Schlusspfiff

Von Montag bis Freitag arbeite ich als Teamleiter in der Entwicklung bei Daimler, am Wochenende bin ich Bundesliga-Schiedsrichter. Vergangenen Samstag pfiff ich mein letztes Bundesliga-Spiel. Über den Spagat zwischen Beruf, Hobby und Familie.

Foul!

Wir schreiben den 12. September 2015, 17.14 Uhr. In der Münchener Allianz Arena läuft die 90. Minute im Bundesliga-Spiel des FC Bayern gegen den FC Augsburg. Der Flügelstürmer der Bayern, Douglas Costa, legt sich im Strafraum den Ball zu weit vor und läuft auf seinen Gegenspieler Feulner auf. Obwohl selbst die Bayern-Spieler nur zaghaft Elfmeter fordern, ertönt der Pfiff. Ich entscheide auf Strafstoß. Eine Fehlentscheidung, die die Augsburger um ein bis dato hart erkämpftes Unentschieden bringt. Nach der Partie gestehe ich meinen Fehler ein, entschuldige mich bei den Augsburgern. Dennoch titelt Bild Online noch am selben Tag:

„Witz-Elfer! Schiri hilft Bayern“

Nur eine von zahlreichen Schlagzeilen, die in dieselbe Kerbe schlagen.

Es sind Szenen wie diese, die Außenstehendem die Frage aufzwängen, warum man es sich eigentlich antut, Schiedsrichter zu sein. Da hilft nur eine dicke Haut. Wenn man als Schiedsrichter medial auffällt, dann natürlich vorwiegend negativ. Positives wird eher selten berichtet. Es wird erwartet, dass alle alles richtig machen. Das ist völlig normal. Es gehört dazu, dass einem Leute auch mal sagen: „Das war aber Mist, was Du da gepfiffen hast.“ Und dass man über Entscheidungen diskutiert. Das ist ja gerade die Würze des Ganzen.

Die Anfänge

Eine Berufung war die „Schiedsrichterei“ nicht. Ich bin Schritt für Schritt dort hineingewachsen. Als ich 1986 damit begann, war sie neben Reiten, Theater- und Akkordeonspielen noch eine Freizeitbeschäftigung von vielen. Aber im Bewertungssystem, dem Schiedsrichter schon ab den Amateurklassen unterliegen, erzielte ich ganz gute Ergebnisse.

Ich stieg langsam, aber sicher auf. 1998 leitete ich mein erstes Zweitligaspiel, seit 2001 pfeife ich in der Bundesliga. Wenn man im Profifußball als Schiedsrichter unterwegs ist, muss man sich aber dann irgendwann überlegen, vielleicht im Beruf etwas kürzer zu treten, um die nächste Stufe als Schiedsrichter noch erklimmen zu können. 2004 kam ich zu meiner Freude auf die Liste internationaler FIFA-Schiedsrichter, die zu Spielen der Europa League und der Champions League zugelassen sind. Dies bedeutet aber auch zwischen 60 und 70 Spiele pro Saison zu pfeifen….

Der Spagat

Gerade in dieser Zeit fiel mir der Spagat zwischen Hobby, Beruf und Familie nicht immer leicht. Wenn am Mittwochabend ein Champions League-Spiel stattfand, musste ich schon am Vortag anreisen. Ich reiste also am Dienstag um 11 Uhr ab und kam am Donnerstagnachmittag wieder an. Und am Wochenende war es für die Bundesliga nochmal das Gleiche. Eine echte Zeitfressermaschine.

Die Zeitfressermaschine

Es ist toll, eine Familie zu haben, die das akzeptiert und mitlebt. Dafür bin ich sehr dankbar. Klar ist aber auch: Ich erlebe alles ganz intensiv: die Arbeit, die Schiedsrichter-Tätigkeit und die Zeit mit der Familie. Trotzdem fordert die Zeitfressermaschine ihren Tribut: Während ich FIFA-Schiedsrichter war, arbeitete ich in meinem Beruf als Entwickler bei Daimler in Teilzeit. Ich war natürlich froh, einen großen und flexiblen Arbeitgeber zu haben, der mir das ermöglicht hat. Aber gerade als Schiedsrichter bin ich eine „unplanbare Größe“ für ein Unternehmen, weil ich immer erst zehn Tage im Voraus erfahre, wo und wann genau das nächste Spiel stattfindet. Das verhindert ein Stück weit auch die berufliche Weiterentwicklung.

Bereut habe ich meinen Werdegang trotzdem nie. Bei Daimler in Sindelfingen bin ich inzwischen Teamleiter in einer Abteilung, die Dachöffnungssysteme entwickelt und testet: vom Schiebedach, über das Panorama-Glasdach bis hin zum Cabrio-Verdeck – und das über alle Baureihen hinweg. Auch Gummidichtungen, die die Dächer wasser- und winddicht machen, werden dort konzipiert und geprüft. Spaß ist meine Antriebsfeder. Wenn etwas Spaß macht, überlegt man gar nicht erst, ob es stressig ist oder nicht. Und ich habe glücklicherweise Spaß im Beruf, bei der Schiedsrichterei und zu Hause.

Kommunikation führen

Kommunikation ist für mich das wichtigste Element guter Führungsarbeit. Ich versuche viel mit meinem Team zu reden. Genauso mit den Spielern auf dem Platz. Dort vor allem in den Momenten, die nicht von der Kamera eingefangen werden. Da sind auch die Stars ganz normal. Da kann man Dinge erklären. Oder auch mal einen Witz machen.

Humor ist eine gute Methode, sich Respekt zu verschaffen. Es gab da mal einen Wortwechsel mit Oliver Kahn: Wenige Wochen nach Kahns Beinahe-Beißattacke gegen Heiko Herrlich pfiff ich ein Spiel des FC Bayern gegen Hannover 96. Beim Stand von 0:5 für die Bayern, verschuldete Kahn kurz vor Spielende einen Elfmeter. Ich sagte zu ihm: „Herr Kahn, ich zeige Ihnen jetzt die gelbe Karte. Bitte nicht beißen.“ Hat er dann auch nicht. Es ist mein Ziel, mit nicht weniger als 22 Mann das Feld zu verlassen. Da muss man manchmal auch beschwichtigen. Humor ist dabei ein gutes Mittel. In meinen bislang 243 Bundesliga-Partien musste ich erst 17 Mal „an die Gesäßtasche greifen“.

Schlusspfiff

Jetzt, mit 47 Jahren, ist Schluss. Die vom DFB festgelegte Altersgrenze bestimmt das Ende meiner erfolgreichen Schiedsrichter-Karriere. Traurig darüber bin ich aber nicht: Es ist gut, dass dieser Generationenwechsel unter den Schiedsrichtern stattfindet. Ich konnte mich lange darauf vorbereiten und freue mich, dass jetzt die jungen Kolleginnen und Kollegen ihre Chance bekommen. Für die Wochenenden danach habe ich schon viele Ideen. In jedem Fall möchte ich meine Erfahrungen als Schiedsrichter an junge Talente weitergeben.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist als Teamleiter in der Forschung und Entwicklung für Dachöffnungssysteme zuständig.

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