Future Bus: Unser Baby fährt alleine

Das ist also der Tag, auf den wir fast zwei Jahre lang hingearbeitet haben: Ein sonniger Morgen im Juli 2016, Amsterdam. Ich setze mich nach vorne in den Future Bus und klappe mein Laptop auf. System-Check: System hochfahren, alles auf „autonom“. Unser „Baby“ fährt heute alleine.

Vorhang auf für den Future Bus: Es ist die Weltpremiere des Mercedes-Benz Future Bus mit CityPilot, die ich mit unserem Team aus der EvoBus Versuchsabteilung begleite. Ein echter Meilenstein auf dem Weg zum komplett autonom fahrenden Stadtbus der Zukunft.

Brauchen wir das?

werden Sie sich vielleicht jetzt fragen. Wir glauben, dass wir damit die mobile Zukunft, gerade in Städten und urbanen Räumen, gestalten können. Und den Menschen, die zum Beispiel zur Arbeit fahren, mehr Sicherheit und weniger Stress beim Pendeln bieten.

Abfahrt in Amsterdam

Also auf nach Amsterdam zum Test für die Bus-Welt von morgen: Auf einer rund 20 Kilometer langen Strecke bewegen meine Kollegen und ich den Future Bus – auf Basis des Citaro – mit CityPilot auf seiner Fahrt im Stadtverkehr. Unser Bus fährt dabei auf einem Teilstück der längsten Expressbus-Linie Europas (Bus Rapid Transit= BRT) mit teils engen Kurven, zahlreichen Haltestellen, einigen Tunnel und teils mit relativ hohen Geschwindigkeiten – für einen Stadtbus zumindest. Meine Kollegen und ich sind an Bord und überwachen das System.

Ampeln und grüne Welle

Eigentlich nicht nötig, denn unser Bus kann sehr gut „gucken“ und die Verkehrslage checken. Spur halten, Kurven umfahren, auf zehn Zentimeter genau an die Haltestelle heranfahren, die kryptischen holländischen Ampeln mit roten und weißen LED immer richtig erkennen. Vor dem Bus leuchtet jetzt gerade wieder eine dieser speziellen Ampeln auf.

Zwei rote Punkte nebeneinander bedeuten “Stopp“, zwei weiße Punkte übereinander „freie Fahrt“. Die Stellung der Ampel erkennt der Bus über sein Kamerasystem. Darüber hinaus kommuniziert das Fahrzeug über ein WLAN-System mit der Streckeninfrastruktur und bekommt so Informationen zum Ampelstatus. Wir fahren auf der grünen Welle!

Teilautomatisiertes Fahren mit dem CityPilot

Möglich macht das der CityPilot: Er besitzt sowohl aktuelle Assistenzsysteme, die zum Beispiel für unsere Reisebusse verwendet werden, als auch zusätzliche Systeme, die teilweise von der Daimler-Trucks-Sparte übernommen und für den Stadtverkehr weiterentwickelt wurden. An Bord sind Fern- und Nahbereichsradar, eine Vielzahl von Kameras sowie das satellitengesteuerte Ortungssystem GPS. Wichtig ist die intelligente Vernetzung der Kameras und Sensoren. Dadurch entsteht ein genaues Bild der Umgebung und der exakten Position unseres Fahrzeugs.

20 Kilometer ohne lenken, Gas geben und bremsen

Die BRT-Strecken in Amsterdam mit ihren separaten Trassen sind ideal für unseren Einsatz. Und nebenbei auch sehr malerisch. Die Journalisten an Bord sind hin- und hergerissen beim Filmen und Fotografieren… Grachten, Brücken oder noch mal das futuristische Interieur?

Der Future Bus fährt derweil spektakulär-unspektakulär weiter, erkennt jederzeit, ob die Strecke für automatisiertes Fahren geeignet ist und signalisiert dies dem Fahrer. Ein Tastendruck vom Busfahrer, schon ist der CityPilot aktiv. Er nimmt dabei den Fuß von Gas- oder Bremspedal und lenkt nicht, denn jede Fahreraktivität überlagert den CityPilot. Damit kann der Fahrer immer die Kontrolle übernehmen.

Früher brauchte man „Muckis“

Wenn ich da an früher denke, als ich meinen Bus-Führerschein gemacht habe: Da musste man zum Fahren „Muckis“ haben. Die Busse besaßen ein großes Lenkrad, krachend wurden manuell die Gänge eingelegt. Heute lenken wir den Future Bus (wenn er nicht selber fährt) und seine Serien-Brüder wie einen Pkw – mit dem Unterschied, dass das Fahrzeug 12-18 Meter lang ist, 2,50 Meter breit und vier Meter hoch…

Schon als Kind habe ich gebastelt und gelötet

In der EvoBus Versuchsabteilung testen wir alles, was an technischen Innovationen in Serie soll. Wir arbeiten am Fahrzeug und erproben dabei neue Prototypensysteme solange, bis sie für die Serie tauglich sind. Ich liebe meinen Job als Physik-Ingenieur. Schon als Kind habe ich ständig gebastelt und gelötet, elektrische Schaltungen ausprobiert, die manchmal gut gingen… oder auch mal nicht.

Heute habe ich meinen Traumjob: Das Arbeiten am Schreibtisch, wie dem Plänezeichen, löst sich ab mit den Reisen auf Sommererprobungen, wie in Spanien. Oder den Wintererprobungen in Schweden. Bis nach Finnland zum Polarkreis bin ich sogar schon gefahren!

Schrecksekunde Passant

Anhalten, Türen öffnen und schließen, wieder abfahren. An der nächsten Station haben wir noch einen spannenden Moment eingebaut: Ein Kollege von uns spielt einen unvorsichtigen Passanten und tritt einfach so vor dem Fahrzeug auf die Straße, nachdem der Future Bus gerade wieder angefahren ist. „Schrecksekunde“. Sofort erkennt der CityPilot die Lage und bremst den Bus kontrolliert und ohne großen Ruck ab. Die Fahrgäste sind beeindruckt.

Weiter geht‘s

Wir wissen, dass die Herausforderungen für einen autonom fahrenden Stadtbus groß sind: Gefährliche Kreuzungen, rasanter Verkehr und die Haltestellen, an denen der Bus in unmittelbarer Nähe von Menschen fahren muss. Viele Städte haben aber heute eigene Bus-Spuren, auf denen besonders wenig Verkehr herrscht. Wie hier in Amsterdam. Und genau das könnte ein Terrain für zukünftige vollständig autonom fahrende Busse sein.

Die Premiere heute war für uns nur ein erster Schritt. Wir werden die Systeme stetig weiter entwickeln: Für die Entlastung der Fahrer von morgen, für noch mehr Sicherheit im Straßenverkehr und pünktliches wie stressfreies „Von A nach B“ in den großen Metropolen.

Busdesign: Vom Fahrgastraum zum Fahrgasttraum

Das Busdesign, von der Seite betrachtet, spiegelt übrigens die Silhouette einer Großstadt wider. Ein Gruß noch an den Designer-Kollegen Mathias Lenz: Das Design der Frontscheinwerfer, „Pedals“, wie Du sie nennst, ist einfach „g…“ will schreiben „genial!“

Der Innenraum orientiert sich in seiner offenen Gestaltung an Plätze und Parks. Es ist nicht nur ein Fahrgastraum, sondern schon fast ein „Fahrgasttraum“: Designersitze in lockerer Anordnung , inklusive kabellosen Ladeschalen für das Smartphone.

Auf der einen Seite sind die Herausforderungen für einen autonom fahrenden Stadtbus enorm: Unübersichtliche Kreuzungen, viel Verkehr und die Haltestellen, an denen der Bus in der Nähe von Menschen fahren muss, sprechen eigentlich gegen einen selbstfahrenden Bus. Auf der anderen Seite haben viele Städte eigene Busspuren, auf denen besonders wenig Verkehr herrscht. Genau dafür ist der Daimler-Konzept-Bus gemacht. Die Fahrzeuge sollen noch nicht komplett die Kontrolle übernehmen, aber die Spur halten, Hindernisse erkennen und mit Ampeln kommunizieren können.

Die Jungfernfahrt fand jetzt in Amsterdam statt:


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er arbeitet als Ingenieur im Versuch für Elektronik, Fahrwerk und Systeme bei der EvoBus GmbH.

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