Pures Glück, wo man auf die Welt kommt

Im Laderaum des Kastenwagens herrscht eine gespenstische Stille. Die Anspannung der 9 Männer, 3 Frauen und 10 Kinder ist greifbar, während der alte Renault mit hoher Geschwindigkeit und ohne Licht einen Schotterweg entlang rast. Die zerlöcherte Piste wirft die Insassen bei jedem Schlagloch durcheinander.

Sitzplätze gibt es selbst auf dem Boden nur für die wenigsten. Fast zwei Stunden geht das nun schon so und ein Ende ist nicht in Sicht. Dann plötzlich und ohne Vorwarnung legt der Fahrer eine Vollbremsung hin. Das Fahrzeug kommt zum Stehen und die Fahrertür öffnet sich. Im nächsten Moment sieht Mahmoud durch die verglaste Hecktür, im Scheinwerferlichtkegel eines anderen Fahrzeugs, wie der Fahrer versucht zu entkommen.

Laute Stimmen in einer fremden Sprache hallen durch die Nacht. Schüsse fallen, die offenbar dem Fahrer gelten. Mahmoud denkt an die Horrormeldungen auf Facebook, in denen von Organhändlern die Rede ist. „Das ist die Mafia, sie werden uns umbringen“, bricht es aus einer der Frauen heraus, die direkt neben Mahmoud auf dem Laderaumboden sitzt. Panik bricht aus. Mahmouds Herz rast wie wild, als ein bewaffneter Mann die verrostete Hecktür des alten Renaults aufreißt und ihn anbrüllt.

Handeln gegen die Katastrophe

Wie Mahmoud haben im Jahr 2015 mehr als eine Million Menschen versucht, in die EU zu flüchten. Bei dem Versuch ertranken 3.735 Menschen im Mittelmeer. Es ist zweifelsohne eine humanitäre Katastrophe, die gerade passiert. Es ist ein seltsames Gefühl zu wissen, dass unsere Enkel das alles im Geschichtsunterricht durch nehmen werden. Wir wollten nicht verstummen, wenn sie in einigen Jahren fragen, „Was hast du gemacht, als sich diese Katastrophe vor deinen Augen abgespielt hat, Opa?“.

Im Oktober 2015 war ich es leid, tatenlos zuzusehen, wie Menschen bei dem Versuch vor Krieg und Elend nach Europa zu flüchten, ihr Leben aufs Spiel setzen. Ich war fest entschlossen zu handeln.

Facebookseite als Start

Kurzerhand habe ich mich an einem Freitagabend mit meinem guten Freund Serkan dazu entschieden, einen Sprinter zu mieten und mit Hilfsgütern an den Anfang der so genannten Balkan Route zu fahren. Unser Fokus lag auf Kinder und Babys, die es besonders schwer haben und somit zu den Menschen gehören, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen.

Noch am selben Abend habe ich eine Facebookseite mit dem provisorischen Namen Balkan Route Stuttgart aufgesetzt, um für Unterstützung bei unseren Freunden zu werben. In den kommenden Tagen wuchs die Zahl der Unterstützer immer weiter und immer mehr Menschen, die wir gar nicht kannten waren darunter.

Nicht nur die Zahl der Unterstützer wuchs, sondern auch die Kleiderspenden in meinem Keller, die Geldspenden auf unserem Spendenkonto und die Zahl der Helfer die uns beim Sortieren und Planen halfen. Hätten wir vorher gewusst was uns erwartet, wir hätten wohl nie damit angefangen.

Auf der Balkan Route

Eine Woche nach dem Startschuss saßen Serkan und ich völlig übermüdet und erschöpft, aber mindestens genau so glücklich, in unserem vollbepackten Sprinter auf dem Weg nach Idomeni an der Griechisch-Mazedonische Grenze. Ein zweiter Sprinter fuhr mit unserem Freund Tobias und weiteren Helfern, voll beladen nach Slowenien. Wir waren überwältigt, was innerhalb von einer Woche alles möglich war.

Wir hatten es in kürzester Zeit geschafft, zahlreiche Stuttgarter hinter unserem Hilfskonvoi zu vereinen. Als wir nach einer Woche auf dem Weg zurück nach Stuttgart waren, war schon klar, jetzt starten wir richtig durch.

Seitdem ist aus einer kleinen Idee ein Verein geworden, der sich um die Versorgung von Flüchtlingen entlang der Balkanroute und der Türkei kümmert. Genauso wichtig wie die Flüchtlingshilfe ist uns jedoch die europäische Solidarität. Die einheimischen Griechen sind uns mit solcher Herzenswärme begegnet, dass wir noch heute unseren Hut ziehen und sagen, wir haben uns noch nie so Europäisch gefühlt, wie in diesem kleinen Dorf im Norden Griechenlands.

Neue Projekte

Um möglichst vielen Menschen zu helfen, arbeiten wir als Verein ständig daran unseren Impact zu vergrößern. Im Sommer fahren in unserem Namen die ersten eigenständigen Helferteams an die türkische Westküste. Dort werden wir einen kontinuierlichen Fluss an Helfern aus Stuttgart sicherstellen und somit eine lückenlose Versorgung der Bedürftigen Flüchtlinge, die an der türkischen Küste unter schwersten Bedingungen leben. Diesen Menschen fehlt es am allernötigsten.

Anders als in Idomeni oder auf Chios, wo wir im Januar einen Hilfseinsatz hatten, kämpfen die Menschen hier wirklich ums Überleben. Krankheiten, Unterernährung und grauenhafte hygienische Bedingungen sind hier die täglichen Herausforderungen mit denen Flüchtlinge und Helfer zu kämpfen haben.

Wir sehen uns als Helfer in einer humanitären Notsituation und nicht als politische Aktivisten. Unsere politischen Ansichten spielen hierfür keine Rolle, denn das Abwenden von Schaden an den flüchtenden Menschen steht im Vordergrund. Es ist aus unserer Sicht pures Glück, wo auf der Welt man geboren wird. Niemand von uns hat vor seiner Geburt in einem Auswahltest besonders gut abgeschnitten, der ihn qualifiziert hat in Deutschland auf die Welt zu kommen. Wir gehören zu den glücklichsten Menschen auf der Erde, es ist an der Zeit etwas zurück zu geben.

Mahmouds Geschichte

Mahmoud hatte Glück. Es war ein türkischer Polizist der in dieser Nacht im September 2015 die Tür zum Laderaum aufriss, in dem er und die anderen 21 Syrer saßen. Sie waren auf dem Weg zur griechischen Insel Chios. Nach einer Woche im Gefängnis, unter grauenvollen Bedingungen, schaffte er es im zweiten Versuch auf einem Schlauchboot auf die Nachbarinsel Lesvos und somit in die von vielen so ersehnte Europäische Union.

Mahmouds Geschichte ist eine von vielen Geschichten Syrischer Flüchtlinge, die vor dem Krieg aus ihrem Land fliehen mussten. Er lebt heute in Ulm.

Als er von Balkan Route Stuttgart gehört hat, war seine erste Reaktion, „Ich möchte helfen, wann kann ich mitfahren?“. Wir sind sehr stolz und glücklich, Mahmoud in unserem Team begrüßen zu dürfen. Er wird uns im Juni auf einem Hilfseinsatz an der Türkischen Westküste begleiten. Dort, wo seine Flucht nach Europa begann, wird er mit uns zusammen den ärmsten der Armen helfen, die nicht das Geld und die Möglichkeiten hatten, wie er nach Europa zu kommen.

Wir verlangen nicht viel und uns ist durchaus bewusst, dass unsere Hilfe nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Allerdings glauben wir, dass jedes Kind das eine Nacht weniger friert und hungert, ein Gewinn für unsere Gesellschaft ist, für den jeder Einzelne von uns sorgen kann. Wenn jemand in Mahmouds Position die Kraft findet zu helfen, dann können wir das auch.

So start where you are and do what you can

Wir freuen uns über euren Beitrag. Helft uns dabei unsere Welt ein bisschen besser zu machen, indem ihr uns unterstützt oder ein eigenes Projekt startet. Ihr könnt uns helfen indem ihr unsere Reichweite erhöht, durch liken und sharen unserer Facebookseite oder durch eine kleine Geld-Spende. Alle Informationen zu unseren Aktivitäten und zur Mitgliedschaft im Verein Balkan Route Stuttgart e.V. findet ihr auf unser Facebookseite.

Kontakt per E-Mail: BalkanRouteStuttgart@gmail.com

Spenden-Konto:
Balkan Route Stuttgart e.V
IBAN: DE 44 60090100 0460833 006
BIC: VOBADESS


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er arbeitet in der Strategie bei Mercedes-Benz Vans als Projektmanager.

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