Mein großes grünes Ding

Montag bis Freitag sind wir ein Team, mein kleiner Dicker – so nenne ich ihn liebevoll – und ich. Wir kommen im Großraum Hamburg rum, in Schleswig Holstein, Lübeck, Kiel, sammeln bei Kunden die verschiedensten Güter ein und bringen sie ins Hamburger Logistikzentrum von BurSped. Dort werden die Waren auf die unterschiedlichen Relationen, die wir per Bahn, Schiff- und Luftfracht und Lkw bedienen, verteilt.

Die Kollegen aus der Nachtschicht fahren sogenannte Begegnungsverkehre in Richtung Süden. Etwa in der Mitte von Deutschland treffen sie auf entgegenkommende Lkw von unseren Verbundpartnern. Man tauscht die Trailer und jeder fährt wieder in Richtung Heimat, wo am kommenden Tag die Waren schon wieder verteilt werden können.Dieses System spart Zeit und Leerfahrten.

Unser Actros muss dabei ganz schön was abkönnen, der brummt fast rund um die Uhr. In den anderthalb Jahren, seit wir ihn als Neufahrzeug bekommen haben, ist er bisher knapp 220.000 Kilometer gelaufen.

Wenn ich morgens um sieben auf den Hof komme, ist der Motor manchmal noch warm, weil mein Nachtfahrer Karli, das Namensschild in der Windschutzscheibe ist seines, das grüne Dickerchen erst vor einen halben Stunde abgestellt hat.

Check und los geht’s

Mein Arbeitstag beginnt nach dem Abholen der Ladepapiere und des Tourenplans mit der Abfahrtskontrolle. Ich gehe um das ganze Fahrzeug herum und schaue genau nach sichtbaren Schäden. Sind die Reifen in Ordnung? Risse? Irgendwas eingefahren, eine Schraube oder so? Sind alle Kabel und Schläuche, also die Verbindungen zum Trailer, in Ordnung? Und ich prüfe, ob die Sattelplatte richtig arretiert ist, sprich der Auflieger sicher anhängt.

„Starship, aber echt …“

Die Beleuchtung checke ich beim Aufschließen mit dem Multifunktionsschlüssel. Das ist eine feine Erfindung von Mercedes, da sehe ich sofort, ob alle Lampen funktionieren und muss nicht erst einsteigen, alles anknipsen und zur Kontrolle wieder aussteigen. Drinnen folgt ein Blick in den Bordcomputer. Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal vor dem, für mich völlig neuen, Kombiinstrument saß, dachte ich mir: „Oh Sh**, Starship, aber echt…“. Aber wenn man sich einmal durchklickt, merkt man, das ist alles intuitiv aufgebaut. Ich lese Ölstand und Kühlwasser ab, dann drücke ich den Startknopf und los geht’s mit unserem Job.

Was, das große grüne Ding, das fährst du?!

Immer wieder treffen wir dabei auf Menschen, die ganz verdattert sind: „Was, das große grüne Ding, das fährst du?!“ Als junge Frau ist man in dem Job anscheinend immer noch ne Seltenheit. Ich reagiere da inzwischen recht gelassen. Es kam auch schon vor, dass man mir im Anmeldebüro an Ladestellen sagte, mein Vater könne dann ja schon mal an Tor so und so vorfahren. Ich hab gelacht und geantwortet: „Meinen Papa kann ich gerne für Sie anrufen, wird uns aber nix helfen, denn er hat mit der Sache gar nichts zu tun.“ Da gucken die Leute wie ein Autobus mit Licht an. Köstlich!

Auf Tour mit Papa

Wobei, eigentlich hat mein Papa sehr viel damit zu tun. Schließlich ist er dafür „verantwortlich“, dass ich mir diesen Beruf ins Köpfchen gesetzt hab. Der Klassiker quasi, denn er arbeitete früher selbst als Lkw-Fahrer und wann immer es ging, war ich mit ihm auf Tour. Als Kind war das das Allergrößte für mich. Später durfte ich abseits der öffentlichen Straße mal ein paar Meter fahren. Da ist es wohl endgültig um mich geschehen. Einen Lkw fahren, das wollte ich auch machen! Unbedingt!

Lern was „Vernünftiges“!

Mein Vater war zuerst überhaupt nicht begeistert. Die negativen Aspekte des Jobs kannte er ja sehr genau. Inzwischen ist er aber, glaube ich, ganz stolz auf mich, dass ich die dreijährige Berufskraftfahrer-Ausbildung bei Elkawe BurSped in Hamburg durchgezogen habe. Obwohl er’s nicht lassen kann und mich immer noch damit neckt, wann ich denn jetzt endlich was „Vernünftiges“ lerne.

Manchmal frage ich mich schon, war es die richtige Entscheidung? Natürlich gibt es Tage, da läuft es überhaupt nicht rund. Da zicken die Kollegen oder die Kundschaft oder der Lkw – oder ich, haha. Dann frage ich mich schon auch, ob das wirklich die richtige Entscheidung war. Aber ich denke, solche Momente gibt es in jedem Beruf.

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Am nächsten Tag fahre ich wieder wie ne Eins rückwärts auf den verwinkeltsten Hof bei einem Kunden und ein anderer Fahrer mit ausländischen Kennzeichen, der gegenüber steht und mir mit offenem Mund zugeschaut hat, kommt auf mich zu, reckt die Daumen in Luft, ruft „Frau fahren gutgut!“ und schenkt mir ne Tafel Schokolade. Da freue ich mich einfach, weil ich ein Typ Mensch bin, der solche Kleinigkeiten noch sehr zu schätzen weiß.

Berufswahl mit Verlobung

Ach ja, übrigens, meiner Berufswahl habe ich auch das bisher schönste Erlebnis in meinem Leben zu verdanken: Während der Ausbildung lernte ich meinen Verlobten kennen! Er ist auch Berufskraftfahrer und fährt einen Arocs-Kipperzug. Wir sind zwei so Lkw-Verrückte, die sich zusammen die Folgen der alten Serie „Auf Achse“ auf DVD reinziehen, und von einem Weltenbummler-Abenteuer á la Franz Meersdonk in seinem Mercedes NG träumen. Auch wenn es heutzutage leider oft mehr wild als romantisch zugeht in unserer Branche. Da mache ich mir nichts vor. Aber ich glaube, es ist trotzdem noch dieses für Außenstehende schwer zu beschreibende Gefühl von „Freiheit“ während des Fahrens, was mich an dem Beruf nach wie vor fasziniert.

Berufskraftfahrerin sein, das ist einfach meins!

Okay, ab und zu sind diese „Freiheit“ auch nur die drei Kilometer zwischen Lager und Verteilerzentrum. Wenn ich mit Umfuhr-Dienst dran bin, pendle ich vom einen Standort zum anderen. Ein bisschen Muße habe ich an solchen Tagen aber auch nur, wenn eine Umfuhr nicht ganz fertig beladen ist und ich warten muss. Da rumort und rumpelt es hinter meinem Rücken, während die Lagerarbeiter mit dem Stapler in den Auflieger brausen.

Träumen vom eigenen Truck

Alles schaukelt wie ein Schiff auf der Elbe und der Dicke nickt dabei fröhlich mit der Hütte. Da schaue ich schon mal „nur zum Fenster raus“, was man ja gerne über unseren Job spöttelt, und träume von einem eigenen Lkw oder denke darüber nach, ob ich vielleicht mal für ein zwei Jahre in den Fernverkehr wechsle um etwas von der Welt zu sehen.

Ansonsten hüpfe ich den ganzen Tag raus aus dem Actros und wieder rein: Ladepapiere holen und abgeben, Ladungssicherung prüfen, zwischen Lkw und Trailer klettern und die Anschlüsse für Druckluft und Elektrik an oder abschließen, Trailerstützen rauf- oder runterkurbeln, die Türen auf- und zumachen. Zigmal. Danach spürt man abends schon seine Knochen. Etwas anderes machen möchte ich trotzdem nicht – Berufskraftfahrerin sein, das ist einfach meins!


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Michelle Whiteley ist 22 Jahre alt und als gelernte Berufskraftfahrerin mit ihrem Actros 1842 StreamSpace im Nahverkehr in und um Hamburg unterwegs.

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