Lizenz zum Kleben

Es gibt Dinge im Leben, die sind für uns selbstverständlich und wir müssen sie nicht erlernen. Dazu gehören das Atmen, das Hören und natürlich das Kleben. Oder haben Sie schon mal gehört, dass jemand sagt: „Nein das kann ich nicht kleben, das muss ich erstmal lernen“. Eben nicht.

Aber wenn ich jetzt mit dem gleichen Selbstverständnis behaupte, dass es mit dem Schweißen doch auch so sein müsste, geht ein Aufschrei durch die Ingenieurgemeinde. Ohne Schweißerschein geht da gar nix. Und wenn ich ketzerisch dann noch behaupte, dass Schweißen doch auch nur Heißkleben von Metallen ist, dann ist der Sturm der Entrüstung nicht mehr aufzuhalten und man(n) landet fast auf dem akademischen Scheiterhaufen. Aber warum ist das so?

Diese und viele andere Fragen will ich zusammen mit meinem Kollegen Philipp Hirschmann den Ausbildungsmeistern, die aus dem gesamten Bundesgebiet der Daimler AG hier im Werk Bremen zusammengekommen sind, beantworten. Denn wir haben die Lizenz zum Kleben.

Die Meisterkleber

Wir sorgen dafür, dass die an uns gelieferten Klebstoffe den Vorgaben entsprechen, Prozesse aus klebtechnischer Sicht optimal laufen oder mit Hilfe von Analysen wieder in die Spur gebracht werden. Entsprechend nennen wir uns COC-Kleben, wobei COC für Center of Competence steht. Auf gut Deutsch würde man wohl sagen, gewusst wie. Die Schwaben würden uns wohl als „Cleverle“ bezeichnen.

Kompetenz passt aber sehr gut zu Bremen, da wir das sogenannte Lead-Werk für die C-Klasse sind. Das heißt wir bauen die Limousinen, Kombis, Coupés und Geländewagen der C-Klasse und haben auch die Verantwortung für die Auslandsstandorte, in denen auch C-Klasse Derivate gebaut werden. Zusätzlich fertigen wir auch die Cabrios und Coupés der E-Klasse sowie die beiden Roadster SL und SLC. Also eine große Spielwiese für Kleber und Klebstoffe.

Kraftstoffverbrauch kombiniert: 4,2-4,0 l/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 113-103 g/km.*

Kleber und Klebstoff

Bereits die nächste Frage, die wir stellen, schafft Verwirrung: Was ist der Unterschied zwischen Kleber und Klebstoff? Wir reden doch immer nur vom Kleber. Ich schaffe Klarheit: Der Klebstoff ist das Material und der Kleber ist der Mensch, der den Klebstoff aufträgt. Unser Merksatz lautet immer: Wir verarbeiten ja schließlich auch Werkstoffe und keine Werker (zumindest sollte es so sein).

Erstes Schmunzeln in den Reihen der Meister. Humor haben sie. Eine wichtige Voraussetzung wenn man sich mit den Irrungen und Wirrungen des Klebens beschäftigt. Die größte Angst der Teilnehmer, dass wir sie ausschließlich mit Physik und Chemie traktieren, können wir ihnen schnell nehmen.

Schließlich sind unsere und später ihre Zielgruppen die Auszubildenden in den Standorten, wo Beschichtungstechnikern und Konstruktionsmechanikern fachgerecht „eine geklebt“ werden soll. Mit der Unterstützung meiner Kollegen habe ich diese Schulungsunterlage entwickelt, um die Azubis neugierig auf das Thema zu machen.

Klebetechnik im Automobilbau

Denn immer wieder höre ich, dass die Klebtechnik im Kommen sei im Automobilbau. Das ist völliger Blödsinn. Die Klebtechnik ist schon lange da und durchdringt unseren kompletten Fahrzeugbau; bloß viele nehmen es noch nicht wahr!

Beispielsweise sind im Werk Bremen mehrere hundert automatisierte Anlagen im Rohbau und der Montage am Start, um täglich bis zu 14 kg Klebstoff, auf 170m Nahtlänge verteilt, pro Auto aufzutragen. Dabei liegt der Schwerpunkt klassischerweise in der Verbindung von Metallbauteilen.

Es ist schwer, dabei einzelne Bereiche am Fahrzeug hervorzuheben, da die Klebenähte, ähnlich wie beim Menschen die Adern, die gesamte Karosse durchziehen von der Motorhaube bis zum Heckdeckel, vom Dach bis zum Hauptboden.

In der Montage hingegen liegt der Schwerpunkt im Bereich Scheibenkleben und der Anwendung von selbstklebenden Bauteilen wie Zierleisten, Typkennzeichen aber auch kompletten Türdichtungen.

Mythos Alleskleber

Und dass wir dafür keinen „Alleskleber“ oder etwas aus der alten bekannten Klebewelt wie Pattex, Tesafilm oder UHU nehmen ist schon klar. Dass wir aber theoretisch aus den rund 250.000 (!) weltweit verfügbaren Klebstoffen wählen können, überrascht dann doch viele. Zum Glück reichen aber derzeitig bei uns 18 unterschiedliche aus, die auf unsere Automobilanforderungen hin auf Herz und Niere getestet wurden und selbstverständlich den aktuellen Anforderungen des Umweltschutzes entsprechen. Und ich verspreche, wenn es die Allesschraube gibt, die für jedes Loch und Gewinde funktioniert, beschäftige ich mich auch wieder mit dem Alleskleber.

An diesem ersten Theorietag müssen sich die Meister ordentlich konzentrieren, um den vermittelten Stoff aufzunehmen. Wir versuchen die notwendige Theorie durch kleine Handversuche und jede Menge Praxisbeispiele aus dem Werk aufzulockern. Das Experiment gelingt und die Kollegen sagen zu, am nächsten Tag wiederzukommen. Puh, erste Hürde geschafft!

Nach der Theorie folgt die Praxis

Am zweiten Tag wecken wir die Neugierde im Labor mit Erläuterungen an geklebten Bauteilen und kleinen Schaustücken, denn so lässt sich das Kleben nach und nach begreifen. Aber Vorsicht, Klebstoffe sind kein Spielzeug!

Und dann wird es ernst. Nun müssen die Meister selber ran und zeigen was sie können. Sie sollen jeder aus mehreren Bauteilen ein Fahrzeug aufbauen, das am Folgetag auf einer Teststrecke gecrasht werden soll. Was sie nicht wissen, teuflisch wie wir sind, haben wir ihnen auch Systeme untergejubelt, von denen wir Experten wissen, dass sie den Test nicht bestehen werden. Aber nur so kann man lernen, dass Kleben nicht einfach nur Zusammenbacken ist. Da können die Texte auf Verpackungen noch so vielversprechend sein.

Wichtig sind die richtigen Kombinationen aus Konstruktion, Material, Klebstoff und Fügeprozess. Funktioniert ein Glied dieser Kette nicht, funktioniert das Gesamtsystem nicht.

Kleberoboter im Werk

Wie es die Profis, in diesem Falle die Roboter in unserem Werk machen, erleben dann die Meister in unserem Rundgang durch die Produktion, den sie später auch als Bestandteil ihres Unterrichts mit den Azubis durchführen werden. Denn, was man selbst erlebt hat, glaubt man auch. Das gilt auch für das Kleben. Und die Kollegen sind wirklich begeistert, was „beim Daimler“ alles auf diese Art und Weise gefügt wird. Alle sind sich einig, dass die heutige Produktion ohne Klebstoffe und Kleber nicht mehr möglich ist.

Ring frei für Runde drei: Der Crashtest

Der dritte Tag der Wahrheit. Denn heute werden die geklebten Karossen gecrasht. Auf der Crashbahn, deren Grundlagen mal im Rahmen der Junior Ingenieur Akademie entwickelt wurden, geht es nun an den Start. Das Feld ist hochkarätig besetzt: Untertürkheim, Sindelfingen, Mannheim, Ludwigsfelde, Wörth, Düsseldorf und Bremen. Ein letztes Mal werden die Räder kontrolliert und die Strecke auf ihren Zustand geprüft. Nun wird das erste Fahrzeug am Schlepphaken befestigt. Es gibt kein Zurück mehr.

Am Ende des Seils halte ich ein 1 kg Gewicht und schaue ein letztes Mal in die Runde. Alle Blicke sind auf das kleine Auto fixiert und es ist mucksmäuschenstill. Gut so. Unser Lerninhalt scheint ansprechend zu sein. Eine erste Voraussetzung für erfolgreiches Lernen.

Die Klebung hält

Ich rufe: „Achtung!“ Und das Gewicht saust nach unten wodurch das Gefährt in Richtung des massiven Metallblocks hin beschleunigt. Das Auto hat so viel Fahrt drauf, dass es nicht nur auf den Block aufprallt, sondern gleich hinterher noch von der Teststrecke auf den Boden fällt. Aber die Klebung hält. Zwar hat der Aufprall eine gut sichtbare Kerbe an der Front hinterlassen, aber alle Teile haben gehalten.

Also gleich noch einmal und diesmal mit 2 kg. Wieder eine Kerbe mehr, aber der Klebstoff hält die Karosse zusammen. Und so geht es mit diesem Auto munter weiter, bis wir bei 7 kg Fallgewicht landen und es inzwischen für den Fußboden und die Teilnehmer zu gefährlich wird. Doch die Karosse hält tapfer stand.

Kleben erleben

Das sieht beim nächsten Fahrzeug schon ganz anders aus. Bereits 2 kg reichen für einen kapitalen Totalschaden aus. Auch aus solchen Fahrzeugen können die Teilnehmer viel über die Klebstoffe, Fehler beim Kleben und anderes mehr lernen. Es entsteht neben dem Ehrgeiz, das beste Auto zu bauen, eine rege Diskussion über Ursachen und Lösungen. Und genau das ist es was wir wollen. Kleben erleben.

Kleben Sie wohl!
Ihr Klebefix, Lars Höper


* Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und den offiziellen spezifischen CO₂-Emissionen neuer Personenkraftwagen können dem „Leitfaden über den Kraftstoffverbrauch, die CO₂-Emissionen und den Stromverbrauch“ neuer Personenkraftwagen entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei der Deutschen Automobil Treuhand GmbH unter http://www.dat.de/ unentgeltlich erhältlich ist.


Wie bewerten Sie diesen Artikel?
5.0 / 5 (1 Bewertung)
Bitte warten...

Tags: , ,

drucken

Wollen Sie wirklich das Internet ausdrucken?

Sparen Sie Papier und schonen Sie die Umwelt! Nutzen Sie die Funktionen zum Bookmarking oder zur E-Mail-Weiterleitung.

Ihre Daimler AG

Erst wenn Sie klicken, wird die Schaltfläche aktiv und stellt eine direkte Verbindung mit dem jeweiligen sozialen Netzwerk her. Hierdurch werden Daten an das jeweilige soziale Netzwerk übertragen. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzhinweise.

Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist für die Qualitätssicherung der Klebstoffe im werk Bremen zuständig und leitet dort das Center of Competence für Kleben. Privat: Begeisterter Amateur-Holzwurm der sich 2008 zum Selbermacher des Jahres in der Rubrik Kinderspielzeug und Holzwerker des Jahres 2014 voran gearbeitet hat.

Lernen Sie weitere Autoren kennen oder lesen hier mehr über das Blog.

Die letzten 5 Kommentare

  1. 10 Jahre Daimler-Blog: Rückblick und Ausblick aus dem Maschinenraum

    Alex Kahl: Heyho und Hut ab! Hier auch noch einmal herzlichen Glückwunsch! 10 Jahre. Das ist...

  2. Wenn es die IAA nicht gäbe, müsste man sie jetzt erfinden!

    Edith Meissner: Hallo Herr Lotze, ich erinnere mich aber auch daran, dass wir internationalen...

  3. 10 Jahre Daimler-Blog: Happy Birthday

    Lukas Fütterer: Kudos an die Kollegen rund um Christian & Uwe! Vor 10 Jahren Pioniere und...

  4. Baltic Sea Circle: Von stinkendem Fisch und röhrenden Motoren

    Entdeckt die Welt: Was für ein schöner Bericht. Der ließ jetzt nostalgische Gefühle in mir...

  5. AMG – 50 Jahre und unzählige Geschichten: Teil 6

    Wolfgang: Schwacher Bericht! Zitat: „Der SLS Electric Drive war das erste...