Für DENZA in China

Zwischen Tropenklima in Shenzhen und Wintererprobung in der mongolischen Steppe. Seit Anfang Mai bin ich hier in Shenzhen an der südchinesischen Küste und muss sagen: Bei der Aussicht aus meinem Hotelzimmer, in dem ich die ersten paar Wochen gewohnt habe, war es schwer meiner Familie zu erklären, dass ich eigentlich zum Arbeiten hier bin.

Die machen sich sowieso schon jedes Mal vor meinen Geschäftsreisen darüber lustig, dass ich mal wieder „in den Urlaub“ fliege. Aber auch wenn sich meine Zielorte oft nach Urlaub anhören, die meiste Zeit des Tages verbringe ich hier, genauso wie zu Hause auch, mit Arbeit.

In China bin ich, weil ich meine neue Expat-Stelle als „Testing Manager“ antrete. Tatsächlich ist Shenzhen also nicht nur eine Bleibe für die nächsten paar Wochen, sondern meine Heimat für die kommenden knapp zwei Jahre.

Die Idee beruflich für einige Zeit ins Ausland zu gehen, schwirrte mir schon lange im Kopf rum. Vor allem die Herausforderung, Anschluss an eine fremde Kultur zu finden, reizte mich. Dass ich eines Tages in China landen würde, hätte ich vor ein paar Jahren noch ganz klar ausgeschlossen. Erst ein Besuch in Shanghai bei einem alten Schulfreund weckte mein Interesse für den schnellen Lebensrhythmus der Großstädte dort. Shanghai hat mich überrascht und fasziniert, besonders die Modernität, die sich etwa in der Architektur der Skyline widerspiegelt. Mir wurde klar, dass ich eine solche Megastadt selbst einmal für einige Zeit hautnah erleben möchte.

„Overall Vehicle Testing“ in Shenzhen

Die Schlagzeilen über die Luftqualität in Peking schreckten mich jedoch zunehmend davon ab, mich an unseren Standorten in der Hauptstadt zu bewerben. Als dann eine Stelle im Team „Overall Vehicle Testing“ in Shenzhen ausgeschrieben war, wusste ich, das wäre etwas für mich. Mit der Lage in Küstennähe und dem tropischen Klima bot sich mir mit dieser Stadt eine spannende Alternative.

Shenzhen ist zwar bislang international noch wenig bekannt, ich bin mir allerdings sicher, dass sich das bald ändern wird – momentan wird hier zum Beispiel das zweithöchste Gebäude Chinas gebaut. Die Stadt ist in direkter Nachbarschaft zu Hongkong, wächst rasend schnell und kann derzeit wohl als Technologiezentrum Chinas bezeichnet werden. Sehr viel Hightech wird in und um Shenzhen entwickelt und produziert.

DENZA: In China für China

Ich bin für die Erprobung des DENZA zuständig, ein Elektroauto, das im Joint Venture BDNT („BYD Daimler New Technology“) der Firmen Daimler und BYD („Build Your Dreams“) in Shenzhen produziert wird. Der DENZA ist Teil unserer Lokalisierungsstrategie, er wird in China und ausschließlich für den chinesischen Markt produziert. Der Antriebsstrang kommt von BYD, Daimler bringt zum Beispiel die jahrelange Expertise in der Konstruktion mit ein.

Die meisten lokalen Mitarbeiter und Manager sind inzwischen direkt bei BDNT angestellt. Um den chinesischen Markt optimal zu bedienen, wird dieses Auto „in China für China“ entwickelt, produziert und vermarktet. Der erste Prototyp des DENZA wurde 2012 vorgestellt.

Mit dem Denza in die Mongolei

Bereits im März durfte ich bei der Wintererprobung in Yakeshi, in der Inneren Mongolei, dabei sein. Anders als in den üblichen Testländern wie etwa Schweden, hat eine Kleinstadt dort über 100.000 und nicht unter 10.000 Einwohner. Zusätzlich ist die Vegetation spärlicher und es gibt deutlich weniger Niederschlag.

In einer kargen Steppenlandschaft musste sich der DENZA hier bei Temperaturen von bis zu -30° beweisen. Dass einem dort ein Elch vor’s Auto läuft, kann zwar nicht passieren, trotzdem muss der DENZA einiges aushalten. Im Dauerlauf wird etwa innerhalb von kurzer Zeit die Belastung von mehreren Jahren simuliert. Auch unebene Pisten und schwierige Untergründe dürfen unserem E-Auto nichts anhaben.

Mongolei

Aber natürlich testen wir auch bei hohen Temperaturen, wie sich der DENZA schlägt. Eine Möglichkeit sind da ganz klassisch die Sommererprobungen, bei denen das Elektroauto zeigen kann, wie es mit dem tropischen südchinesischen Klima zurechtkommt.

So nehmen wir unter anderem neue Software unter die Lupe, was, zumindest für uns Expats, auch einen landschaftlichen Aspekt mit sich bringt. Hinter der hochmodernen Skyline erstreckt sich nämlich eine ungeahnt grüne Hügellandschaft, die auch zum Wandern einlädt.

Shenzhen: Anders. Groß. Viel.

Das internationale Frühstück in meinem Hotel in Dameisha verhinderte zwar anfangs, dass ich Deutschland (zumindest kulinarisch) vermisst habe, trotzdem stand die Wohnungssuche ganz oben.

Vom Hotel aus gab es glücklicherweise einen Shuttlebus, der uns in circa 40 Minuten direkt zum Werk gebracht hat – an den Wochenenden war es allerdings schon komplizierter mal raus zu kommen. Bei den vielen Touristen und Strandurlaubern glichen die Straßen Daimeishas dann oft mehr einem riesigen Parkplatz. Sich etwa mit Freunden in der Innenstadt von Shenzhen zu treffen wurde da schwierig. Der Bus kommt am Wochenende schlicht weg kaum noch nach Dameisha rein, geschweige denn raus. Und wenn er raus kommt, kann man sich nicht mehr darin bewegen vor lauter Menschen. Aber Bus überladen? „méiyŏu“ = gibt’s nicht :) !

Zum Glück habe ich mittlerweile eine Wohnung gefunden, auch wenn das nicht ganz einfach war. Stadtnah und von der Arbeit aus gut zu erreichen sollte sie sein – eigentlich bereits ein Widerspruch in sich, da unser Arbeitsplatz in Pingshan recht weit vom Stadtzentrum entfernt liegt. Da muss man sich entscheiden: Ich wohne jetzt zwar gute 60 Kilometer von der Arbeit entfernt, dafür aber mitten in der Stadt. Das Treffen mit Kollegen und Freunden, Einkaufen und Ausgehen ist somit um einiges einfacher geworden und da nehme ich die tägliche Fahrtzeit gerne in Kauf – häufig in einem unserer DENZAs übrigens.

Besonders das Stichwort „viel“ beschreibt Shenzhen sehr gut: Viele Menschen, viele Autos aber vor allen Dingen viel zu erleben und zu sehen, immerhin handelt es sich hier um eine der sich am schnellsten entwickelnden Großstädte Chinas.

Nachfragen lohnt sich!

Gar nicht so leicht, sich in einer solchen Megastadt zurechtzufinden – aber das Gefühl kenne ich: Bereits nach meinen Besuchen in Shanghai und Shenzhen vor meinem offiziellen Start kam es mir bei meiner Rückkehr nach Deutschland oft so vor, als würde ich jetzt wieder „zurück auf’s Land“ fahren.

In meinen ersten Wochen hier habe ich gelernt, dass man sich gezielt auf eine andere Mentalität und Kultur einlassen muss. Ich nehme mir vor, diese Haltung nicht zu verlieren und nach wie vor helfen das schöne Wetter, das gute Essen und viele Tipps der Kollegen sehr bei der Eingewöhnung. Privat wie geschäftlich stehe ich stets vor neuen Herausforderungen und die Arbeit im Joint Venture fordert mich täglich. Die chinesischen Kollegen waren bereits beim Empfang höflich und sind stets sehr hilfsbereit.

Trotzdem musste ich mich daran gewöhnen, dass einiges anders läuft als in Deutschland, beispielsweise wenn man eine Frage stellt und Ergebnisse oder Feedback erwartet: Die einfache Antwort „ja“, die wir in Deutschland als ein „verstanden, übernehme ich“ auslegen, kann hier durchaus auch einfach „ja, ich habe das gerade gehört“ bedeuten – Nachfragen lohnt sich also! Ich muss immer noch lernen, meine Fragen präziser zu formulieren und Feedback gezielt einzufordern.

Kleiner Kreis, große Verantwortung

China bedeutet für mich mehr Verantwortung und einen kleineren Kreis an Ansprechpartnern. Es war für mich zunächst ungewohnt zu sehen, dass Aufgaben, wie zum Beispiel der Dauerlauf, für den in Sindelfingen eine ganze Abteilung zuständig ist, hier im Schwerpunkt von nur einer einzigen Person gesteuert wird.

Zu den Aufgaben im Team gehören neben dem Dauerlauf und der Gesamtfahrzeugerprobung in ihren zahlreichen Facetten unter anderem die Beschaffung von Fahrzeugen in erprobungsfähigem Zustand, die Erprobungsplanung und Durchführung, das Fuhrparkmanagement und das Aufzeichnen und Bereitstellen von den bei Testfahrten gesammelten Daten. Wir kümmern uns um die Versuchswerkstatt, sowie um die Standardisierung von Testumfängen, bis hin zur Gesamtfahrzeugfreigabe. Ganz aktuell hat die Mannschaft von BDNT den neuen DENZA 400 für den Produktionsstart bereit gemacht.

Der neue DENZA 400

Dieses Elektrofahrzeug hat nun bis zu 400 km Reichweite. Die Reichweite der ersten Generation des DENZA lag noch bei bis zu 300 km. Beim DENZA 400 ist es gelungen, bei gleicher Baugröße der Batterie die Batteriekapazität von 47,5 kWh auf 62 kWh zu erhöhen. Dank der Steigerung der Reichweite gehen wir davon aus, dass die meisten chinesischen Kunden, die in der Regel 50 bis 80 km pro Tag fahren, ihren DENZA 400 nur einmal wöchentlich aufladen müssen.

Da auf circa 300 chinesische Experten nur in etwa 20 Expats kommen, ist der enge Kontakt mit den chinesischen Kollegen Alltag für mich. Die Kommunikation auf Englisch ist meistens kein Problem, trotzdem nehme ich mir vor, nach und nach wenigstens die Grundlagen der chinesischen Sprache zu lernen. Sobald man das Werk nämlich verlässt, wird es sonst oft schon zum Problem, wenn man auf der Straße nach dem Weg fragen muss, aber weder „rechts“ noch „links“ versteht.

Essen verbindet

Ein besonders schönes Erlebnis ist es für mich immer, neue Rituale kennenzulernen. Bei einer Erprobung kommen hier beispielsweise am letzten Abend nach dem Wrap-Up Meeting alle beteiligten Kollegen noch einmal zusammen, um gemeinsam (meistens zu viel) zu essen, die entstandenen Beziehungen zu pflegen und Spaß zu haben. Je nachdem, wer an der Erprobung teilnimmt, können hier sowohl Mitarbeiter aus der Werkstatt, als auch leitendes Management vertreten sein.

Bestellt werden, wie in China üblich, mehrere einzelne Gerichte und jeder bedient sich. Zum Glück sind die Kollegen gewohnt, dass wir Ausländer manchmal ein etwas anderes Verständnis von (leckerem) Essen haben, als sie selbst. Wenn ich also zu den kleinen Dumplings greife (Teigtaschen, die mich zugegebenermaßen an Maultaschen erinnern) und etwa die gegrillten Rindersehnen oder Hühnerfüße liegen lasse, werde ich zwar regelmäßig ausgelacht, es nimmt mir aber bisher keiner übel. Immerhin habe ich es zumindest einmal probiert, das muss sein. Zu scheitern nachdem man etwas versucht hat– das wird akzeptiert und am Ende lacht man zusammen. Wie überall auf der Welt gilt also auch in hier: Gemeinsames Essen verbindet!

Schon jetzt ist in Shenzhen eine Gemeinschaft aus Locals und Expats entstanden, in der ich viele tolle Menschen kennengelernt habe. Ich freue mich auf die Zeit, die noch vor mir liegt!


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