She‘s Mercedes

Also die Sache mit der Strich 8ter Liebe nahm ja ein gutes Ende, das auch ein Anfang war. Mit Hochzeit und allem drum und dran. Ich hätte meinen Strich 8ter zum Trauzeugen machen können! Dass die große Liebe per Choke kommt ist natürlich vollkommen unvergesslich für alle Beteiligten. Aber das Ding mit den alten Autos ging dann erst richtig los.

Mein weißer Strich 8ter gehörte zur Familie und vor allem in mein Herz – mit all seinen herrlichen Macken, die ich so liebte. Ihm konnte ich alles verzeihen, er mir auch das Heizöl, mit dem ich ihn tanken konnte, wenn das Studentenbudget knapp war. Wir waren ein Herz und eine Seele.

Rückwärts einparken: Läuft!

Niemand konnte ihn so einparken wie ich. Das Auto kann ja manchmal auch plötzlich über 50 m lang sein, wenn die Parklücke sich auf Chihuahua-Länge zusammenschrumpft. Aber die Servolenkung ist die beste der Welt und hat mich immer gerettet – vor allem vor den kritischen Blicken der Herren, die mein Parkmanöver intensiv beäugten. Mit meiner Einparkfreudigkeit würde ich sogar Stefan Raab schlagen oder sonst wen. Einparken kann ich. Aber nur rückwärts, und nur wenn‘s  rechts ist, und nur wenn… ach egal.

Er war weg; einfach verschenkt!

Eines Tages war er weg. Er ist weg, weg, und ich bin wieder allein, allein. Mein Vater hatte den Mercedes entsorgt, einfach verschenkt an einen jungen Mann, der angeblich Mechaniker war. Da er, mein Vater, selbst beim Daimler arbeitete, wollte er mir damit mitteilen, er hätte für mich eigentlich schon ein neues Modell bestellt, das auch immer anspringen würde und neu ist und schön und elektronische Fensterheber hat, statt diese Kurbeln, der schnittig aussieht und schick ist… Ich bin mir sicher: jeder andere Mensch auf der Welt hätte sich wahnsinnig gefreut. Ich habe nur geheult.

Schwerer PS-Liebeskummer

Mein Strich 8ter war weg – mit ihm meine coole silberne Discojacke: Und das Retro Becker Mexico Autoradio, das teurer war als das ganze Auto in der Anschaffung, einfach abgeschnitten, amputiert. So wie kleine Mädchen sich in der Kindergartenecke heimlich ihre Zöpfe abschneiden, wurde mein Autoradio einfach aus dem Oldtimer herausgetrennt und für mich als Trophäe aufbewahrt. Ich hatte nicht nur schweren PS-Liebeskummer, ich hatte auch kein Fahrzeug mehr. Es ist auch unter meiner Würde ein neues Auto zu fahren, mir wurde alternativ der Golf meiner Mutter angeboten. Die Wochen zogen ins Land und wenn ich einen Strich-8ter sah, sah ich mein Leben an mir vorbeifahren.

Daumen hoch anstatt Sozialneid

Was ich vermisst habe? Winkende Kinder an der Straße, jeder hat mich vorgelassen, wenn ich mal schnell im nicht funktionierenden Reißverschlussverfahren mich in eine Fahrspur einordnen musste, keiner hat mich je an der Ampel angehupt, wenn ich gemütlich losgefahren bin. Alle wollten dass es mir gut geht, wenn ich unterwegs war. Kein Sozialneid, sondern nur gehobene Daumen an der Ampel, zugewandtes Nicken aus dem Nachbarswagen, der auch auf grünes Licht zum Losfahren wartete.

Und jetzt: nichts. Gar nichts. Nur ein abgeschnittenes Autoradio. Und ein hässlicher Golf, der nach ausgelaufener Milch riecht. Der Neuwagen wurde auch gar nicht erst bestellt. Ich bin allen auf die Nerven gegangen. Und dann passierte es.

Männer kennen sich aus mit Autos

Wozu hat man einen Mann und der einen besten Freund? Die beiden beschlossen, nach Mönchengladbach zu fahren, zu den Kaesmachers. Die haben Hallen voller Mercedes aus allen Jahrzehnten. Die Männer kennen sich mit Autos aus, aber auch mit mir.

Die zwei haben dann den schönsten Wagen ausgesucht: ein Coupé. Eine Farbe wie ein Wahnsinn: ein kühles Braun, das durch einen Schneenebel geflogen ist und die schönsten Kristalle mitgenommen hat. Die Form ist eine 3-D-Kalligrafie, ein emotionaler Schwung, der aus einem Auto ein Statement macht. Alles an ihm ist fein, zurückhaltend, elegant, subtil. Er ist richtig groß und seine inneren Werte – was soll ich sagen: wenn man die Tür aufschließt und sich hineinsetzt, sitzt man im Wohnzimmer.

Ganz klar ein Frauenauto

Ich hatte ihn zurück, meinen Mercedes. Liebe auf den ersten Blick. Keiner hatte zu dem Zeitpunkt ein braunes Auto, niemand, aber Mercedes hat dieses unfassbare Coupé in die Welt gesetzt. Ganz klar ein Frauenauto, der rote Nagellack der großindustriellen Vorgängerin klebte noch am Schiebedachregel. Aber ganz ehrlich: bei dem Schiebebach geht jede Haarspray-Frisur flöten, es ist nämlich so groß wie eine Tischtennisplatte. Die Größe ist eine Großartigkeit namens 280 CE Coupé, Baujahr 72/73.

Und plötzlich waren alle wieder da: die Daumen, die Winker, die Nicker an der Ampel. Diesmal ging es sogar noch weiter: die Wartezeit an der Ampel war auch immer die Visitenkartenzeit. Heute besitze ich nicht nur einen wunderschönen Mercedes, sondern auch die größte Sammlung von Visitenkarten von Männern. Die über 70 sind.

She‘s Mercedes, oder?


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Aufgewachsen in Deutschland, groß geworden in Afrika und Indonesien. PR Volontariat in Hamburg, danach Studium der Kunstgeschichte in Düsseldorf abgeschlossen. Es folgte die Spezialeinheit bei Abels & Grey im Bereich Medienstrategie. Selbstständig seit 2003 als Texterin, nein, textschwester! Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge sowie Moderationen zu Kunst, Lifestyle. Mitglied in verschiedenen Jurys. Gründung des Studiengangs Modejournalismus an der Akademie Mode und Design, NRW. Neu: Content-Chefin vom neuen Axel Springer Piloten NRW Select 2015.

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