#EVERYROADTORIO

Neulich, am Wochenende, habe ich zwei Dinge gemacht. Davon kann ich Eines schon ziemlich gut und das Andere ist…. sagen wir mal…. noch ausbaufähig. Ich habe bei der bayerischen Monoskimeisterschaft teilgenommen und Rollstuhlbasketball gespielt.

Bei der Skimeisterschaft ging es darum, teilzunehmen, andere Sportler kennenzulernen – sozusagen „Networking“ zu betreiben – und mal zu sehen, wie viel Platz noch nach oben ist.

You can do more

Erst einmal zu den Umständen an diesem Wochenende: Es ist Prüfungszeit in der Uni, ich bin neuer Kapitän in meiner Basketball 1. Bundesligamannschaft und mein Vereinstrainer, gebürtig aus England, fördert und fordert mich zugleich.

Ich höre ständig Sätze wie: „You can do more. That is good but you can do better. I want you to play super human.“ Das macht Druck und beflügelt zugleich. Sofern ich gut spiele, ist „alles in Butter“. Wenn ich aber für meine Verhältnisse schlecht spiele oder meine Mannschaft nicht hochkonzentriert anführe, höre ich Sätze wie: „I saw you playing world class, but now you are shit. Don’t waste my time. You stubborn …hole – get outta my way“!

Mein Trainer und ich haben ein gutes Verhältnis zueinander, aber er ist knallhart und ehrlich zu mir. Diese Sachen sagt er mir in den vier Augengesprächen, sodass ich mein Gesicht vor meinen Teamkollegen – oder meine „Teilzeitsoldaten“, wie er sie bezeichnet  – weiterhin wahren kann.

Auf Achse: X,Y und sowieso

Ich verlasse morgens das Haus mit der Sporttasche auf der Schulter hängend und dem Uniordner mit Laptop unter dem Arm geklemmt. Alles ist auf Rio2016 abgestimmt.

Der Bildschirmhintergrund auf meinem Handy und meinem Laptop ist mit dem Rio2016 Paralympics Logo versehen, an meinem Rollstuhl hängt das Band meiner Akkreditierung der letzten Europameisterschaft in England worauf #EVERYROADTORIO steht, in meinem Mercedes-Benz GLA klebt das berühmte Panoramabild von Rio de Janeiro auf dem Armaturenbrett und Zuhause in meinem Arbeitszimmer hängt ein selbstgemaltes Koordinatensystem mit meinen Zielen bezüglich den Monaten im Jahr 2016.

Auf der Y-Achse sind die Monate verzeichnet und auf der X-Achse meine Ziele. So habe ich vor, von Monat zu Monat meine Ziele abzuhaken und meine Parabel weiter zu zeichnen. Im September finden die Paralympics statt. Bis dahin möchte ich offiziell für den Rio-Kader nominiert werden, mein Studium beenden und die 1. Bundesligasaison anständig abschließen. Danach möchte ich einem Arbeitsverhältnis nachgehen, weiterhin Basketball spielen, aber auch ins Monoskifahren schnuppern.

Einzelsport probieren + Natur verbunden sein = Skifahren

Warum Skifahren? Als Hallensportler möchte ich draußen sein und meine Verbundenheit zur Natur genießen. Hier packt mich jedoch auch regelmäßig mein Ehrgeiz und ich mache einen Wettkampf daraus.

Alle drei Monate aktualisiere ich meine Zielbalken, die auch in meinem Arbeitszimmer auf einem Stück Papier an der Wand hängen, wo 1. kurzfristige 2. mittelfristige und 3. langfristige Ziele stehen. Das hilft mir, nicht den Fokus zu verlieren und zugleich nicht in ein Loch zu fallen, falls mal etwas vorbei ist oder nicht klappt.

Ich habe schon von so vielen Sportlern mitbekommen, dass sie sich auf das eine Event ewig vorbereiten und, wenn es vorbei ist, wissen sie nicht, was zu tun ist und werden depressiv.

Zielbalken geben mir Orientierung und Halt

Das soll mir nicht passieren. Gott bewahre, aber wenn ich mich verletze oder irgendetwas dazwischen kommt, will ich nicht ratlos da stehen. Meine Zielbalken geben mir Orientierung und Halt.

So habe ich mich lange damit befasst, was ich mache, wenn das Studium beendet ist und ich meine zweiten Paralympics gespielt habe. Seit langer Zeit stand in einem der Balken für die Zeit nach Rio2016 „Etwas Neues in dir selbst entdecken.“ Seit Kurzem ist es umformuliert in „Einzelsport probieren + Natur verbunden sein = Skifahren.“

Hierfür ist es aber gut zu wissen, wer die Entscheidungsträger sind und welche Anlaufstellen man beachten muss, um im Wintersport erfolgreich zu sein. Deswegen jetzt schon das Skiturnier.

Dabei gewesen oder der olympische Gedanke

Ich beende das Skiturnier als Letzter. Teenager mit Pickeln im Gesicht haben mich abgezogen. Dazu muss ich sagen, dass diese Teenager Jacken haben, worauf „Junior-Para-Alpin-Ski-Team-Deutschland“ stand und ich sehr vorsichtig fahre, da ich mich nicht verletzen will. Aber das hier ist jetzt der auch der olympische Gedanke: Dabei sein ist Alles!

Einzelsport ist interessant und es hängt an einem selbst. Der Coach oder die Teamkollegen entscheiden nicht über deinen Output oder können dich in irgendetwas mit rein ziehen. Es liegt einzig und allein an dir.

Meinen Monoski habe ich nach dem Rennen ins Auto gepackt und fahre aus dem Austragungsort im Allgäu zurück in meine Heimat München. Am nächsten Tag soll ich wieder meine Basketballmannschaft USC München anführen.

Zuhause kommt wieder meine Basketballroutine zum Ausdruck. Sportlich essen, sportlich schlafen gehen, sportlich bewegen, Videoanalyse vom kommenden Gegner Hannover United machen und fit bleiben bis zum Spielanpfiff.

Vorbereitung auf die Basketball-Saison

Fit bleiben ist einfacher gesagt als getan. Die Bundesligasaison geht von Oktober bis April und danach beginnt die Saison mit der Nationalmannschaft. Man verbringt sehr viel Zeit auf Reisen. Ich sitze viel im Auto um zu Trainingslagern oder Turnieren zu kommen.

Vor der Bundesligasaison versuchen die Spieler mit Kraft und Ausdauer zu trainieren, am Anfang der Bundesligasaison will man seinen Wurf verbessern und die Teamchemie fördern und zum Ende hin will man auf dem höchst möglichen Level spielen und seine Vereinsmannschaft zu Titeln verhelfen. Zeitgleich trainieren wir in der Rückrunde der Bundesligasaison (ca. ab Januar) nicht mehr ganz so physisch auslastend und gehen nicht unbedingt in jeden Zweikampf, weil man sich nicht für den Lebenstraum Rio2016 verletzen will.

Der Spieltag

Spieltag. Ich bin der erste Spieler in der Halle und kann mit ansehen wie die Helfer das ganze „Entertainment-Zeug“ aufbauen. Nach und nach kommen meine Mitspieler und die Gegner in die Halle. Der Coach hält eine Ansprache vor dem Spiel in der Umkleidekabine und dann moderiert der Hallensprecher unsere Namen an und wir werden einzeln vorgestellt.

Die Halle ist dunkel, Spotlight ist an, Musik ist laut und die Nebelmaschine ist an. Die Zuschauer sind begeistert und der inszenierte Spannungsbogen ist für jeden zu spüren. Ich selbst sehe an mir herunter und versuche in mich zu gehen, sozusagen zu meditieren. Ich sehe das Band an meinem Strapping (das ist eine umgebaute Snowboardbindung, die als Gurt im Rollstuhl fungiert) hängen mit dem Aufdruck #EVERYROADTORIO.

Mir ist klar, dass die Performance in der Bundesliga das Spiegelbild meiner selbst ist, mit dem ich mich für den Rio-Kader empfehlen kann. Der Bundestrainer scoutet und wertet aus, er hat einen Überblick über seine Athleten und steht im Kontakt mit meinem Vereinstrainer.

Ich meditiere mich in „meinen Tunnel“: Beim Meditieren stelle ich mir Bilder im Kopf vor, aus der Vergangenheit, Momente, in denen ich gut war oder die mir Spaß gemacht haben. Allein beim Denken kann ich meinen Puls erhöhen und mich mental auf die Schlacht des Basketballspiels einstellen. Ich öffne meine Augen und es geht los. Das Spiel läuft anfangs gut für Hannover und ich sehe, wie einige meiner Münchner Mitspieler Panik bekommen.

Ms. USC-München und meine Gedanken sind schon in Rio

Ich übernehme einige wichtige Würfe und strenge mich besonders in der Verteidigung an, meine Teamkollegen folgen mir und wir können das Spiel drehen. Wir siegen mit 71:53. Nach dem Spiel werde ich von den Zuschauern sogar zum „Man of the Match“ gewählt und werde zum Foto mit der Ms. USC München gebeten. Topscorer mit 20 Punkten und 11 Rebounds.

Ich denke: Sowas in Rio abzuliefern wäre es. Das ist mein Traum. Bis dahin muss ich konstant bleiben, verletzungsfrei sein und darf die Uni nicht vernachlässigen. So steht es auf meinen Koordinatensystem und meinen Zielbalken.

Bis dahin nehme ich #EVERYROADTORIO !!!!


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Er ist Profi-Basketballspieler und macht jetzt seinen Master in Wirtschaftspsychologie. Außerdem ist er Markenbotschafter für Mercedes-Benz Fahrhilfen ab Werk

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