Roadtrip: Mit dem Job No.1 nach Hause

Eigentlich hatten wir den Actros nur als Versuchsträger zur Erprobung des ersten LKW-Motors mit Euro 6 Abgasnorm bestellt. Dass aus diesem Fahrzeug mal eine richtige Herzensangelegenheit werden würde, konnte damals noch Niemand ahnen.

Unser Actros wurde 2011 von Dieter Zetsche im Werk Wörth von der Produktionslinie gefahren und als erster der neuen Actros Generation vorgestellt. Es war der sogenannte „Job No. 1“.

Wenige Tage später holten wir den Actros in Wörth ab. Es war nur der Beginn seiner langen Reise. Der Job No. 1. war etwas Besonderes: Er ging nach dem Einbau des „FE 1 Motors“ zur Wintererprobung auf eigener Achse von Untertürkheim nach Finnland, um dort bei bis zu minus 35 Grad Motorkennfelder abzustimmen oder das Kaltstartverhalten zu überprüfen.

Zurück in Deutschland war der Actros auf der A8 zwischen Kirchheim und Merklingen an den Albaufstiegen Aichelberg und Drackensteiner Hang unterwegs. Rund 18 mal pro Tag ging es den Berg hoch und runter, um Motor und Getriebe bei starker Belastung auf Herz und Nieren zu testen.

Mit mittlerweile 200.000 Kilometern auf dem Tacho wurde der Actros dann auf dem Seeweg in die Wüste nach Abu Dhabi verschickt. Auch dort blieb ihm wenig erspart: Dauerlauferprobung im Wüstensand bei Temperaturen bis zu 48 Grad! Nach knapp einer halben Million Kilometern war dann „Ruhestand“ angesagt. In seiner Heimat Deutschland. Soviel zur Vorgeschichte.

Aus einer Schnapsidee wurde ein Road Trip!

Genau vor einem Jahr stand ich dann zusammen mit meinem Kollegen Jochen Mast vor dem Actros „Job No.1“ und ich sagte: „Für den Kameraden haben wir eigentlich keine Verwendung mehr und er wird als Teilespender dienen!“.

„Das kannst Du nicht machen!“

entgegnete Jochen. Abends flogen wir dann zurück nach Deutschland und für mich war das Thema durch. Keine zwei Wochen später hieß es dann doch: „Der Job No.1 soll zurück ins Werk nach Wörth.“

Dazu mussten wir das Fahrzeug aber erstmal wieder auf Vordermann bringen und für die europäischen Straßen fit machen. Anfang Mai ging es dann über 6.700 Kilometer durch Iran – Türkei – Bulgarien –Serbien – Ungarn – Österreich, zurück nach Deutschland.

Quasim und Walter durch die Wüste

Für die erste Etappe von Abu Dhabi nach Bandar Abbas im Iran ging erst mal aufs Schiff. Die Überfahrt lief reibungslos, keine Probleme mit den Zollpapieren, der Road Trip konnte beginnen. Nun ja, doch nicht gleich. Nach knapp einer Woche hatten wir erst die Freigabe der Hafenbehörde.

Hieß im Klartext: Durch die Verzögerungen war unsere Fahrerlaubnis für den Iran nun nur noch zwei Tage gültig. Also Beeilung, wir sollten rechtzeitig bei der Zollbehörde in Bazargan an der Grenze zur Türkei zu sein!

Mein pakistanischer Beifahrer Mohammed Qasim und ich starteten durch. Aber bereits nach rund einer Stunde Fahrzeit standen wir wieder – in einem 18 km langen Stau. Polizeikontrolle, rechte Fahrbahn, Lkw, linke Fahrbahn Pkw. Da wir ohne Anhänger unterwegs waren, nahmen wir eben die linke Spur. Wir hatten Glück: Der Polizist auf der linken Fahrbahnseite winkte uns durch.

Kurze Zeit später schon wieder die nächste Polizeikontrolle. Die Beamten wollten eine „Placka“ von uns. Vollkommen ahnungslos, was denn die „Placka“ ist, versuchte ich mich mit Händen und Füßen zu verständigen. Die Diskussion endete leider erfolglos auf dem Parc Fermé.

Ich sah unser Ziel, in 38 Stunden an der türkischen Grenze zu sein, gefährdet. Letzte Hoffnung war der „Telefonjoker“ im Teheraner Daimler-Büro: Kollege Vakilzadeh, der die Landessprache spricht. Nach fünf Minuten Gespräch des Kollegen mit dem Polizisten reichte der Uniformierte mir mein Telefon zurück und die bekannte Stimme von Vakilzadeh sagte: „Herr Klatte, bitte die deutschen Nummernschilder anschrauben und dann können Sie weiterfahren.“

Fahrstil á la Iran

Die Hast ging weiter: LKW fahren, vorschlafen, aufpassen, dass wir uns nicht verfahren. Nach rund 800 km war Qasim müde und auch ich auch nicht mehr der Fitteste. Sobald wir die nächsten Lichter in der Wüste und einen Parkplatz mit einigen LKWs sahen, machen wir die Nachtruhe. Wir parkten in the Middle of Nowhere. Ungemütlichkeit machte sich breit.

Kurze Abendtoilette, dann setzte ich mich auf den Fahrersitz, nahm das Lenkrad in den Arm und fiel in Tiefschlaf. Qasim saß auf dem Beifahrersitz und konnte nicht schlafen. Sein Magen rumorte, weil wir in der ganzen Hektik nicht mal zum Essen gekommen sind.

Am nächsten Morgen um 7:00 Uhr ging es weiter. Wir hatten eine Stunde Fahrt bis zur nächsten Raststätte, dort gab es zwei Spiegeleier, iranisches Fladenbrot einen Chai-Tee, Morgentoilette und weiter gings.

Die Vegetation veränderte sich, je weiter wir fuhren. Aus der reinen Stein- und Sandwüste wurden zunehmend grüne Flecken und schließlich sogar Feldern mit Weizen, Traubenplantagen, Mohn oder Safran.

In Ghom mussten wir die toll ausgebaute Autobahn verlassen und auf der Landstraße nach Teheran weiter fahren. Die Straße erinnerte mich an den Autoput und die LKW-Fahrer fuhren leider ohne Hirn und Verstand. Es wurde auf den zweispurigen Landstraßen mit breitem Standstreifen überholt, ob einer entgegenkam oder nicht. Teilweise waren auch drei Fahrzeuge in einer Richtung unterwegs. Abenteuerlich!

Auf Umwegen nach Täbris

Gott sei Dank haben wir nach rund anderthalb Stunden die Stadtgrenze von Teheran erreicht. Die Stadt hatte sich in den letzten 10 Jahren herausgeputzt: Rabatten, Blumenbeete sowie viele Bäume haben Sandhäufen und unansehnliche Straßenräder abgelöst.

Teheran stellte sich als „Challenge“ heraus: Ich wusste noch von früher, dass LKW nur in der Nacht im Stadtgebiet fahren dürfen. Überall Verbotsschilder für die Einfahrt in die Stadt und es gab nur ein paar Ringstraßen auf denen es erlaubt war, mit dem LKW unterwegs zu sein.

Fragen half, aber ohne die Sprachkenntnisse in „Farsi“ war kaum eine Verständigung möglich. Nach kleinen Irrfahrten deutete uns ein anderer LKW-Fahrer, ihm zu folgen und schon waren wir raus aus Teheran, so einfach ging das manchmal dann doch.

Wir hatten jetzt noch 600 km bis nach Täbris, die Gegend war inzwischen total grün, auf den Bergen lag noch etwas Schnee und es regnete aus Kübeln.

Mit Rückenwind nach Anatolien

In Ost-Aserbaidschan waren wir auf einer Berg- und Tal-Bahn unterwegs mit 5-10 km langen Steigungen und Gefälle mit bis 10 Prozent. Mit leerem LKW war das jedoch keine Herausforderung. mit unseren 375 KW Motorleistung sind wir mit 90 km/h durchgeräubert – Berg hoch, wie Berg runter.

Am Abend gönnten wir uns dann das Luxus Golf Ressort in Täbris. Es lag es direkt an der Autobahn, denn wir wollten nachts um 12 Uhr nicht mehr in die Stadt reinfahren.

Um 4:30 Uhr hieß es schon wieder Abfahrt Richtung iranisch–türkischer Grenze. Wir hatten es geschafft und waren um 8:45 Uhr am Grenzübergang – deutsche Pünktlichkeit eben.

Leider standen am Grenzübergang Iran/Türkei noch ungefähr 1000 weitere Sattelzüge, davon hunderte Axoren und Actrösser, die auf ihre Abfertigung warteten. Nach vier Stunden waren dann auch wir dran: Wir durften in den türkischen Zollhof einreisen.

Die nächste Herausforderung war es, das Fahrzeug aus dem Zollhof wieder auszulösen. Nach vier langen Tagen konnte unser Actros dann endlich zur Weiterfahrt anrollen.

Angekommen in Ost-Anatolien war die Lage dann etwas beängstigend: Überall Militär, Schützenpanzer samt Sandsäcken und Panzerspeeren, verbarrikadierte Kasernen und Dörfer. Wir hatten ein ungutes Gefühl.

Schöne Türkei

In Erzurum, dem Skirevier der Türkei, machten wir erneut Halt. Erzurum liegt circa 2000 Meter hoch. Vergangenen Winter wurden hier bis zu  minus 46 Grad gemessen – nicht umsonst machen die türkischen Lkw-Kollegen hier‎ ihre Wintererprobung.

Weiteres Etappenziel: Aksaray, knapp 800 km von Erzurum entfernt – natürlich inklusive Werksbesuch bei den Kollegen. Die Fahrt dorthin war wunderschön! Vor allem Kappadokien, bekannt durch die einzigartigen Felsformationen, muss man gesehen haben.

Kollege Jochen Mast in Kappadokien

Der Actros als Attraktion

Aber wir waren ja nicht zum Urlaubmachen hier. Deswegen haben wir den Actros noch kurz einer letzten „Höhenerprobung“ bis auf 2200 m unterzogen, gefolgt von einem Schlagregen- und einem Hageltest.

Wie schon im Iran war auch in der Türkei die Verständigung schwierig, aber lustig und lebhaft. Sobald unser roter Job No.1 irgendwo stehen bleibt, sammelten sich ruck zuck viele Menschen und fragten, was wir denn machen. Unsere türkischen Kollegen halfen uns beim Übersetzen.

Am Abend trafen wir dann mit leichter Verspätung in Aksaray ein. Was für ein Empfang! Die Lkw-Community war einfach großartig! Bei einer Werksbesichtigung am nächsten Morgen haben wir viele liebe Kollegen kennengelernt und – wie so oft einige Fotos gemacht. Danach ging‘s wieder auf die Straße. Das Ziel: Istanbul.

Ziel Istanbul

Schon auf dem Weg dorthin und erst recht auf der Ortsumfahrung nahm der Verkehr dramatisch zu, jetzt mussten wir uns wieder stärker konzentrieren. Abschweifungen in die tolle Landschaft waren nur noch mit Augenblinzeln möglich. Der Beifahrer hatte es besser, er konnte weiterhin tolle Fotos machen.

Ein weiterer Höhepunkt war der Abend in Istanbul. Wir hatten das Glück, die türkische Fußballmeisterschaftsfeier von der Ferne mitzuerleben, das Stadion Besiktas war wie ein brodelnder Vulkan.

Über Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Österreich bis nach Ulm

Grenzen hatten es uns angetan! Nach wenigen Stunden Fahrzeit erreichten wir die EU-Außengrenze. Jetzt war wieder „Sitzfleisch“ angesagt. Nach sieben Stunden Wartezeit durften wir dann einreisen. Jedoch zu spät um weiterzufahren, also wieder im LKW übernachten. Nach vier Stunden Schlaf ging es los zur 21-Stunden-Etappe: Mehr als 1200 km an einem Tag, durch drei Länder. Quer durch Bulgarien mit von Schlaglöchern übersäten Straßen und „Schnellstraßen“, die bei uns nicht mal als Feldweg durchgehen würden.

Wieder eine Grenze, wieder Wartezeit, dieses Mal an der Donaugrenze zu Rumänien. Wir wurden jedoch belohnt, denn es folgte einer der schönsten Abschnitte der EU-Reise. Wir fuhren an der Donau entlang dem Sonnenuntergang entgegen, eine kleine Wiedergutmachung der vorangegangenen Strapazen.

Nach rund 18 Stunden gemeinsamer Lenkzeit und mit knurrendem Magen, kam die ungarische Grenze in Sicht. Das Tagesziel, das Mercedes-Benz Werk in Kecskemet war in Reichweite. Geschafft! Und alles innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten.

Nach dem freundlichen Empfang durch unsere PKW-Kollegen im Werk, bereiteten wir uns auf den nächsten Streckenabschnitt vor. Die Route: Richtung Budapest, am Plattensee vorbei nach Österreich. Hier haben sich die Beamten am Grenzübergang selbst übertroffen, denn in weniger als 30 Sekunden waren wir durch!

Nach einer erholsamen Nacht im Hotel, brachen wir hochmotiviert auf die letzten katzensprungartigen 400 km auf. Durch die Alpen auf und ab, wieder vorbei an schneebedeckten Gipfeln, erreichten am frühen Nachmittag das vorerst letzte Etappenziel in Ulm. Die Kollegen von EvoBus nehmen den Job No.1 in ihren Versuchshallen auf.

Willkommen zuhause

Die letzte Etappe übernehmen unser Entwicklungschefs Sven Ennerst und Uwe Baake. In Ulm gibt es noch kurz Interviews mit Journalisten, dann geht Job No.1 auf seine letzte Etappe nach Untertürkheim, wo er mit großem Bahnhof empfangen wird. Fast die ganze Fahrer-Mannschaft ist anwesend. Sven Ennerst und Prof. Dr. Baake finden tolle motivierende Worte bzgl. der Rückkehr des LKWs, aber auch für den Einsatz jedes Einzelnen.

Zum Abschluss gab es noch ein finales Bier. Was ein Fest!


Die Etappen wurden von unterschiedlichen Fahrerteams bewerkstelligt. Walter Klatte begleitete den Actros von Abu Dhabi durch den Iran bis an die türkische Grenze, die weiteren Reiseinformationen kamen von Mitgliedern folgender Fahrerteams:

  • Fahrerteam 1: Mohammed Qasim/Walter Klatte
  • Fahrerteam 2: Ozgur Ergen/Mehmet Basol
  • Fahrerteam 3: Ozgur Ergen/Wolfgang Sladek/Jochen Mast
  • Fahrerteam 4: Ozgur Ergen/Thomas Weber/Daniel Schöllhorn
  • Fahrerteam 5: Sven Ennerst/Uwe Baake

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Er begleitete den Actros von Abu Dhabi durch den Iran bis an die türkische Grenze. Er ist als Teamleiter der LKW Motoren-Entwicklung für Fahrerprobung im Fahrzeug zuständig und seit 1980 bei Daimler. Gemeinsam mit seinem Team überprüfen sie die Zuverlässigkeit vom Powertrain, speziell Motoren und Getriebe.

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