Im Ampelland

Sekunden, die Dein Leben verändern. Oder auch nicht. Manche können an der Ampel stehen, andere wollen ihr Leben bereichern. Hier genau teilt sich die automotive Gesellschaft in aktiv und passiv. Für die einen ist es stumpfes Warten – für die anderen ein PS-gesteuertes Cape Canaveral.

Die Abschussrampe Ampel bezieht sich aber nicht nur auf quietschende Reifen, das wäre wirklich zu kurz gedacht, sondern auf ein kaum beachtetes Kommunikationsuniversum, das man natürlich am besten in einem Oldtimer betritt.

Ampel geht so:

Ich stehe im Wartemodus und meistens nutze ich alle im Fahrzeug vorhandenen Möglichkeiten, Verstecke für Wimperntusche und Lippenstift anzulegen und mich mit diesen während der nächsten Wartephase aufzufrischen. An der Ampel lerne ich meinen Mercedes besonders gut kennen, ich weiß, wie tief man in den Seitentaschen Portemonnaies und Handys versenken kann, Geheimverstecke unterm Sitz werden geprüft, der Kleingeld Vorrat für die Parkscheinautomaten aufgestockt. Ein kleiner Haushalt oder eine große Handtasche oder beides. Kurz gesagt: selbst an der Ampel bin ich busy im Cockpit.

Laufende Rotphase: ein anderes Auto fährt vor, hält.

Kategorie 1:  Anderes Auto ist mit einer Person bestückt, die sich auf keinen Fall für Oldtimer interessiert. Nichts passiert.

Kategorie 2: Anderes Auto ist mit Enthusiasten ausgestattet. Dann passiert alles auf einmal:

Der Kopf des Fahrers neigt sich in Richtung Seitenfenster, er rutscht dann mitsamt seines Körpers tiefer in den Sitz, Kopf noch weiter ans Fenster. In dieser völlig schrägen Haltung wird dann immer meine Seitentür angestarrt.

Ganz ehrlich, danach bin ich schon mehrfach ausgestiegen, um zu schauen, was da ist. Da ist nichts (bis auf die winzigen und eigentlich unsichtbaren Kratzer, die vom Nahkampf mit meinem Büroparkplatz stammen). So verharrt der Fahrer in einer für ihn unmöglichen Position, manche legen dann noch den Zeigefinger an die Schläfe, was so viel heißt wie: Hmmmh, was war das jetzt noch für ein Modell, aus welchem Jahr und welche Baureihe? Oder auch: ist heute nicht Fußball, ist noch Grillkohle da ?

Diese Sorte Mensch ist eher introvertrierter und macht das alles mit sich aus, aber dann gibt es noch die anderen: Auto hält, noch beim Bremsen begeistert Fenster runterreißen und so ein Gesicht machen, dass man denkt, er sucht den nächsten Kreissaal für seine schwangere Frau.

Es kommt dann das:

Cooooool!!!! Wieviel Zylinder???

Ich musste mich erst mal konzentrieren, hat er wirklich Zylinder gesagt? Was meint er? Welche Zylinder? Was sind das überhaupt?

Ganz ehrlich, woher soll ich wissen, welche Dingsbums mein Mercedes hat, vor allem wo? Wieso glaubt er, dass ich weiß, wieviel Zylinder ich habe. Und was fängt er mit diesem Wissen an? Reicht doch, dass ich wie kein anderer mein Überbrückungskabel benutzen kann.

Zylinder leben unter der Motorhaube

Also meine Geheimverstecke kenne ich alle, die haben ja die Designer gemacht, um die Spannung auch im Fahrzeuginnenraum zu halten. Aber alles, was unter der Motorhaube steckt ist terra incognita. Ich denke, dort leben auch die Zylinder.

Ok, zurück zur Ampel: „Sorry, weiss ich nicht.“ „Wie? Echt? Wieviel PS?“ Ich dachte immer, dass die Zahl hinten auf dem Auto die PS sind, also habe ich immer 380 gesagt. Ist natürlich Quatsch, sind nur 240. Egal, jetzt wird die Ampel endlich grün, was bleibt: sehr freundliches Nicken und Daumen hoch.

Der Mercedes-Benz 380 SLC

Die Classic Experten von Mercedes haben mir jetzt folgendes über mein kaffeebraunes Auto mitgeteilt. Die beschriebene Baureihe C107 vom Typ Mercedes-Benz 380 SLC ist sehr selten, da Sie nur zwei Jahre, von 1980-1981, gebaut wurde. Ich bin jetzt gewappnet für die nächste Ampelphase, egal was ich gefragt werde sage ich ab sofort genau das.

Gott sei Dank stellen die anderen Fahrer keine Fragen, denn meist reicht ja ein Zeichen aus in der kurzlebigen Ampellandwelt: Blickkontakt, Daumen hoch, wohlwollendes Nicken, gekräuselte Stirn, leichtes Lächeln.

Ich antworte: mit Vollgas (sind ja doch irgendwie mindestens 380 gefühlte PS…..)

Mercedes-Benz SLC 380 R107


Eine weitere Geschichte zum Auto und seiner Fahrerin gibt’s auch bei Mercedes-Benz: Unternehmerin und Bloggerin aus Passion


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Aufgewachsen in Deutschland, groß geworden in Afrika und Indonesien. PR Volontariat in Hamburg, danach Studium der Kunstgeschichte in Düsseldorf abgeschlossen. Es folgte die Spezialeinheit bei Abels & Grey im Bereich Medienstrategie. Selbstständig seit 2003 als Texterin, nein, textschwester! Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge sowie Moderationen zu Kunst, Lifestyle. Mitglied in verschiedenen Jurys. Gründung des Studiengangs Modejournalismus an der Akademie Mode und Design, NRW. Neu: Content-Chefin vom neuen Axel Springer Piloten NRW Select 2015.

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