Einsatz Mille Miglia: Von Zündfunken und dem Virus

„Mit BOSCH gerüstet – gut die Fahrt“ – mit diesem historischen Werbespruch als Motto bepackte ich am Dienstagabend voller Vorfreude das Mercedes-Benz Service Fahrzeug. Starterkurbel, Zündkerzen, Ölbindemittel, jegliches Werkzeug bis zur Bosch Prüftechnik verstaute ich im Fahrzeug.

Ich war gewappnet – die rollende Werkstatt soweit gepackt,  und es gab nicht mal mehr ein Blatt Papier, welches  noch zwischen Equipment und Kofferraumdeckel gepasst hätte.

Allerdings war mein Talent als Verpackungskünstler gefragt, denn ich war gezwungen, mehrmals umzupacken, um auch tatsächlich alles im Fahrzeug unterzubekommen. Es gab in der Tat nichts, auf was ich verzichten konnte.

Den leisen Gedanken, dass ich mitten in Italien auch nur ansatzweise auspacken müsste, um an ein gewisses Werkzeug oder Ersatzteil zu gelangen, verdrängte ich schnell mit meinem Optimismus und der aufsteigenden Vorfreude.

Bei den Alten springt der Funke über

Eingeteilt war ich von der Robert Bosch GmbH aus dem Klassik-Bereich zur Betreuung der Vorkriegsfahrzeuge. Als Spezialist für Fahrzeugelektrik passte das hervorragend, zumal ich erst aktuell die beiden Bosch-Projekte „Vorkrieg-Starter“ (Reproduktion von Anlassern für Vorkriegs-Mercedes-Benz) und „Lichtmaschine 300 SL“ als verantwortlicher Projektleiter auf den Weg brachte.

Gelernt habe ich den ehrenwerten Handwerks-Beruf des KFZ-Elektrikers, mich im Anschluss daran weitergebildet in Form eines Abendstudiums mit Fachrichtung KFZ-Technik/-Diagnostik. Meine Leidenschaft gehörte immer den Automobilen, speziell den Oldtimern. Ich selbst erfüllte mir in den letzten Jahren nach und nach meine Jugendträume in Form eines Porsche Diesels Super 3 Zylinder -Traktor, einer Mercedes S-Klasse W108 und eines NSU TT mit Spiess Motor gerüstet.

Einsatz bei der Mille

Bereits letztes Jahr begleitete ich als Repräsentant des Bosch Klassik Bereichs die Mille Miglia, um für das Vorkriegs-Starter Projekt die Fahrzeugerprobung durchzuführen, mit dem Ziel, die anschließende Fahrzeugherstellerfreigabe nach diesem doch recht harten Dauertest zu bekommen.

Dabei ergab sich auch die eine oder andere Situation, bei der ich das Team von Mercedes-Benz im Thema KFZ-Elektrik unterstützen konnte. Es lag also nah, dass die Verantwortlichen bei Mercedes-Benz Classic sich für die diesjährige Mille Miglia den technischen Support von Bosch dazu holten. Mein Beifahrer Johannes Forbrich, ein ausgesprochener Vorkriegsspezialist und ich ergänzten uns perfekt zur Betreuung der Vorkriegsfahrzeuge, gepaart mit der Querschnittsaufgabe, den Support im Bereich KFZ-Elektrik für den restlichen Mercedes-Benz Fuhrpark im Feld zu leisten.

Bei strahlend blauem Himmel erreichte ich am Mittwochnachmittag Brescia. Bereits auf der Messe nahm ich schmunzelnd zur Kenntnis, dass es wohl eine kleine Reglement-Änderung bei der Abholung der Unterlagen für die Service Teams gab, somit zog sich das Bekleben der Fahrzeuge deutlich länger in den Abend hin als geplant…italienisch eben.

Kompressor & Wolkenbruch

Beim Start am Donnerstag regnete es dann in Strömen. Wettertechnisch hervorragend für den Motor, jedoch absolut schlecht für die Fahrzeug-Elektrik. Somit waren war ich als Elektrik-Spezialist relativ schnell in erhöhter Alarmbereitschaft und spürte auch eine gewisse Anspannung. Diese löste sich erst als wir ohne größere Blessuren in Rimini eintrafen. Bis auf fehlenden Sprit und Starterproblemen eines Einzelnen gab es keine schwerwiegenden Pannen zu verzeichnen. Der erste große Stein kullerte mir vom Herzen, und so konnte ich gemeinsam mit Teilnehmer und Service Teams das Abendessen bei guten Benzingesprächen am „Kompressor Tisch“ genießen.

Soweit so gut, ich lag kaum im Bett, meldete sich gegen 0.30 Uhr mein Telefon. Kein gutes Zeichen… ich rückte also aus und löste meinen sogenannten „ersten Fall“ – Lima-Problem 300 SL. Bis nach 2.00 Uhr wurde dann Seite an Seite mit den Service-Teams geschraubt und repariert. Die Stimmung unter den Teams war absolut bestens, jeder bestrebt sich gegenseitig zu helfen – ok jeder auch darum bemüht, doch noch ein paar Stündchen Schlaf abzubekommen.

Auch der Start in Rimini wurde mehr zur Wasserschlacht, verlief aber dennoch reibungslos.

Die Strecke bis nach Rom stellte mich immer wieder vor zum Glück nicht unlösbaren Aufgaben.

Wir konnten mehrmals im Vorkriegsbereich Support leisten, nahmen den etwas zickigen roten Mercedes SS dann unter Manndeckung und konnten somit ohne weitere technische Probleme den in der Tat mehr als chaotischen Zieleinlauf in Rom erreichen.

Völkerverständigung zwischen Schwaben und Bayern

Samstag wurden wir dann mit strahlend blauem Himmel und Sonnenschein begrüßt.

Das Warmlaufen der Kompressor Motoren  kurz nach Sonnenaufgang erzeugte bei mir eine gewisse Gänsehaut. Ich ertappte mich mehr als einmal, wie ich andächtig den Kompressor Geräuschen mit wohl selig grinsendem Gesichtsausdruck lauschte.

Auf dem Weg nach Rom konnte ich dann noch etwas zur „Völker“- nein Markenverständigung beitragen. Bei Sonnenschein und kurzer Cappuccino-Pause traf ich dann mit meinen Service-Kollegen von Mercedes die Service Crew von BMW Classic. Im Einklang wurde gefachsimpelt und sich freundschaftlich ausgetauscht.

Fazit: „BOSCH verbindet“. Auch diese Etappe endete ohne größere Einsätze des Elektrik-Teams.

Sonntag machten wir uns dann zur letzten Etappe von Parma über Monza nach Brescia auf. In Monza schafften wir es sogar mit dem Service Fahrzeug ins Infield zu gelangen, was uns dann aber die Funktion des sogenannten Besenwagens bescherte. Auch hier versagte die Fahrzeug-Elektrik trotz der Hitze nicht. Es blieb bei fehlendem Sprit… siehe oben… alles dabei, auch Benzin-Reservekanister – getreu dem klassischen Werbeslogan „mit Bosch gerüstet – gut die Fahrt“.

Der Mille-Miglia Virus

Nur wer diese Emotionen selbst erlebt hat, kann die Faszination dieser Mille Miglia nachempfinden.

Die Euphorie und die Begeisterung der Menschen für Automobile ist kaum in Worten zu beschreiben. Sie reißt einen förmlich mit, und ich musste mich mehr als einmal zurückhalten um nicht auch im Rennmodus das Service Fahrzeug durch Kreisverkehre zu jagen, durch enge Gassen zu tanzen – das Bad in der Menge der Begeisterten am Wegesrand zu genießen.

Eins ist sicher – ich werde wieder kommen! Sei es als Service Support oder als Zuschauer.

Das Virus hat auch mich befallen… und nicht nur mich, sondern auch meinen Ghostwriter in Form meiner Vetriebskollegin, der ich live rund um die Uhr Bericht erstatten musste, damit auch das kleinste Detail nicht im Rausche des Ganzen verloren ging.

Was für die einen Menschen die Erleuchtung auf dem Jakobsweg beim Pilgern zu Fuß ist, ist für die Menschen mit Benzin im Blut definitiv die Mille Miglia! Und ich habe mich nicht fürs Pilgern entschieden.


Anmerkung der Redaktion:

Eine weitere Geschichte über den rotenMercedes SS von 1930 gibt es von Thomas Geiger. Auch im FünfKommaSechs-Blog von Johannes Schlörb gibt es spannende Eindrücke von der Mille Miglia.

Außerdem gibt es vier spannende 360 Grad Videos auf dem YouTube-Kanal des Mercedes-Benz Museums.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er arbeitet als Spezialist im Bereich für Fahrzeugelektrik bei Bosch Classic und betreute als Teil des MB-Teams auf der Mille Miglia die Fahrzeuge von Mercedes-Benz.

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