Historische Nutzfahrzeuge auf Deutschlandtour

Genau am Geburtsort des ersten Lkw vor 120 Jahren versammeln sich am Mercedes-Benz Museum rund 70 betagte Nutzfahrzeuge und ihre Besitzer, um eine zehntägige Deutschlandfahrt historischer Nutzfahrzeuge zu beginnen.

Heute besteht das Programm in den letzten technischen Checks und dem allgemeinen Klönschnack in der Sommerlounge des Museums, welches sich im zehnten Jubiläumsjahr festlich herausgeputzt hat.

Schon vor Wochen stieg bei den Teilnehmern die Fieberkurve ins Unermessliche, wie alle zwei Jahre im IAA-Nfz-Jahr. Große Spediteure aber auch kleine Schrauber mit einem Oldtimer-Van verbindet dasselbe Hobby: den Erhalt und Restauration von historischen Nutzfahrzeugen. Und natürlich die Ausfahrten zu Treffen oder Oldtimer-Rallyes.

Horch IFA S400

Am ersten Tag der Deutschlandtour ist der Truck-Bereich der Daimler AG der Gastgeber für die Fahrer aus vielen europäischen Ländern, neben Deutschland, aus der Schweiz, Österreich, Belgien, Niederlanden, Schweden, Dänemark, Norwegen oder Polen.

Michael Dietz, Leiter Marketing Mercedes-Benz Trucks begrüßt die 150 Gäste bei strahlendem Sommerwetter im Auditorium. Er verweist auf den Dreiklang der ausgestellten historischen Nutzfahrzeuge aller Marken – dem Jubiläum des Museums und der Erfindung des ersten Lastkraftwagens der Welt vor 120 Jahren in Daimlers Werkstatt (nicht nur Computer werden in der Garage erfunden) im Cannstatter Kurpark.

Joachim Fehrenkötter, Chef der gleichnamigen Spedition und Mitveranstalter, erinnert in seiner Begrüßung daran, dass der Seniorchef diese Reise erfunden hat mit den Worten:

Lastwagen müssen als industrielles Kulturgut raus auf die Straße, als rollendes Museum zu den Leuten.

Als Dritter begrüßte Oliver Trost von der Geschäftsführung des ETM-Verlages die Gäste und freute sich im Voraus auf die hunderttausende Zuschauer, die erfahrungsgemäß die Route säumen und den Konvoi bestaunen aber gleichzeitig Ahnung von der Bedeutung der Lkw für ihre eigene Versorgung bekämen.

Burnout als persönliches Unwort

Ein Festdinner im Museum rundete den ersten Abend ab. Ich kann gleich neben dem Richtigen zu sitzen: Hans-Dietmar Bonin, den ich von der Hansetour 2008 schon kannte. Ein Getränkeunternehmer aus Schlitz bei Fulda, der  – wäre er Beamter – schon seit einem halben Jahrzehnt pensioniert wäre. Nicht jedoch er, der als kraftstrotzender Unternehmer ein wöchentliches Arbeitspensum von 80 Stunden hat und dabei bis zu acht Tonnen Ladung per Hand bewegt. Burnout ist sein persönliches Unwort.

Er verfügt über einen neuen Actros, mit dem er die Getränke in die Rhön schafft. Die regionale Verteilung übernehmen dann verschiedene Ategos – und der mitgeführte Mercedes-Benz LAK 329. Ein genauso kraftstrotzendes Fahrzeug wie sein Chef selbst. Der Motor hat eine Leistung von 172 PS – grandios für die Nachkriegszeit. Von 1957 bis 1962 wurden rund 1024 Exemplare dieses Prachtstückes produziert.

Mercedes-Benz LAK 329

Baujahr 1961 – da lacht Hans-Dietmar wieder – der Lkw ist gerade mal 55 Jahre alt und damit noch ein Jahrzehnt von seiner Pensionierung entfernt, also kein Anlass für einen Lkw-technischen Burnout. Der Lastzug ist noch täglich im Einsatz.

Auch da wieder ganz verschmitzt: „LAK steht für Allradkipper, der 329 hat in seinem ersten Leben Lehm für eine Ziegelei gefahren. Nun setze ich ihn für die Belieferung der zahlreichen Volksfeste in der Region ein. Die finden nämlich oft auf schlammigen Festplätzen statt. Da punktet er mit seinem Allrad-Truck.“ Derselbe futtert gerne rund 40 Liter Diesel auf 100 km, hat auch keine Assistenzsysteme, nur eine Lenkhilfe, aber das Publikum liebt es, wenn er mit seiner zeitgenössischen Fahrerkappe das frische Bier bringt.

Markenvielfalt groß geschrieben

Bei dieser historischen Fahrt wird auf die Markenvielfalt Wert gelegt – unabhängig vom aktuellen Marktgeschehen. So sieht man jede Menge Büssing, FAUN – und Kaelble-Schwerlastzugmaschinen, ganz seltene FTFs aus Belgien, GMC der vierziger Jahre. Und natürlich im Daimler-Konzern aufgegangene Marken wie Hanomag-Henschel, Krupp, Berna (Ch), Saurer (Ch) und die IFA-Horch S 4000 aus der DDR, die über das Werk Ludwigsfelde in die Daimler-Markenwelt aufgingen.

Im Alltag führen die Oldtimer-Besitzer in ihren Transportunternehmen Regie über mehrere tausend moderne Lkw, in ihrer Freizeit fahren sie selbst: Rund 70 Spediteure und Transportunternehmen finden sich alle zwei Jahre  zur „Deutschlandfahrt für historische Nutzfahrzeuge“ ein, um zehn Tage lang den „Beruf des Kraftfahrers“ zu versehen.

Mit Kraft fahren

Dabei darf der Begriff Kraftfahrer durchaus wörtlich verstanden werden, denn die Lkw, Transporter und Omnibusse mit denen die Deutschlandfahrt unterwegs ist, sind mindestens 30 Jahre alt, teilweise stammen sie auch noch aus Vorkriegstagen. Entsprechend müssen die Fahrer auf Annehmlichkeiten, wie Bremskraftverstärker oder Servolenkung verzichten, wenn sie ihrem schweißtreibenden, aber heißgeliebten Hobby nachgehen.

Mercedes-Benz 1624 LS

Mille Miglia der Lkw-Oldtimer

Die längst als Mille Miglia der Lkw-Oldtimerbranche geltende Tour unter der Schirmherrschaft des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) begann am 1. September in Stuttgart und endet heute in Hamburg. Die etwa 70 betagten Fahrzeuge bewegen sich rund 1.200 Kilometer weit auf alten Verkehrsachsen gen Norden und dokumentieren damit wesentliche Handelswege, die das Rückgrat unserer Transportlogistik sind.

An ihrem 15. Jubiläum streifen die Teilnehmer natürlich auch schon früher besuchte Orte der Deutschlandfahrten. Die Tour endet mit einer großen Abschlussveranstaltung in Hamburg. Ab dem 22. September präsentieren sich ausgewählte Teilnehmerfahrzeuge auf der weltweiten Leitmesse für Nutzfahrzeuge, der IAA Nutzfahrzeuge 2016 in Hannover. Den Besuchern soll an der Strecke ein Stück Nutzfahrzeuggeschichte lebendig gemacht werden.

Zu Gast bei Michelin

Nach dem tollen Empfang in Stuttgart geht es am Freitag zur ersten Station nach Speyer. Dort ist die Deutschlandfahrt für historische Nutzfahrzeuge zu Gast bei Michelin und Euromaster. Die Fahrzeuge sind untergebracht im Technik-Museum in Speyer.
Dort machte uns das Michelin-Männchen die Aufwartung. Passend – denn die meisten Oldtimer-Trucks sind mit eben diesen Reifen aufgewachsen. Hinzu kommt, dass Michelin die alten Muster heute noch vorhält.

Skalpell und Schraubenschlüssel

Wieder lernte ich unglaubliche Leute kennen. Diesmal saß ich beim Dinner mit Dr. Peter Kraas, dem Besitzer des Vorkrieg-Opel-Blitz. Unser Tour-Doktor und Oldtimer-Schamane, der leidenden Menschen und röchelnden Motors gleichermaßen neues Leben einhauchen könnte. Seine Chirugenfinger führen das Skalpell genauso elegant wie den Schraubenschlüssel am Lkw-Herzen. Mit ihm wurde, wie an allen Tischen, über Lkw-Technik, Fahrer-Gesundheit und europäische Verkehrspolitik bis in den frühen Morgen diskutiert.

Nach dem traditionellen Veltins-Absacker an Joachim Fehrenkötters Büssing, der unter der Speyerer-Museums-Transall geparkt war, ging es am Samstag zur dritten Etappe. Sie führte von Speyer über Landau, Kaiserslautern, Idar-Oberstein, der Flugzeugsammlung bei Hermeskeil in die älteste Stadt Deutschlands, nach Trier.

319 als Van und Bus

Nächster Halt: Flugzeugsammlung

Der nächste Anfahrpunkt war die Flugzeugsammlung bei Hermeskeil, ein wunderbares Gemisch mit unseren alten Lkw und Bussen. Hier konnte sich der Setra S 9 mit der alten Lookheed-Super Constellation vergleichen, der Opel-Blitz mit der gleichaltrigen Tante Ju-52.

Der Langnasen-Lkw Mercedes-Benz LAK 329 mit der Concorde, die auch schon 1961 längst in der Entwicklung war. Das Betreiber-Ehepaar Junior leitet ihre Ausstellung schon seit 44 Jahren und bekommt keinerlei staatliche Förderung für ihre technikhistorische Ausstellung. In der Tat konnte man viele Parallelen im historischen Güter- und Personenverkehr erkennen.

Mercedes-Benz 329 LAK vor Concorde

Die nächste Übernachtung stand auf dem Messegelände Trier an, wo ein anderer Lkw-Bauer Pate stand. Nach dem Grillabend wurden traditionellerweise an allen Oldtimern die Drucklufthörner zum Blasen gebracht. Das Konzert wie die Posaunen von Jericho brachte natürlich eine Streife der Trierer Polizei auf den Plan, die sich über die ungewohnten Klangwellen auf der Mosel wunderten. Aber ich konnte die Gesetzeshüter davon überzeugen, dass es zum rollenden Lkw-Museum gehört.

Fahrerruhe am Sonntag

Der Sonntag stand im Zeichen der wöchentlichen gesetzlichen Fahrerruhe. Die andere Lkw-Firma ludt zu ihrem Konversions-Betrieb nach Wittlich, wo alle Sonderaufbauten gemacht werden. Vom Plexiverglasten Holzernte-Lkw, über zusätzliche Achskonfigurationen bis zu Feuerwehr – und Katastrophenschutz-Lkw.

Die 3. Etappe sollte dann nach Frechen führen, wo skandinavische Lkws die Gastgeber waren. Die 4. Etappe nach Münster wurde von der DEKRA als Gastgeber betreut. Die 5. Etappe führte nach Werlte zum Anhängerbauer KRONE. Die 6. Etappe endet beim Tanklogistiker Hoyer bei Visselhövede. Mit der 7. Etappe endet die Deutschlandrundfahrt in Hamburg heute beim Lkw-Versicherungsspezialisten KRAVAG.

Ich musste leider am Sonntagabend meine Habseligkeiten und Campingausstattung in meinen fantastischen Reise-Citan packen, um am Montag wieder im Büro zu sein. Aber ich weiß heute schon an welchem Fieber ich exakt in zwei Jahren leiden werde.


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
4.1 / 5 (9 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , , , , , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist Pressesprecher für Nutzfahrzeuge.

Lernen Sie weitere Autoren kennen oder lesen hier mehr über das Blog.

Die letzten 5 Kommentare

  1. Flüssiges Gold: Besuch bei den Daimler-Bienen

    franz einfeld: Super artikel und ich würde auch gerne bei ihnen honig kaufen aber leider geht es...

  2. Kamera für den KTL-Ofen: Durchblick bei 180 Grad

    Meissner: „Wir werden die Reisen fortsetzen, die wir begonnen haben und mutig zu all den...

  3. Erstklassiger Bus für ein erstklassiges Team!

    Jennifer Armbruster: Hallo Tim, super Beitrag – sehr authentisch geschrieben, gefällt mir...

  4. Gastbeitrag: Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?

    Ingrid Ullmann-Bammer: Nicola TESLA, dieser grosse Geist!!!! ELEKTRO-AUTOS Endlich sind wir...

  5. Wer geht denn schon zur Hauptversammlung?

    Thorsten Zanker: Hallo Herr Tuncyürek, die wichtigsten Fragen & Antworten zur...