Blues in Prada Blue

Nie wieder, wirklich nie wieder lass ich mich zu etwas hinreißen, was man „emotionalen Autoverkauf“ nennen könnte. Emotionaler Autokauf – das kennen wir ja alle. Aber ein Auto zu verkaufen, was man eigentlich gar nicht verkaufen will und was man anschließend  jahrelang bereut – das geht gar nicht! Aus Fehlern lernen.

Mein zweiter Strich 8ter: Er hatte bereits 1973 eine Farbe bekommen, die eine Eintrittskarte in die große weite Welt des Stils war, die heute in allen Lifestyle- und Homemagazinen an den Wänden brilliert und die die Fashiondesigner lieben: er war pradablue. Ein sanfter, blauer Ton, gemischt mit eleganter Melancholie. Eine leichte, dekadente Müdigkeit, die man in Frankreich mit der „Enui“ des 19. Jahrhunderts vergleichen könnte, ein bisschen Oscar Wilde, ein bisschen Sehnsucht, satt, kein Glitzer-Blingbling und vor allem total einmalig.

Farbcode: 903

Der Mercedes-Designer, der diesen Farbton entwickelt hat, muss nicht nur verliebt gewesen sein, sondern auch unangepasst genug, der Welt einen farblichen Solitär zu schenken, denn so eine Farbe hatte ich noch nicht gesehen. Diese typischen Seventies Colours konnten mich schon immer begeistern – und weltweit erlebt Retro sowieso einen Riesenhype. Ja, und pradablue, weil genau zum gleichen Zeitpunkt die Italienische Designerin Miucca Prada eine Kollektion auf dem Markt brachte, die eine Hommage an diese Art von Blau war. Handtasche und Auto. Irgendwie passt alles zusammen.

Was mich aber noch mehr begeisterte, dass ich mal wieder nichts für dieses Auto tun musste, außer es zu lieben. Es ist wie mit Männern: das Beste kommt zu Dir, man muss nur lang genug ausharren. Mein blaues Auto war ein Hochzeitstaggeschenk! Denn obwohl der Strich 8ter ein klassisches Männerauto ist, hatte dieser hier durch diese Fashionfarbe etwas sehr feminines an sich, das muss wohl meinen Mann überzeugt haben.

Schicksalstag: Sonntag

Wir, also Auto und ich, waren jahrelang unzertrennlich und unser Schicksalstag war ein Sonntag: ich weiß es noch genau. In Düsseldorf gab es einen Flohmarkt direkt am Rheinufer, der war ganz klein und hatte immer tolle Stände. Man stand direkt am Wasser und hatte viel Spaß. So auch ich. Wir haben das Auto einfach als eine Art Lager, Kleiderstange, Umkleidekabine, Snackbar und Sofa für diesen Tag eingeplant. Da stand er. Hochglänzend poliert in der rheinischen Sonne und glitzerte die Flohmarktbesucher an.

Dann kam Herr F. aus L. vorbei. Er stand neben seiner Frau fassungslos vor dem Auto, machte einen Foto und ging. Es dauerte keine 10 Minuten, da stand er dann vor mir. Total aufgeregt.  Er sei Mercedes-Mitarbeiter, er wolle wissen woher, ich das Auto habe, ob er sich mal kurz rein setzen dürfe…ja ja, alles kein Problem. Ich hätte es mir ja schon denken könne, was jetzt kommt!

Foto: @ www.autojaeger.de

Ja – genau das, war sein allererstes Auto, vom ersten Gehalt gekauft. (Kam mir bekannt vor…). Genau in dieser Farbe, ob die Farbe nicht unglaublich wäre und überhaupt. Ja klaro, alles unglaublich….

Er ging wieder, um dann nach einiger Zeit an unserem Stand aufzutauchen und mit gefestigter Stimme sprach:

Ich muss das Auto haben, ich kann jetzt nicht gehen, ich kaufe ihnen das Auto ab!

Was wie? Abkaufen? Nein geht gar nicht…. Also, dieses ganze hin und her ging dann eine ganze Weile.

Oldtimer-Joker: Garage

Er wollte, ich wollte nicht, er wollte immer noch, ich wurde immer schwächer. Bis er mit Tränen in den Augen vor mir stand und mir schwor, dass es dem Auto bei ihm besser gehen würde als bei mir. Sein Oldtimer-Joker: Er hätte eine Garage, bei ihm müsste der Strich 8ter auch nicht draußen stehen (und auf dem Flohmarkt rumlungern). Er hätte auch Werkzeug und viel Zeit, es sei ja fast Rentner – und ich könnte ihm das doch nicht antun. Hab ich dann auch nicht. Handschlag, Auto verkauft.

Aus Pradablue wurde der PradaBlues.

Am nächsten Tag ging das Auto weg. Dann hatte ich die Tränen in den Augen. Das Beste aber war, dass ich nach ein paar Wochen Post bekam: Ein Umschlag mit drei Fotos: Strich 8ter von vorne, von der Seite und in der Garage, mit kleinen Erklär-Texten auf der Rückseite und einem ganz großen danke schön.

Nie wieder Flohmarkt!


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Aufgewachsen in Deutschland, groß geworden in Afrika und Indonesien. PR Volontariat in Hamburg, danach Studium der Kunstgeschichte in Düsseldorf abgeschlossen. Es folgte die Spezialeinheit bei Abels & Grey im Bereich Medienstrategie. Selbstständig seit 2003 als Texterin, nein, textschwester! Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge sowie Moderationen zu Kunst, Lifestyle. Mitglied in verschiedenen Jurys. Gründung des Studiengangs Modejournalismus an der Akademie Mode und Design, NRW. Neu: Content-Chefin vom neuen Axel Springer Piloten NRW Select 2015.

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