Schon mal was von pacTris gehört?

Wie Start-up bei Daimler geht – Mit ihrer innovativen Idee waren sie 2015 die Gewinner des ersten DigitalLife Day bei Daimler: Sebastian Thiemt, Gabriel Selbach und Toni Hoang. Die Veranstaltung selbst: eine Innovation! Völlig unabhängig von Hierarchien, Teamstrukturen und Regionen hatten 10 Teams aus dem Unternehmen ihre Ideen rund um das Thema Digitalisierung und digitale Geschäftsmodelle „gepitcht“. Gewonnen hat „Trunk Tetris“.

Der Gedanke: Eine App, die schon während des Einkaufs vorhersagen kann, ob die Einkäufe in den Kofferraum passen. Viel Applaus, der erste Platz und 25.000 Euro Entwicklungsbudget waren der Preis für Idee und Auftritt. Jetzt, ein Jahr später, wollten wir wissen: Was ist aus der Idee geworden? Und haben die drei jungen Kollegen aus den Bereichen R&D, IT und DigitalLife getroffen, die eher wie Freunde, denn wie Kollegen wirken.

App-Entwickler Gabriel Selbach, Sebastian Thiemt und Toni Hoang

App-Entwickler Gabriel Selbach, Sebastian Thiemt und Toni Hoang

Das schon mal vorweg: Trotz eines anspruchsvollen Jobs, Zusammenarbeit über drei Kontinente hinweg und nur einem Jahr Entwicklungszeit stehen sie kurz vor der Markteinführung ihrer App. Doch lesen Sie selbst:

Was ist denn aus Trunk Tetris geworden, Toni, Sebastian und Gabriel?

Sebastian: Der Name hat sich geändert, die Idee ist geblieben. Heißt jetzt pacTris, funktioniert für smart und wird im Herbst auf den Markt kommen …

Wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt? Und wer hatte die Idee für die App?

Gabriel: Sebastian und ich haben uns zufällig bei einer CAReer-Veranstaltung kennen gelernt. Toni haben wir getroffen, weil er mit Business Innovation in Kontakt stand. Die Idee hatte ich als ich mit einem überladenen Auto auf dem Ikea-Parkplatz stand und dachte: Das hätte ich mal vorher wissen sollen. Später haben wir erfahren, dass die Idee auf diversen Plattformen schon häufiger genannt wurde. Aber die Zeit war wohl noch nicht reif dafür.

Weshalb?

Sebastian: Alle Ideengeber hatten zwar den gleichen Use Case. Aber die erste Umsetzungsstrategie basierte auf dem Prinzip der Fotometrie. Dabei fotografiert man einen Gegenstand und errechnet daraus die Maße. Häufiges Problem: Es fehlt das Referenzmaß. Man hat zwar das richtige Seiten-, nicht aber das Größenverhältnis. Dafür braucht man spezielle Stereo- oder 3D-Kameras – die haben aber nur sehr wenige Smartphones.

Deswegen haben wir nach einer Lösung gesucht, die mit heutigen Smartphones schon funktioniert. Dann kam die Idee: Lasst uns über den Barcode gehen. Man scannt einen Gegenstand und ein Webcrawler durchsucht das Internet nach Maßangaben zu diesem Produkt. Funktioniert in der Regel ganz gut, vor allem in Möbelläden oder Baumärkten.

Das heißt: Äpfel und Birnen könnt Ihr mit Eurer App nicht erfassen?

Toni: Doch, wenn der Apfel einen Barcode hat [lacht]. In der Tat sind die meisten verpackten Produkte mittlerweile auch mit Maßangaben versehen. Wenn das nicht klappt, bietet die App auch einen Standard-Katalog, in dem zum Beispiel Klappkisten, Umzugskartons und Koffer hinterlegt sind. Sollte man hier auch nicht fündig werden, gibt es auch eine Methode, das Produkt selbst zu vermessen.

Wie ging es weiter? Habt Ihr bei Daimler gekündigt und ein Start-up gegründet?

Sebastian: Nein, nicht ganz. Uns hat unser Auftritt auf dem DigitalLife Day einen richtigen Boost gegeben: Wir haben dort vor 500 Leuten inklusive Dieter Zetsche verkündet, dass wir die Idee umsetzen wollen. Klar mussten wir da auch liefern!

Aber viel Zeit blieb uns nicht, wir hatten das Angebot pacTris auf der IAA 2015 vorzustellen. Und so hatten wir 10 Wochen Zeit aus unseren Pitchdeck einen App-Prototyp zu machen. Gabriel ist einen Monat später nach Vancouver gegangen und ich einen Tag später zu R&D-China nach Peking. Toni hat in Deutschland die Stellung gehalten. Jeder von uns wurde zu 20 Prozent für das Projekt freigestellt. Und dann wurde es richtig international und digital.

D151644_16_9

Habt Ihr besondere Tools oder Programme genutzt?

Sebastian: Wir haben nach der „SCRUM-Methode“  gearbeitet. Das war besonders hilfreich, da wir ja ein Ziel hatten, nämlich in 10 Wochen einen Prototypen zu haben, aber noch nicht genau wussten wie wir dahin kommen. Deswegen sind wir agil vorgegangen. Heißt: Wir hatten ein Ziel vor Augen, sprich das Kofferraumproblem zu lösen, haben aber den Lösungsweg flexibel angepasst.

Wenn eine Methode nicht funktioniert, sucht man eine andere. Viele denken: Man hat eine Idee und realisiert danach ein Jahr lang genau das, was man in diesem ‚göttlichen Moment‘ erdacht hat (lacht). Aber so ist es nicht. Die Ursprungsidee macht häufig nur fünf Prozent der gesamten Innovation aus!

Was war technisch das Anspruchsvollste?

Toni: Den Webcrawler, der die Maße anhand des Barcodes aus dem Internet holt, war schnell entwickelt. Deutlich schwieriger war die Programmierung des Packalgorithmus, der die Anordnung im Kofferraum vorschlägt. Hinzu kam noch die Gestaltung des Front-End der App mir den Anforderungen an die Responsivität und die Skalierung der Darstellung. Das bedeutet: Die App muss auf verschiedenen Endgeräten funktionieren und die 3D-Darstellung muss auf jedem Gerät flüssig laufen.

Habt Ihr auch Entwicklungsleistungen eingekauft?

Gabriel: Nein. Wir haben alles intern entwickelt. Für den Prototypen hatten wir Unterstützung von den Kollegen des IT-Innovation-Lab aus China. Für die Entwicklung der kundenfähigen App haben wir drei Kollegen von unserem R&D-Center in Indien für unser Team gewinnen können. Früher konnte ich mir unter internationaler Zusammenarbeit nicht viel vorstellen. Aber jetzt kann ich sagen: Von der Entwicklung rund um die Uhr und rund um den Globus profitieren wir und das Arbeitsergebnis!

Wie habt Ihr euch in eurem Start-up organisiert? Gab es einen Chef?

Sebastian: Nein. Wir waren basisdemokratisch unterwegs. Einer hat moderiert, aber entschieden haben wir gemeinsam. Das war klasse! Wir hatten keinen Chef, aber viel Unterstützung: Das DigitalLife Team, Kollegen aus Forschung & Entwicklung und Business Innovation und natürlich unsere Partner von smart haben uns immer wieder Türen geöffnet und uns viel Vertrauen entgegengebracht.

Hattet Ihr formale Strukturen, Geschäftsführermeetings, Rücksprachen etc.?

Gabriel: Ja klar – aber meistens digital, nach Bedarf und auch mal nach der Arbeit. Formale Meetings haben uns dabei nicht gefehlt, eher fehlte ab und an der persönliche Kontakt. Über drei Kontinente und drei Zeitzonen digital zusammen zu arbeiten war nicht immer einfach, aber unsere Zusammenarbeit lief trotzdem super.

Sebastian: Und gerade weil ich diese Zusammenarbeit so klasse fand, habe ich mich gefreut, jetzt im DigitalLife-Team mitarbeiten zu können. Hier gehen wir gerade der Frage auf nach, wie man den Start-up-Spirit wieder in den Großkonzern kriegt.

Also kein Chef, kaum Strukturen und gut Kohle – worin habt Ihr das Budget investiert?

Toni: Für Serverkapazität und Smartphones – zunächst Android-Geräte, weil die Entwicklung und das Publizieren der App auf Android einfacher war; für die Hotel-Unterbringung und den Messe-Stand auf der IAA …

Wie ging es dann weiter?

Gabriel: Wir sind durch den Konzern getingelt und haben Interessenten gesucht – genau wie richtige Start-ups draußen mussten wir intern Kollegen für unsere Idee gewinnen. Wir waren zum Beispiel im Van-Bereich, haben mit den Kollegen von Mercedes me und aus dem Marketing von Mercedes-Benz und smart gesprochen.

Interesse hatten alle, smart hat aber sofort „zugeschlagen“. Schließlich hatten die Kollegen selbst die Idee, mit einem Ikea-Einkauf zu zeigen, wie viel in einen smart forfour passt. Dann haben wir für smart den Prototypen entwickelt – zunächst auf nur für einen Smartphone-Typ. Das macht vieles einfacher.

Und wie bringt man einen solchen Prototypen zur Serienreife?

Sebastian: Mit unseren indischen Kollegen haben wir im nächsten Schritt die Beta-Version entwickelt, die jetzt auch auf iOS läuft. In dieser Phase wurde es deutlich komplizierter; wir mussten das Daimler „House of Apps“, unseren internen Zertifizierungsprozess, sowie auch den von Apple und Google durchlaufen. Dafür hatten wir sogar einen richtigen Entwicklungsplan.

Hinzu kam, dass man jetzt deutlich mehr Verhaltensoptionen seitens des Benutzers ins Kalkül ziehen musste: Was passiert, wenn der Kunde bei Schritt 17 Knopf A statt B drückt? Um das rauszufinden, brauchten wir Testnutzer, die uns Feedback geben und Fehler suchen. Und diese haben wir dann auf dem zweiten DigitalLife Day auch prompt gefunden!

Wann ist es soweit?

Gabriel: Wir planen, pacTris im September 2016 vorzustellen. Dann kommt die App in den App-Store und jeder kann sie kostenlos runterladen.

Soll sie auch für Mercedes-Benz adaptiert werden?

Toni: Mercedes me hat Interesse. Auch bei den Vans sieht es gut aus. Gerade für Transporter-Kunden steckt damit nicht nur der Spaßfaktor, sondern ein richtiger Business-Case dahinter. Denn der Paket-Bote, der jeden Tag sein Fahrzeug um 20 Prozent besser beladen kann, hat einen echten monetären Vorteil. Und diesen könnten wir uns bezahlen lassen.

Was würdet Ihr gerne aus eurem pacTris-Jahr für die Zukunft mitnehmen?

Sebastian: Vertrauen. Uns wurde in dem Jahr extrem viel Vertrauen entgegengebracht! Der Preis dafür ist natürlich Verantwortung. Wenn pacTris morgen floppt, wüsste ich nicht, wen man neben uns noch dafür verantwortlich machen könnte (lacht). Aber wir empfinden diese Verantwortung als sehr positiv. Jeder von uns steht voll hinter pacTris, weil wir hier wirklich etwas gestalten dürfen. Die Motivation ist eine ganz andere, wenn man sich eine Aufgabe selbst sucht.

Toni, Gabriel und Sebastian – danke für das Interview und viel Erfolg für den Marktstart! Eure Dora Constantinita


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
5.0 / 5 (3 Bewertungen)
Bitte warten...

Tags: , , , , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Dieser Artikel wurde von geschrieben. Sie ist Redakteurin für Konzernforschung & Mercedes-Benz Cars Entwicklung und führte das Interview.

Lernen Sie weitere Autoren kennen oder lesen hier mehr über das Blog.

Die letzten 5 Kommentare

  1. Digital netWorkCamp: How Daimler works in a digital future

    Tilo Hensel: Thank you Arah for sharing your experience. This event was just the beginning!

  2. „Full Lifetime“ – Mein persönlicher Aufstieg bei Daimler

    Mario: Hallo Herr Özer, das ist eine wirklich beeindruckende Geschichte. Ich kann Ihnen geradezu...

  3. Heldenhaft! Die Klapprad Heroes bewerten „Justice League“

    Katja Litmanowski: But THAT´S what we call diversity! So yes, they can! :-)

  4. Marco Polo – die Entdeckung der Seitenstraße

    Norbert: Servus! Fantastisches Gefährt. Ich möchte gerne dieses Auto erwerben und frage mich...

  5. Mein Mercedes-Benz 380 SLC – Ungewöhnlich und unverkäuflich

    Pierre: Ein sehr schön geschriebener Text mit sehr viel Wahrheit und Emotionen verfasst, ich habe...