Agiles Arbeiten – mit oder ohne Krawatte

Von Löschzügen, eckigen Cake-Pops und dem „Daimler Mann“. Oder: Warum agil sein nicht heißt, bloß die Krawatte wegzulassen.

Letzte Woche haben uns fünf Schüler bei der Aktion „Mitmachen Ehrensache“ erzählt, wie sie sich Daimler als Person vorstellen würden: Als älteren Mann, seriös, ernst, in Anzug und Krawatte. Nett wäre er, der „Daimler Mann“, aber ein strenger Chef mit selbstbewusstem Auftreten.

Ich habe noch das Porträt im Kopf, das meine Kollegin gemeinsam mit den Schülern gezeichnet hat, als ich am frühen Donnerstagmorgen mit gewohnt quietschenden Reifen in der Alten Kelter in Fellbach einrausche. Dort wird die erste Open Space Veranstaltung zum Thema „agiles Arbeiten“ bei Daimler stattfinden.

Zu meinem Job gehört es, darüber zu berichten, wie Daimler als Arbeitgeber so tickt und wie wir z.B. in Zukunft unsere Arbeitswelt  gestalten wollen. Deshalb stehe ich also, bewaffnet mit Block, Kuli, Smartphone 1 (Emails, Kalender, mäßige Kamera) und Smartphone 2 (Kamera!), bereit, um über den Tag und die Ergebnisse zu schreiben.

Ungewohntes Umfeld für den „Daimler Mann“

Das Bild, das mich in der Halle erwartet, haut mich erstmal um: eine riesige, offene Fläche, Fachwerkkonstruktion unter der Decke, eine Bühne, zwei Leinwände, acht Arbeitsinseln, Papphocker. Und in der Mitte: ein altes Feuerwehrauto. Ich denke „kein Umfeld, in dem man den „Daimler Mann“ vermuten würde.“ Bevor ich dazu komme, mich zu fragen, was denn der Löschzug bei einer Veranstaltung für agiles Arbeiten tut, drückt mir ein Kollege aus dem Orga-Team Klemmbrett und Namensschild in die Hand und der erste Gong ertönt.

Die Veranstaltung selbst ist ein kurzweiliger Mix aus Moderation und Open Space Format, bei dem die einzelnen Workshops und Themen von den rund 200 Teilnehmern selbst organisiert werden. Agil eben.

Ursprünglich hatte ich geplant, über einzelne Fragestellungen und Diskussionen zu berichten, aber schnell werden wir mir zwei Dinge klar: Erstens, ich habe keine Ahnung, was Agilität im Arbeitskontext tatsächlich bedeutet und zweitens: hier geht es nicht nur um Arbeitsmethoden, hier geht es um Kultur.

Scrum – hat das nicht was mit Rugby zu tun?

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs, für all diejenigen, denen es geht, wie mir bis vor wenigen Tagen. In meinem Job hatte ich bis jetzt kaum Berührungspunkte mit dem Thema Agilität, das Wort „Scrum“ hatte erst kürzlich ein Freund beim Activity Spiel (fälschlicherweise) mit Rugby in Verbindung gebracht. Aber wenn in unserem Unternehmen ein Begriff mit einer gewissen Häufigkeit auftaucht, ist das in der Regel das Zeichen für: Das solltest du kennen, da bewegt sich was.

Der Begriff „Agility“ (Dt.: Beweglichkeit) kommt vor allem aus der Softwareentwicklung und bezeichnet eine Arbeitsweise, bei der anstelle der klassischen Abfolge (Spezifikation, Konstruktion, Umsetzung) die Spezifikation sukzessive während der Umsetzung erfolgt. Bedeutet: Eine agile Arbeitsweise hat den Vorteil, durch ein Minimum an Bürokratie und weniger starre Vorgaben zu Beginn eines Projektes flexibel auf Veränderungen reagieren zu können und somit die Anforderungen bestmöglich zu erfüllen („Der Kunde bekommt, was er braucht, nicht was er spezifiziert hat.“).

Scrum“ ist dabei eine mögliche Anwendungsmethodik, die bei Daimler Verwendung findet.

Die agile Selbstfindungsphase

Agilität scheint für uns – nachvollziehbar – zukünftig ein Erfolgsfaktor zu sein. Als ich mich in den verschieden Arbeitsgruppen umhöre, diskutieren viele dieselben Fragen: Wenn wir als Unternehmen agil arbeiten wollen, brauchen wir dann nicht ganz andere Rahmenbedingungen? Ein weltweit agierendes Unternehmen bietet natürlich viele Möglichkeiten – muss aber auch mit entsprechenden organisatorischen Herausforderungen umgehen. Wie können wir in unserer 280.000 Personen starken Prozesswelt agile Arbeitsformen einführen, die von einem Minimum an bürokratischem Aufwand und einem Maximum an Flexibilität leben?

Die Antwort liegt eigentlich auf der Hand: Mit dem richtigen Team und dem richtigen Mind-Set.

Wir haben Menschen in unserem Unternehmen, die es aushalten, auch mal Fehler zu machen – und davon brauchen wir mehr

erzählt mir ein Kollege, der für sein Team noch Unterstützung sucht. Und ein anderer ergänzt: „Ich sage meinen Leuten: Wenn ihr eine Idee habt, nervt mich damit! Offenheit, Feedback und der Wille, zu lernen sind entscheidend für den Erfolg eines Unternehmens“.

Ich muss an den „Daimler Mann“ denken, den unsere jungen Gäste beschrieben hatten und frage die beiden, wie das zusammen passt. Sie lachen. „Agil zu sein, heißt doch nicht, nur die Krawatte wegzulassen. Es ist das Gefühl, dass es im Zweifelsfall egal ist, ob man sie trägt oder nicht“.

Es tut sich was beim Daimler

Als ich mich umschaue und zwischen den ganzen Papphockern, Post-Its, der Tweet-Wall und den Flipcharts sehe, wie sich Kollegen aus allen Bereichen und Ebenen mit Begeisterung dem selben Thema widmen, fällt mir ein Begriff ein: Aufbruchsstimmung. Es tut sich was „beim Daimler“.

Und mit einem erstklassigen eckigen Cake-Pop (Think out of the box?) in der Hand mache ich mich langsam auf den Weg Richtung Ausgang. Dort sehe ich ironischerweise zum ersten Mal das Begrüßungsplakat: „Seien Sie bereit, überrascht zu werden.“ Mission accomplished.

P.S.: Übrigens habe ich erst am Ende des Tages – ob durch Unaufmerksamkeit oder generelle Reizüberflutung – festgestellt, dass das Motto der Veranstaltung „Wo brennt’s?“ war. Damit macht dann auch das Feuerwehrauto Sinn.


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