

Und weil wir unseren Azubis auch zeigen wollen, wie viel Spaß das Tüfteln machen kann, starten wir gerne mal „Spezial-Projekte“. Zum Beispiel dürfen unsere Azubis in China einen Unimog im Maßstab 1:10 nachbauen. Dabei zeigt sich, wie die theoretischen Inhalte der Ausbildung auch praktisch eingesetzt werden können.

Besuch aus Deutschland

Außerdem bekommen unsere chinesischen Azubis demnächst auch die Chance, ihre Kollegen in Deutschland persönlich kennenzulernen und andersrum. Schon einige Male hatten zwei Auszubildende aus Deutschland die Möglichkeit, nach China zu fliegen. Dort hatten sie Gelegenheit zwei Wochen lang mit ihren chinesischen Counterparts bei einem unserer rund 500 Mercedes-Benz Händler zusammenzuarbeiten.

Bisher kam leider kein Gegenbesuch zustande, da es Schwierigkeiten bei der Visumsbeschaffung gab. Deshalb wurde eine Initiative des Landes Baden-Württemberg ins Leben gerufen, die nächstes Jahr einen ersten Gegenbesuch möglich machen soll.

Ausbildung nach deutschem Vorbild

Eine weitere Kooperation, die wir eingegangen sind, um unser Ausbildungsprogramms in China voranzubringen, ist die Sino-German Automotive Vocational Education Initiative (SGAVE). Das ist ein Zusammenschluss des Bildungsministeriums in China, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und deutscher Autohersteller wie eben Daimler.

Durch diese Kooperation können wir auch in strukturschwachen Gegenden sicherstellen, dass unsere Nachwuchskräfte an einer Berufsschule mit hohen Qualitätsstandards ausgebildet werden. Denn vor allem in den Vorstädten und  auf dem Land finden sich viele Nachwuchstalente die motiviert sind, eine Ausbildung inklusive Aussicht auf einen festen Job zu beginnen.

Daimler kooperiert in China mittlerweile mit 22 verschiedenen Berufsschulen und bietet sieben verschiedene Ausbildungsberufe an. Seit 2006 haben schon 4.000 Nachwuchskräfte eine Ausbildung innerhalb unseres Programms abgeschlossen.

Neue Kooperation in Sicht

Kaum zurück, schon wieder weg – Bisher sind unsere Ausbildungsprogramme in China auf PKWs und Vans ausgerichtet. Da wir auch für die Truck-Sparte Nachwuchstalente für Daimler Greater China sichern wollen, startet 2017 eine neue Kooperation zwischen unserem Joint Venture BFDA (Beijing Foton Daimler Automotive) und einer Berufsschule, um die Nachwuchskräfte speziell auf die Anforderungen der Arbeit mit LKW vorzubereiten.

Da die Schule und auch BFDA bisher noch nicht mit einem solchen Ausbildungsmodell vertraut sind, wird auch hier der Aufbau der Kooperation „bei null“ beginnen. Dabei geht es vor allem darum, dass wir uns das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft der Berufsschul-Lehrer und der BFDA-Kollegen erarbeiten. Aber auch, dass es uns gelingt aufzuzeigen, welchen Nutzen das praktisch orientierte Ausbildungssystem für alle Beteiligten bietet.

Jubiläumsblog 2026

Außerdem brauchen die Lehrer und auch unsere BFDA-Kollegen klare Angaben von uns dazu, welche Fähigkeiten unseren Auszubildenden vermittelt werden sollen. Ich darf auch dieses Mal beim Aufbau unterstützen und hoffe natürlich, dass das neue Ausbildungsmodell bei den Trucks genauso erfolgreich laufen wird. Sodass ich 2026 den Jubiläumsblog für „10 Jahre Ausbildung bei BFDA“ verfassen kann.

Nach nur zwei Jahren in Deutschland zieht es mich also schon wieder nach China, und ich freue mich auf die Rückkehr. Ganz besonders auf die Freundlichkeit, das Lächeln und auf Pekings Hutongs. Das sind enge Gässchen zwischen traditionellen Häusern, in deren Innenhöfen authentisches chinesisches Essen serviert wird. Und da ich es bei meiner letzten Expedition in Sachen Ausbildung nicht mehr geschafft habe, wittere ich die Chance, doch noch das südliche Basislager des Mount Everest in Tibet zu erklimmen.

Ziel: 60 % Chinese, 40 % Deutscher

Das liegt auf der Höhe, wo man etwa 60 Prozent des Weges zur Spitze geschafft hat! Neben diesem hohen Ziel ist es mir vor allem wichtig, wie bei meinem letzten Besuch in China gut in der Kultur anzukommen. Bei meinem Abschied aus China sagte damals eine Kollegin zu mir:

Viele Deutsche würden von sich behaupten, sie seien nach ihrer Zeit hier zu 50 Prozent Chinese und zu 50 Prozent Deutscher. Du gehörst zu denen, bei denen das wirklich zutrifft.

Vielleicht kann ich mich ja während meines nächsten Aufenthalts in China noch auf 60 Prozent steigern. Nicht nur, was die Höhenmeter bei meiner Bergtour betrifft, sondern auch in dieser Beziehung!


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
4.0 / 5 (6 Bewertungen)
Bitte warten...
drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Nach einer Werkzeugmacher-Ausbildung bei Daimler 1982 durchlief er verschiedene Stationen im Konzern, unter anderem war er acht Jahre lang Ausbildungsmeister. Heute Rainer Wieland für die Anlaufqualifizierung und Weiterbildungsprojekte bei Daimler Trucks zuständig.

Lesen Sie mehr über das Blog.

Letzte Kommentare

  1. Blogbeiträge auch als Podcast

    Tilo Hensel: Das ist klasse! Für Daimler-Blog Neulinge ist ein...

  2. Auch Fahrwerke können intelligent sein

    Tim Klein: Ein sehr interessantes Thema, welches hier aufgegriffen wird. Ich habe in jüngeren...

  3. Auf Zeitenjagd mit dem Mercedes-AMG GT R PRO

    Tim Klein: Die Spannung steigt :)

  4. Alexa liest Blogbeiträge vor

    Arthur: Das Interesse daran ist ja schon sehr stark angestiegen in den letzten...

  5. Skandinavien im Winter: Roadtrip mit der G-Klasse

    Tobias Just: 1a Auto. 1a Story.