Mit dem Vieraugen-Gesicht zu den 24 Tours Du Pont

Das Leben im Großstadtdschungel soll gefährlich sein? Pah, die Fahrt aufs Land ist viel gefährlicher. So viele Versuchungen. Sachen mit Seele, die gefunden werden wollen. „Du hast wieder diesen Blick“ sagt die Partnerin und meint das nicht romantisch. Was für andere der Besuch im Tierheim, ist für mich die Fahrt über Dörfer und das Abscannen der Bauernhöfe. Auf der Suche nach „altem Eisen“:

Traktoren, Fähnchenhändler und „letzter Preis“

Dort stehen oft noch alte Traktoren in halb verfallenen Unterständen und warten, dass sie jemand wiedererweckt. Genauso werden im Vorbeifahren die „Fähnchenhändler“ gecheckt. So heißen im Autojargon die kleinen Gebrauchtwagenhändler auf Sandparkplätzen oder ehemaligen Tankstellen, sie besitzen als einzige Deko des Areals oft nur relativ trostlose Fähnchen-Bänder. Gespannt über Autos, die ihren Erstbesitzern mal lieb und teuer waren. Lange her. Jetzt sind sie hart gelandet, in der Provinz. Über müden Scheinwerfern schwebt das Credo „Was ist der letzte Preis“?

Komm näher, ich roste nicht

„Komm näher, ich roste nicht!“ Das Vieraugen-Gesicht (wegen der vier runden Scheinfwerfer) wird dabei nicht mal rot. Eine Mercedes-Benz E-Klasse, Typ W210, dunkelgrün-metallic, E 200. 20 Jahre alt. Ein Überlebender! Zum Modell W210 im Internet zu recherchieren, ist in etwa so, wie eine vermeintlich harmlose Krankheit zu googlen. Du landest in „Experten“-Foren und relativ schnell beim tödlichen Ausgang. Bei einem Auto dieses Alters meistens durch Rost hervorgerufen.

Egal. Ich weiß was ich weiß. Leider auch, dass Mann sich die Dinge schön redet, wenn er etwas haben will. Zum Beispiel dass der Preis gnadenlos günstig ist, denn er endet auf „990“. Muss doch ein Schnäppchen sein!

Check it out

Auf zum Karosserie-Check: Wie steht es um Radhäuser, Radläufe, Türunterkanten, Stoßstangen-Ecken, Kofferraum? Nur eine Roststelle am Kotflügel, leicht zu behandeln. „Ist aus zweiter Hand“ flüstert mir der Händler ein. Knapp über 100.000 Kilometer auf dem Tacho, Innenausstattung tip-top, wenige Extras wie Klimaanlage und Schiebedach. Das genügt mir.

Das Mantra in der Youngtimer-Szene heute lautet oft: „Nur Autos mit Vollausstattung“. Nö. Zustand und Originalität sind mir wichtiger als Farbe und Extras. Was nützt mir eine Scheinwerferwaschanlage, wenn die Kiste ansonsten „durch“ ist.

Probefahrt und Entscheidung

Herr Bunth und Herr Luidthardt aus Ludwigsburg als Vorbesitzer im Brief haben offensichtlich gut auf den E 200 aufgepasst. Bevor er hier landete. Warum auch immer.

Mal sehen, wie er sich fährt: Die Batterie hat keine allzu große Lust, der 140 PS – 2 Liter-Motor auch nicht. Müde schiebt sich der Benz irgendwann zur Probefahrt vom Hof. Die Automatik ist verklebt, vielleicht das Öl zu alt. Die vierte Fahrstufe lässt auf sich warten, ah, jetzt kommt sie doch noch. Lange Standzeiten sind einfach Gift für Autos. Wie zu wenig Bewegung bei Menschen.

Nach fünf Kilometern Fahrt wird alles besser. Ich muss zurück, die Tankreserve leuchtet. Was bemerke ich noch? Vorne rechts poltert das Fahrwerk ein wenig. „Koppelstange“ oder „Traggelenk“ machen sich bemerkbar. „Keine große Sache“ sage ich zu mir, denn ich habe mich natürlich längst unsachlich verguckt in diesen sanften Rentner-Cruiser.

Kommen wir zur Frage aller Fragen: „Der letzte Preis?“ Wir werden uns einig, die E-Klasse macht mit ihren fast platten Reifen Freudensprünge und ich habe mein nächstes „Bastel-Projekt“!

Aufpolieren für Potsdam

Und ein nahes Ziel: Die Woche Urlaub zu nutzen, um alles technisch Wichtige an der E-Klasse auf Vordermann zu bringen, um dann am folgenden Wochenende von Stuttgart nach Potsdam zu fahren. Zu der Oldtimer-Veranstaltung „24 Tours Du Pont“ an die Glienicker Brücke.

Es folgen ein paar Tage mit Öl- und Filterwechseln, kleinen Instandsetzungen und viel Schmiermittel an allen quietschenden Scharnieren und der Mechanik des Schiebedachs. Nervig ist eigentlich nur ein Detail: Das Spiel „Such die defekte Glühbirne“ Der E 200 stammt aus der Steinzeit der elektronischen Helferlein und informiert im Cockpit-Display über eine Warnlampe, wenn eine Glühbirne irgendwo am Auto defekt ist.

Rentner-Express auf Reisen

Mit jedem Kilometer nach Berlin fährt sich der grüne Rentner-Express besser, macht sich locker. 145 km/h stehen bei entspannten 3600 Umdrehungen an. Der W210 hat schon, was bis heute die E-Klasse auszeichnet: Entspannenden Reisekomfort, Rasen ist unnötig. Zur Fahrt habe ich extra noch nach alten Kassetten (Huey Lewis and the News: It´s hip to be square = Es ist in, spießig zu sein, passt doch) gekramt und habe sogar eine Adapter-Kassette für einen CD-Player gefunden.

Und schon spielt Smartphone-Musik über das Kassettendeck. Alt trifft neu! Ohne Zwischenfälle und mit einem Verbrauch von durchschnittlich knapp zehn Litern Benzin komme ich an der Glienicker Brücke bei Potsdam an.

Autolegenden an der Havel

Die 650 Kilometer Anreise aus Stuttgart haben sich wirklich gelohnt: Auto-Legenden aus fünf Jahrzehnten bis zum Baujahr 1976 treten hier bei den „Les 24 Tours Du Pont“ an. Eine absolut hochwertige Ansammlung klassischer Sport- und Rennwagen zwischen der „Garage du Pont“ und der Glienicker Brücke in Potsdam. Kai Desinger, Inhaber der Potsdamer „Garage Du Pont“ und TU Professor, hat vor drei Jahren die 24 Tours Du Pont ins Leben gerufen, die sich jetzt wie eine Miniaturausgabe der Mille Miglia präsentieren.

Auch der Stern ist dabei

Alfa Romeo, Porsche, Lancia, Ferrari, Bentley und natürlich der Stern: Die Mercedes-Benz-Niederlassung Berlin ist auch mit einem Stand dabei. Dort finden sich unter anderem vom 500er Mercedes-Kompressor-Roadster aus den Dreißigern, einem 300 SL Roadster Baujahr 1957,  ein AMG GT „Safety Car“ bis zu einem alten Transporter L319, restauriert von Auszubildenden, viele Meilensteine der Mercedes-Benz-Geschichte.

Aber auch private Sammler bringen ihre Klassiker mit Stern nach Potsdam, zum Schönheitswettbewerb „Concours d´ Elegance“ und so staunen die Besucher über einen Mercedes-Benz SSK von 1929 (heute geschätzte 7 Millionen Euro wert) und Mercedes 500er „offener Tourenwagen“ sowie 170er und 220er Cabriolet und eine dem Panamericana-Rennen nachempfundene „Heckflosse“.

Zwei alte Mercedes-Rennsenioren, Hans Herrmann und Klaus Ludwig, bewegen den 300 SL (ziemlich flott) um den Kurs und machen das Bild perfekt.

Malerische Atmosphäre

Über 24 Runden zu je 1,2 km geht das „Schaulaufen“, bei dem es nicht auf Geschwindigkeit, sondern vor allem auf Geschicklichkeit und Präsenz ankommt. Denn zusätzlich zum „Sehen und Gesehen werden“ bewertet eine Fachjury die gemeldeten Concours-Teilnehmer. Hier spielt nicht der Zustand des Oldtimers, sondern auch die Exklusivität, Originalität und die Rarität die entscheidende Rolle. Die 24 Runden von Du Pont sind dabei auch eine Hommage an die legendären „24 Stunden von Le Mans“ in Frankreich, führen die Fahrer vorbei an der Glienicker Brücke, der Villa Schöningen und entlang der Havelwiesen.

Vor der Garage Du Pont befinden sich die Start- und Zielgerade sowie die Pitlane für die vorgeschriebenen Fahrerwechsel. Das Gebäude ist zentraler Ort des Events, eine charmante Mischung aus Restaurant, Café und Museum in einer mit viel Liebe fürs Detail umgebauten NITAG Tankstelle von 1938.

Und so genieße ich diesen heißen Sommertag an der Havel, stecke sogar einmal am Ufer die Füße ins Wasser und schaue historischen Booten zu, die sich ebenfalls rund um die Glienicker Brücke versammelt haben. Und auf dem Wasser noch von alten Schwimmautos, den Amphicars, umkreist werden. Schön. Und irgendwie (Oldtimer-) verrückt.

Anna, Baujahr 1939

Dann ist da noch „Anna“. Ein Mercedes-Benz 170 V Cabriolet aus dem Jahr 1939 in Weiß-Blau. Besitzerin Silva Dressel fand einfach, dass diese niedliche wie erhabene Schönheit einen Namen verdient hätte. Die Dressels sind Mercedes-Benz-Vertragspartner aus Berlin über mehrere Generationen, mit großer Leidenschaft für Klassiker.

Wir kommen näher ins Gespräch und wie unterschiedlich sich die Autos von gestern und heute fahren. „Möchtest Du mit Anna an dem Mercedes-Sonderlauf teilnehmen?“ bietet mir Silva Dressel spontan an. Großartig!  Ich bekomme von ihr eine technische Einweisung.

So geht das mit Anna

Wie also startet man ein Auto aus den Dreißiger Jahren? Zündung an, Benzinhahn unter dem Armaturenbrett auf, ein wenig Choke mit dem Knopf „Start“ ziehen und dann etwas völlig Ungewohntes: Oberhalb des Gaspedals sitzt im Fußraum der Starterknopf.

Also mit dem linken Fuß den Knopf betätigen und mit dem rechten Fuß ein wenig, nicht zu viel, Gas geben. Gar nicht so leicht. Aber Anna springt willig an und schnurrt ruhig auf ihren vier Zylindern vor sich hin. Das man bei Fahrzeugen dieses Alters anders schalten muss, wusste ich schon: Gefühlvoll, mit Auskuppeln zwischen den Gängen und etwas Zwischengas.

Anna im Mercedes-Korso

Ich reihe mich in den Mercedes-Korso ein der nun für drei Runden auf den Kurs rund um die alte Tankstelle darf. Vorbei am winkenden Publikum habe ich alle Hände (und Füße) voll zu tun, Anna einigermaßen artgerecht und ohne Gänge-Knirschen zu bewegen. Und das historische Ambiente versetzt mich in eine Zeitreise. Am Ende steuere ich stolz und glücklich zum Parkplatz zurück. Danke, Silva Dressel, danke, Anna!

Ein langes, schönes, nach Öl duftendes Wochenende neigt sich dem Ende zu. Der Rentner-Express Richtung Stuttgart wartet. Nach 20 Jahren hätte der E 200 doch auch eigentlich mal einen Namen verdient.

„Rusty“ wie der Abschleppwagen aus dem Trickfilm „Cars“? Nein, zu gemein. Ein schön spießiger Name wie „Harry“? Werde nochmal darüber nachdenken. Bin für Vorschläge offen!


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