Technologie-Ekstase vs. Unzerstörbarkeit

Ein Tag, drei Länder, vier Flugzeuge, fünf Autos, zwei Züge und ein Fußmarsch – für mich keine Seltenheit. Es scheint, als wäre ich genau der Multioptions-Junkie, für den mich Kenner der Generation Y halten müssen. Das allerdings relativiere ich mal fix – es handelt sich dabei um eine Art Berufskrankheit.

Wenn es nach mir persönlich ginge, dann dürften außer dem Auto alle Verkehrsmittel aus dieser Gleichung gestrichen werden. Gestatten, Patrick Lang, Volontär bei auto motor und sport, 28 Jahre alt und der Meinung, dass der beste Freund des Menschen nicht vier Beine, sondern vier Räder hat.

Foto: Dino Eisele

Nun, das ergibt ja auch Sinn. Wäre ich nicht an Autos interessiert, hätte ich wohl den falschen Job. Also alles richtig gemacht. Ich freue mich jedes Mal wie ein Kind über rohen Plätzchenteig, wenn ich am Steuer eines neuen Autos sitze, als einer der Ersten damit fahren und im Anschluss noch meine Meinung zu Papier (oder Bildschirm) bringen darf. Nach außen gebe ich mich dabei natürlich professionell unbeeindruckt, versteht sich. Echt, das machen alle so.

Das Auto als Rückzugsraum

Um dem ersten Shitstorm gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen (Achtung Wortspiel!):
Ich bin kein passionierter Umweltsünder und schon gar nicht verantwortlich für die Feinstaub-Belastung in Stuttgart. Elektromobilität und Hybrid-Technologie finde ich mindestens genauso spannend wie Verbrennungsmotoren.

Außerdem nutze ich auf dem Weg in die Redaktion jeden Tag die Öffentlichen Verkehrsmittel. Das muss ich auch, denn sonst wüsste ich ja gar nicht, was ich am Auto eigentlich habe. Vor allem habe ich da nämlich meine Ruhe. Tür zu, Welt aus. Kein Infotainment, keine Freisprecheinrichtung, keine Vernetzung.

Foto: Guido ten Brink

Ich finde, dass das Autofahren an sich schon ein recht gelungener Zeitvertreib ist. Da brauche ich keine mediale Bespaßung um mich rum, keinen WLAN-Hotspot oder 7-Zoll-Touchscreen. Obwohl, stopp, so ganz richtig ist das nicht. Ich hab natürlich ein Autoradio mit USB-Anschluss nachgerüstet. Ohne Musik werde ich sonst offiziell wahnsinnig, und das will niemand. Schon gar nicht im Straßenverkehr.

Mehr Fahrspaß – weniger Schnickschnack

Auf dem vergangenen auto motor und sport Kongress in Stuttgart wurde viel Spannendes über die Mobilität der Zukunft gesagt. Über Digitalisierung und autonomes Fahren und wie sehr sich alle darauf freuen. Klar, als Millenial bin ich einer der ersten Digital Natives, aber meine Vorfreude hält sich in Grenzen.

Mich machen die kurvigen Landstraßen im Kraichgau glücklich. Oder frisch asphaltierte Fahrbahndecken und reichlich Drehmoment. Kürzlich hat mich ein Testwagen quasi ohne mein Zutun durch den obligatorischen Stau auf der A8 chauffiert. Beeindruckend ist das absolut, auch im Selbstversuch.

Foto: Hans-Dieter Seufert

Aber privat will ich das Steuer in der Hand behalten. Ich fahre gerne Auto, und da gehören der stockende Stadtverkehr, oder die ausgewachsene Blechlawine einfach mal dazu. Was sagt uns das? Die Generation Y lässt sich nicht über einen Kamm scheren.

Technikaffinität: Klar. Permanente Technologie-Ekstase: Nein.

Digitale Displays und analoge Uhren

Mein erstes Auto, ein Scirocco GT II, war mir sehr ähnlich: Baujahr 1987 und made in Germany. Nur ein Digital Native war der Schlitten merkwürdigerweise so gar nicht. Ich sage immer: Was du nicht verbaut hast, kann nicht kaputt gehen.

Mein Schwiegervater hat zum Beispiel noch einen alten 190er Benz von 1985 und der scheint mir ziemlich unzerstörbar zu sein. Was mich stutzig macht ist, dass in den Cockpits neuer Autos mittlerweile mehr Displays als analoge Elemente platziert sind. Und das, obwohl Edel-Hersteller das Verbauen analoger Uhren in ihren Straßenkreuzern heutzutage beinahe feiern wie die Ankunft des automobilen Messias.

Zukunftsforscher Alexander Mankowsky hat kürzlich prognostiziert, dass es einen Wertewandel hin zu haptisch und optisch hochwertigen Geräten und Applikationen geben könnte, die moderne Technik nur unter der Oberfläche tragen. Ich hoffe, er hat Recht. Nicht, dass noch die Windschutzscheiben und Seitenfenster dieser Welt durch Displays ersetzt werden. Überlegungen in diese Richtung gibt es ja bereits.

Kommunikation ja – aber mit Einschränkungen

Außerhalb meines fahrbaren Untersatzes bin ich übrigens durchaus ein Fan von Displays. Das iPhone hat mein Leben nachhaltig verändert. Geografisch unabhängige Vernetzung mit Freunden, Familie und Job ist auf digitaler Ebene längst keine Vision mehr, über die Jules Verne ein Buch geschrieben hätte. In bester Early-Adopter-Manier verwehre ich mich also keinesfalls den Trends der modernen Informationsgesellschaft. Neue Apps, Plattformen oder Möglichkeiten der Kommunikation? Immer her damit.

Aber nochmal: Im Auto kommunizieren meine Füße mit der Pedalerie. Das muss reichen. Dass Assistenzsysteme und auch der Schritt zum autonomen Fahrzeug die Straßen sicherer machen, davon bin ich überzeugt. Deshalb will ich hier auch keine technologische Inquisition ausrufen. Jedem das Seine; und mir den Fahrspaß.

Am Ende halte ich es mit den Autos wie mit den Hunden. Ich kann quasi jedem etwas abgewinnen; suche und finde Ästhetik und Gefallen in Details. Es sei denn, sie verbeißen sich in mein Bein und behindern meine Bewegungsfreiheit.


Anmerkung der Redaktion: Am zweiten Tag der Veranstaltung fand eine Rallye auf der Schwäbischen Alb statt. Dabei waren alle Teilnehmer in Elektro-Fahrzeugen unterwegs.
Auf der Strecke waren Wertungsprüfungen zu meistern, um am Ende als Sieger gekürt zu werden. Im Rahmen des i-Mobility Kongress zeigte Mercedes-Benz am eigenen Messestand unter anderem eine Virtual Reality Demonstration zum Thema „Autonomes Fahren“.


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Er ist 28 Jahre alt, geboren und aufgewachsen im badischen Bretten. Duale Ausbildung zum Kameramann und Cutter bei einem kleinen TV-Sender. Anschließend Informationsdesign-Studium mit den Schwerpunkten Texten und Fotografie an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Danach selbstständig mit einer Produktionsfirma, sowie als freier Fotograf und Redakteur. Seit 2015 Volontär bei der Motor Presse Stuttgart.

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