F1 in Hockenheim: The boys are back in town

Es ist eine über dreißigjährige „Beziehungskiste“: Der Hockenheimring und ich. Als Kind kam ich mit meinem Vater das erste Mal aus dem weit entfernten Hamburg angefahren. Mit einem VW-Bus. Hinten auf dem Anhänger ein englischer Triumph TR3, den mein Vater als Rennwagen aufgebaut hatte. Unser ganzer Stolz! Ich war Junior-Mechaniker, durfte Reifendruck und Ölstand prüfen sowie das Dämpfer-Öl der Vergaser auffüllen.

Vater & Sohn

In dieser frühen Phase von historischen Rennen mit wiederentdeckten Oldtimern lieferte sich mein Vater auf der Piste heiße Duelle: Mal mit einem Porsche 365, oder sogar mit einem Ferrari 250 GT „Berlinetta“. Der zog auf der Geraden dem kleinen TR natürlich davon, aber vor der Schikane musste der Ferrari-Pilot viel früher anbremsen, mein Vater zog innen wieder vorbei. Ein Katz‘- und Maus-Spiel, viele Runden lang.

Brüllender Mercedes-V8: Sauber!

Ein paar Jahre später, mein Vater und ich kamen zurück als Zuschauer ins Motodrom. Es war die Zeit der Rennsportwagen der Gruppe C: Porsche 956, Jaguar, Mazda, Toyota. Die Autos klangen gefährlich und waren es auch. Turbolader lösten sich Rauch und Flammen auf, die Tanks der Autos waren riesig, die Knautschzone für die Fahrer war klein. Besonders faszinierte mich ein schwarzer Wagen mit silbernen Streifen im Leiterplatten-Design und Sponsor „AEG“. „Wie heißt der?“ fragte ich meinen Vater? „Das ist ein Sauber C9, da brüllt ein Mercedes-V8-Motor“ brüllte er mir ins Ohr, während das Feld der Renner in einer Wolke von Gummi- und Motorqualm auf die Start- und Zielgerade einbog. Den wünschte ich mir als Bausatz zu Weihnachten!

Mika

Und dann war da noch mein Besuch beim Formel 1 Rennen im Jahr 2000: Mein Lieblingsauto als Fan der Mc Laren-Mercedes MP4 15, mit kreischendem Zehnzylinder -Motor. Mika Hakkinen und David Coulthard jagten mit über 340 km/h auf der langen Waldgeraden Rubens Barrichello auf Ferrari, Michael Schumacher lag zurück. Der Hockenheimring war zu dieser Zeit eine der längsten Strecken überhaupt, einige Teile der Strecke konnten trocken sein, während es an anderer Stelle regnete. Eine Herausforderung für die Reifenstrategie der Boxen-Crew.

Häkkinen war auf Regenreifen unterwegs und konnte somit auf den nassen Streckenteilen auf Barrichello, der Trockenreifen hatte, aufholen. Er verlor die Zeit allerdings auf den trockenen Abschnitten wieder. Es blieb bis zum Schluss spannend und ich kann mir bis heute nicht erklären, wie man mit über dreihundert Sachen auf einer Strecke voller Gischt und bei null Sicht die Kontrolle über ein Fahrzeug behalten kann. Schließlich gewann Barrichello das Rennen vor Häkkinen und Coulthard.

Unzählige „Weißt-Du-noch“-Geschichten

Auch in den folgenden Jahren kam ich wieder, zu DTM-Rennen oder zum historischen Jim Clark-Festival. Unter einigen Fans kennen wir uns schon jahrelang, werden gemeinsam älter. Unzählige „Weißt-Du-noch“-Geschichten.

In den letzten Jahren hatten es die Organisatoren des Hockenheimrings nicht immer leicht. Georg Seiler, Geschäftsführer und so etwas wie die gute Seele des Hockenheimrings, sieht sich gerade bei der Ausrichtung von Formel 1-Rennen mit immer stärkerer Konkurrenz ausländischer Streckenbetreiber konfrontiert. Es geht um die kostbaren Plätze im Formel 1 Terminkalender. Der Hockenheimring finanziert sich über die Einnahmen der Zuschauer komplett selbst, Strecken wie „Baku“ verfügen über ein viel größeres Budget für die Ausrichtung. Also hat es am Ende das Publikum in der Hand, ob es in Hockenheim auch in Zukunft Rennen der Königsklasse geben wird. Jeder Zuschauer zählt. Eine Abstimmung mit Füßen.

The boys are back in town

Vor ein paar Wochen luden Mercedes-Benz und der Hockenheimring deshalb zu einem Motorsport-Tag auf die Rennstrecke, um auf das Heimrennen aufmerksam zu machen. Eine klasse Gelegenheit, Fahrer wie Nico Rosberg, Pascal Wehrlein und Nico Hülkenberg aus der Nähe zu sehen. Und nebenbei war fast die gesamte mobile Rennsportgeschichte der Silberpfeile in den Boxengassen versammelt, so das ich gar nicht wusste, was ich zuerst fotografieren sollte. Doch! Den McLaren Mercedes von Mika Häkkinen, ein Wiedersehen nach 16 Jahren.

Zum 35. Mal kommt die Formel 1 an diesem Wochenende nach Hockenheim. Ich summe den Rock-Klassiker von Thin Lizzy vor mich hin: „Guess who just got back today, them wild-eyed boys that had been away. Haven’t changed that much to say but man, I still think them cats are crazy.“ Das Streckenprofil auf des Rings wurde vor ein paar Jahren wesentlich geändert: Es geht (leider) nicht mehr mit Vollgas durch den Wald und die Strecke ist zwei Kilometer kürzer. Aber besonders die Kurven sechs und acht sorgen für spannenden Motorsport. Die für mich beste Stimmung herrscht nach wie vor im stadionähnlichen Motodrom am Ende der Runde, natürlich nur wenn die Tribünen voll sind. Und das wollen wir doch mal hoffen!

Mit Pascal Wehrlein auf die Strecke

Es sind vier deutsche Fahrer am Start, das Mercedes-Benz Team gilt als Favorit. Nico Rosberg kommt sogar als Sieger des bislang letzten Hockenheim-Rennens 2014 zum Heimspiel. Das sollte ihm Mut machen. Für Nico Hülkenberg (Force India) „ist Hockenheim fast zu seinem zweiten Wohnsitz geworden, so viele Rennen bin ich hier in verschiedenen Rennserien gefahren.“ Ferrari-Pilot und Heppenheimer „Nachbar“ Sebastian Vettel spricht sogar von seinem „Wohnzimmer.“

Für Pascal Wehrlein, der hier im vergangenen Herbst seinen DTM-Titel gewann, hat sein erstes F1-Rennen für das Team „Manor“ in Hockenheim natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Und er war es auch, der mich auf ein paar Runden im Mercedes-AMG GTS mitnahm. Ich freute mich wie ein Kind: Meine erste (Mit)-Fahrt auf der Strecke nach all den Jahren als Besucher! Also HANS und Helm aufgesetzt und rein ins Auto. „Wir schalten jetzt erstmal alle Assistenzsysteme ab“ sagte Pascal zur Begrüßung und grinste. Aus der Box auf die Strecke, der GT saugte die kurze Gerade auf, es folgte ein seeehr spätes Bremsen von Pascal, dann im Querdrift am Scheitelpunkt zum Kurvenausgang.

Die Hände eines Konzertpianisten

Die Fahrzeugbeherrschung eines Profis ist immer wieder faszinierend. Pascal Wehrlein hat geradezu zarte, kleine Hände, gleich einem Konzertpianisten. Und genauso virtuos spielte er mit der brachialen Leistung des AMG. Ich hätte nicht so viel Kaffee vor der Fahrt mit Pascal trinken sollen, war ja keine Kaffeefahrt, jetzt wurde mir ein ganz klein wenig schlecht. Egal, ich kann immer Interviews machen, auch bei 2G Querbeschleunigung… „Wo siehst Du Dich im Manor beim Rennen?“ rief ich zu Pascal herüber. „Es wird ein harter Fight mit dem Sauber-Team“ rief er zurück, während er das ausbrechende Heck des GT mit kontrollierten Gasstößen abfing. Und: „Leider sind für den Manor die Geraden hier in Hockenheim ein wenig zu kurz, als dass wir die Power des Mercedes-Motors ausspielen könnten. Aber wir sind schon bei der Musik.“ Die Fahrt geht nach sechs Runden, (geplant waren eigentlich zwei) zu Ende. Das war wirklich „großes Kino“ für mich, danke Pascal!

Es ist wieder Hockenheim

Und so freue ich mich aufs Wochenende wenn wieder „Hockenheim“ ist. Sehen wir uns dort?!

Vielleicht gibt es den Hockenheimring ja noch, und unsere „Beziehungskiste“, wenn ich mal Opa bin. Dann setze ich mich zu den jungen Leuten ins Motodrom und gucke vielleicht bei der „Formel Electric“ zu. Und rufe: Früher war mehr Lametta, äh, Lärm!

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