Von Saugrobotern und anderen „Gefahren“

Ein türkischstämmiger Schwabe auf einer Tagung im Schulungszentrum eines schwäbischen Unternehmens. Es referiert – unter anderem – eine Professorin von der Uni Stuttgart, Prof. Dr. Catrin Misselhorn. Wo? Genau. Natürlich in Berlin-Mitte. Soweit – wie immer.

Die Daimler und Benz Stiftung und das CERES (Center for Ethics, Rights, Economics and Social Sciences of Health) haben eingeladen. Es geht um Roboterethik. Darum, dass Roboter zunehmend unabhängig von menschlicher Steuerung (re)agieren und eigenständig komplexe Entscheidungen treffen.

Was können die immer eigenständigeren Roboter bereits heute? Welchen Einfluss haben Sie dabei auf den Menschen, welchen auf die Gesellschaft – Stichwort neue Jobs? Und was ist dabei die Rolle der Politik?

Wie können wir sicherstellen, dass Maschinen „moralisch“ handeln?

In Zeiten von selbststeuernden Maschinen im Bereich Militär (Drohnen), Medizin (OP-Roboter „Catrin“), Pflege, Finanz- und Verkehrswesen stellt sich dabei die Frage nach der „moralischen Fundierung und Rechtfertigung der von Maschinen getroffenen Entscheidungen“, so die Moderatorin und Vorsitzende des deutschen Ethikrates, Prof. Dr. Christiane Woopen.

  • Wo sind die Grenzen der Robotik?
  • Wer definiert sie?
  • Wie können wir sicherstellen, dass Maschinen moralisch handeln?
  • Und vor allem: wer haftet bei Schäden?

Die Teilnehmer der Tagung sind – gerne genutzt, aber diesmal tatsächlich zutreffend – hochkarätig. Ich kriege das Gefühl, einer der Wenigen im Saal ohne Titel zu sein. Nicht die beste Umgebung für das eigene Ego…

Denkbar ist, dass autonome Systeme zu einer Steigerung des Wohlstands und der sozialen Gerechtigkeit beitragen, zugleich aber auch, dass sie Arbeitsplätze vernichten und sich die Schere zwischen Arm und Reich noch vergrößert.

Der ebenfalls anwesende Prof. Dr. Jochen Steil (Direktor des Instituts für Kognition und Robotik der Universität Bielefeld) erinnert an die Bücher des Science-Fiction-Schriftstellers Isaac Asimovs und dessen Robotergesetze:

  1. Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen.
  2. Ein Roboter muss den Befehlen eines Menschen gehorchen, es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum ersten Gesetz.
  3. Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange dieser Schutz nicht dem ersten oder zweiten Gesetz widerspricht.

Der Robotik-Experte ist der Meinung, dass es ein Kardinalfehler der Menschen sei, an die Roboter menschliche Attribute und Wünsche zu adressieren. Das könne nur zu Enttäuschungen führen.

Sind Sexroboter eine Gefahr für die Moral?

Ein anderer Prof. Dr. – Oliver Bendel – knüpft nahtlos an. Er berichtet von der Kampagne gegen Sexroboter. Von der möglichen Gefahr der Diskriminierung und Beeinträchtigung für Frauen und Kinder. Doch der sympathische Wirtschaftsinformatiker ist da weniger kritisch und in diesem Bereich gegenüber der Robotik aufgeschlossen.

Bendel gibt zu bedenken, dass es bereits eine ganze Palette von Robotik-Produkten für den „Hausgebrauch“ gibt – beispielsweise Pflegeroboter für behinderte Menschen oder aber auch Saugroboter wie das Modell Ladybird. Er sieht in dieser Beziehung keine unmittelbaren Gefahren; außer für die nicht sichtbaren Kleintiere.

Nicht OB, sondern WIE wir die Technik nutzen, ist entscheidend,

so Prof. Dr. Christiane Woopen, Vorsitzende des deutschen Ethikrates.

Des Weiteren schlägt Oliver Bendel vor, die Anwendungsbereiche für autonom-fahrende Fahrzeuge anfangs zu definieren, respektive einzugrenzen, um die Akzeptanz zu erhöhen und möglichen, moralischen Dilemmata aus dem Weg zu gehen. Vorstellbar sei „eine zeitliche (nur nachts) oder örtliche (nur in Tempo-30 Zonen) Begrenzung.

Neue Jobs: Profitiert die Industrie wirklich von der Digitalisierung?

Es folgen zwei Arbeitssoziologen. Soziologie kann trocken und theoretisch sein – muss aber nicht, wie es Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen und Prof. Dr. Johannes Weyer beweisen. Ihre Themen sind es übrigens auch nicht. Es geht um die Chancen und Risiken von Industrie 4.0.

Beide Soziologen sind „klar und eindeutig“ in ihrem Urteil. Kurz zusammengefasst: die Digitalisierung beinhaltet sowohl Risiken als auch Chancen. „Es ist sowohl als auch möglich“. Es wird mehr ‚lousy and lovely Jobs‘ geben. Was überwiegen wird, wird man sehen. Aha!

Rolle der Politik: Fördern und regulieren

Ein Highlight des Tages ist die Rede von – Sie ahnen es: Prof. Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages. Nicht aufgrund des Inhalts, sondern eher der Art. Eine interessante Abwechslung zu den Referenten aus dem Wissenschaftsbetrieb. Auch und vor allem aufgrund seiner eher skeptischen Haltung gegenüber der Wirtschaft kann man „etwas mitnehmen“.

Auf der Tagung wird die Robotifizierung unserer Gesellschaft aus dem Blickwinkel verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen beleuchtet.

Generell ist Herr Lammert vorsichtig bei „Nutzenmaximierern“ aus der Wirtschaft. Er wählt das Beispiel Finanzwelt und merkt an, dass „automatisierte Finanzsysteme“ in erster Linie „auch nicht der Mehrheit der Bürger“ diene. Jedoch weiß auch der Parlamentspräsident, dass der „technische Fortschritt im Bereich autonom agierender Systeme sich noch sicher weiter fortsetzen und sogar noch beschleunigen wird“.

Ethik-Setting

Fazit: Fachtagungen sind dazu da, Denkanregungen zu geben – Konkretes sollte man jedoch eher nicht erwarten. Die Vorsitzende des deutschen Ethikrates, Christiane Woopen, befürwortet, dass „wir die Ängste vor einer bestimmten Art von Technik analysieren und uns ihnen stellen“.

Catrin Misselhorn wiederum – Direktorin des Instituts für Philosophie der Universität Stuttgart- empfiehlt, ein „Ethik-Setting“ zu entwickeln, „indem man mit den Methoden der experimentellen Philosophie ermittelt, welche Werte den Menschen am meisten am Herzen liegen, um so zu einem Konsens zu gelangen“.

Gefühlte Mehrheiten nicht immer tatsächliche Mehrheiten

Parlamentspräsident Norbert Lammert bleibt im Automobilduktus und fordert, dass die „Politik auf Sicht fahren sollte“. Schließlich seien populäre Entscheidungen keine Garantie dafür, dass sie auch richtig sind. Und außerdem sei eine gefühlte Mehrheit eben keine tatsächliche – siehe Plebiszit zu Stuttgart 21. Man könne ja „nach empirischer Bewertung Entscheidungen wieder rückgängig“ machen. Sein Paradebeispiel hier ist die Kernenergie. In den „Achtzigern gab es eine breite Zustimmung, nach Fukushima drehte sich der Wind“.

Seinen Arbeitsplatz als Politiker sieht er durch Robotik kurz- bis mittelfristig zwar nicht in Gefahr, jedoch müsse man sicherstellen, dass „politische Entscheidungsprozesse nicht an Expertensysteme und Roboter“ delegiert werden. Gegen Ende der Veranstaltung passiert dann doch wider Erwarten etwas Überraschendes – es wird etwas „eher“ Pragmatisches gefordert:

Man spricht sich einvernehmlich für eine Professionalisierung des Fachgebietes aus mit -überraschend für diese Runde – eigenen Lehr- und Forschungseinrichtungen. Es wird zudem eine “Zertifizierung von Robotern“ gefordert. Apropos Automatisierung: Was das für Auswirkungen für Formel 1-Fans in letzter Konsequenz bedeutet, sieht man an dieser Ankündigung: Formula E kündigt fahrerlose Rennserie für 2016 namens Roborace an.

Roboter: sie sind stark, klug und selbstständig. Und was wird aus uns?


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