Mini-Diplomaten auf internationalem Parkett

Einmal im Jahr spielen sich in der Stuttgarter Innenstadt seltsame Szenen ab. Junge Damen und Herren, schick in Kostüm und Anzug gekleidet, strömen in Scharen zur Liederhalle. Der Grund: Pünktlich zu den ersten Sommertagen lädt der Verein Deutsche Model United Nations e.V. zu seinem politischen Planspiel Model United Nations Baden-Württemberg in die Räume des Kultur- und Kongresszentrums ein.

Seit 2012 bin auch ich Teil dieses Vereins, der sich für die politische Bildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen einsetzt. Dazu organisieren wir sogenannte Model United Nations-Konferenzen. 

Model United Nations: Vereinte Nationen im Kleinformat

Bei Model United Nations-Konferenzen („MUNs“) debattieren Jugendliche und junge Erwachsene in simulierten Gremien der Vereinten Nationen, wie etwa dem Sicherheitsrat oder der Generalversammlung, aktuelle weltpolitische Themen. Dabei schlüpfen sie in die Rolle von Delegierten von real existierenden Staaten und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) oder berichten in einer konferenzinternen Zeitung über das Geschehen in den Gremien.

MUNBW fand erstmals 2002 statt. Gemeinsam mit seinem Schwesterprojekt in Kiel zählt es mit zu den größten politischen Planspielen in Deutschland. Jährlich kommen rund 400 Neugierige ins Ländle, um an dem Projekt teilzunehmen. 

Erste Gehversuche auf diplomatischem Parkett

2011, als frischer Bachelorstudent, war auch ich einer dieser Neugierigen, die sich aufmachten, das diplomatische Parkett zu erobern. Auf einer Konferenz in Kiel hat mich das MUN-Fieber gepackt – und bis heute nicht mehr losgelassen. 2012 war ich dann erstmals bei MUNBW in Stuttgart dabei. Noch heute erinnere ich mich mit Begeisterung an die Debatten in der Generalversammlung, die vielen Jugendlichen aus aller Welt und die zahlreichen Einblick und Eindrücke, die ich in die Welt der Vereinten Nationen und der internationalen Politik erhalten durfte.

Im Organisationsteam

 Um MUNBW einordnen zu können, muss man wissen, dass das Projekt vollkommen eigenständig und ausschließlich ehrenamtlich von jährlich wechselnden Teams von rund 60 Schülerinnen und Schülern und Studierenden aller Fachrichtungen organisiert wird. Im Team trifft der angehende Abiturient auf BWL-Erstis aus Stuttgart, Maschinenbaustudenten aus Zürich und Mediziner mit Physikum aus Freiburg – oder auf Daimler-Praktikanten aus Stuttgart wie mich. Jedes Jahr wird, basierend auf einem über Jahre entwickelten Grundgerüst, rund elf Monate eine neue Ausgabe des Projekts vorbereitet, mit unterschiedlichen Köpfen, Ideen und Ansätzen. Seit Beginn eine Konstante: die Daimler AG, unser Hauptsponsor.

Zwischen Fundraising und Chairing

Das Organisationsteam, dem ich seit 2012 angehöre, ist wie eine große Familie. Anfänglich wild zusammengewürfelte Kollegen werden zu Freunden und Vertrauten. Der große Unterschied gegenüber einer Teilnahme an der Konferenz ist natürlich die Möglichkeit des Gestaltens des gesamten Projekts. Man kann seiner Kreativität freien Lauf lassen und sich ausprobieren – und das in vielen verschiedenen Bereichen.

Im ersten Team-Jahr leitet man in der Regel die Debatten in einem unserer Gremien, etwa der Generalversammlung – man „chairt“. Oder man organisiert Rahmenveranstaltungen wie die Eröffnungsveranstaltung oder den festlichen Abschluss der Konferenz, den Diplomatenball. Man sich mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigen und Plakate, Flyer und Drucksachen gestalten oder auf unsere Facebook-Follower auf dem Laufenden halten. Es wird deutlich: Die Aufgaben im Rahmen der Organisation von MUNBW sind enorm vielfältig.

Projekt

Meine bislang größte Aufgabe bei MUNBW war die Übernahme der Projektleitung im Jahr 2015, gemeinsam mit Marie Schneider. Als Projektleitung ist man für die Organisation und Durchführung des Projekts als Ganzes verantwortlich. Obgleich diese Mammutaufgabe alles von uns abverlangte, war es eine Herausforderung, von der ich noch heute profitiere. Durch das Projekt habe ich gelernt, worauf es bei der Koordination und Organisation eines Großprojekts ankommt und wo meine Stärken und Schwächen liegen. Und ich habe gelernt, ein Team zu leiten, dem ich noch heute dankbar bin für das, was es geleistet hat.

Lernen mit Spiel und Spaß

MUNBW ist kein Selbstzweck, wir organisieren das Planspiel für unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Unser vorrangiges Ziel ist es, Jugendliche und junge Erwachsene zu bilden und in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern. Wir möchten sie für internationale Politik begeistern und von der Idee der Vereinten Nationen erzählen.

Wir möchten Ihnen Toleranz und Verständnis für andere Positionen nahebringen und Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Denkweisen und Kulturen. Doch auch ganz praktische Kompetenzen möchten wir ihnen vermitteln, die sie über die Konferenz hinaus in Schule, Studium und Beruf einsetzen können. So trainieren unsere Teilnehmenden durch ihre Arbeit auf der Konferenz ihre rhetorischen Fähigkeiten und lernen zu debattieren, effektiv zu diskutieren, zu verhandeln und zu vermitteln.

Zudem wird die Konferenz von einem umfassenden Bildungsprogramm begleitet, mit dem wir unsere Teilnehmenden für globale Themen begeistern möchten, die über die Debatten auf der Konferenz hinausgehen

Gruppenbild

Engagement lohnt sich

In diesem Jahr haben wir MUNBW zum 15. Mal durchgeführt. Über 320 Jugendliche und junge Erwachsene waren bei unserer Jubiläumskonferenz dabei. Rückblickend ist es erstaunlich, wie sich unser Projekt entwickelt hat, von der Idee einer kleinen Gruppe Pfadfinder auf der Rückreise aus den Vereinigten Staaten zu einem der größten außerschulischen Bildungsprojekte in Deutschland.

Ehrenamtliches Engagement, das haben die vergangenen Jahre für mich gezeigt, lohnt sich – für andere und sich selbst. Egal ob im sozialen und gesellschaftlichen, im sportlichen oder im Bildungsbereich, Engagement hilft anderen und entwickelt einen selbst persönlich weiter. Daher mein Appell, vor allem an unsere jüngeren Leser: Engagiert Euch!


Mehr Infos auf unserer Internetseite und auf Facebook.

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