Ganz normal! – Oder?

Stuttgart-Möhringen, Gebäude 9, erster Stock. Zimmer 102: Motorsport, Marketing und Erlebniskommunikation. Möblierte 16m²: Rechner, Bildschirme und Poster mit PS starken Rennwagen. Ein klassisches Büro. Eigentlich. Fast fällt es nicht auf, fällt er nicht auf. Martin Wörmer, 25: Mitarbeiter im Sportmarketing, Motorsportfan und Rollstuhlfahrer.

„Guten Morgen.“ Martin blickt hoch, begrüßt mich, reicht mir die Hand. Ein komisches Gefühl? Nein, warum auch? Er steht zur Begrüßung nicht auf – na und? Er kann es auch nicht. Er sitzt im Rollstuhl. Kein Problem. Weder für mich, noch für seine Kollegen.

Das Bearbeiten von Kunden- und Sponsorenanfragen klappt z.B. ohne Probleme. Eileen Deml, ebenfalls in der Erlebniskommunikation tätig stellt klar: „Die Zusammenarbeit verläuft wie mit allen anderen auch – sehr gut nämlich. Man hilft sich gegenseitig, und alles ist ohne Probleme machbar.“ Martin stimmt ihr zu, beendet das Thema und verweist auf die Mittagspause. Ob ich mitkommen möchte? Klingt gut!

„Lauft schon einmal vor, ich folge euch.“ Habe ich da etwas falsch gesagt? Eigentlich nicht, ich kenne den Weg ja nicht, und auch mein Begleiter meint, er mache sich da keine Gedanken. „Ich sage es auch so“, erklärt mir Martin. Aber warum dann dieses unangenehme Gefühl? – Unsicherheit? Scham? Schlecht gefrühstückt?

„Da komme ich nicht ran.“

Mittagspause, ein gewohnter Rhythmus: Anstehen, auswählen, bezahlen und essen – kein Thema. Martin geht es nicht anders. Einzig beim Besteck könnte ich ihm vielleicht helfen. „Da komme ich nicht ran.“ Kein Problem, nur komme ich leider nicht dazu. Ein Kollege von Martin ist schneller, kennt die Routine. Besteck reichen und mit dem Fahrstuhl fahren. „Für uns ist es normal geworden und total unproblematisch“, versichert er – für Martin übrigens auch.

„Keiner sollte darauf bestehen, mir zu helfen.“

Reserviert – für Menschen mit Behinderung

Wir sind mittlerweile zu siebt, reden, scherzen und essen. Zwei aneinander gereihte Tische, zwölf Stühle, und ein dezentes Schild: Reserviert für Menschen mit Behinderung. Da ist es wieder: Untere Magengegend, schwer einzuordnen, vergleichbar mit einem schlechten Gewissen – aber warum? Zugegeben, für mich ist der Platz nicht reserviert, aber niemand macht eine Bemerkung und auch die anderen scheint es nicht zu stören. Warum nicht? Ähnliche Antwort wie zuvor: „Es ist doch völlig normal und außerdem wollen wir ja zusammen essen.“ Ok, leuchtet ein.

Trotzdem sei es am Anfang schon anders gewesen, ergänzt Kevin Mehlig. „Es war nicht immer klar, wann unsere Hilfe angebracht ist. Es hat aber geholfen, auf Martin zuzugehen und ihn einfach zu fragen. Er ist dabei sehr unkompliziert und macht auf sich aufmerksam, wenn er Hilfe braucht.“

„Solche Bedenken sind vollkommen unbegründet“, ergänzt Martin. „Man kann mich ruhig darauf ansprechen und seine Hilfe anbieten. Darauf bestehen, helfen zu müssen, sollte man aber nicht – das wäre zu viel des Guten.“ Das passiert aber selten, denn er kommt ja auch gut zurecht.

Morgens geht’s mit dem Auto, einem Wagen mit Handgas, zur Arbeit, dort per Aufzug in die erste Etage und durch den Flur direkt ins Büro. Hindernisse? Keine, die ihm Probleme bereiten. „Bloß Kleinigkeiten“, gesteht Martin.

Aufgaben zum Bewerkstelligen

Er spricht vom DTM-Rennen von vor paar Wochen. Interviews betreut, Fachfragen beantwortet, Meisterschaft gefeiert – nur bei der Erlebniswelt konnte er nicht so richtig mithelfen. „Hier ging es hauptsächlich darum, Dinge zu tragen.“ Im Büro sieht es dann aber wieder anders aus. Dort bekommt er keine Aufgaben, die er nicht bewerkstelligen kann.

Und sonst? „Eigentlich ist alles in Ordnung. Nur bei den Türen könnte ich mir vorstellen, dass manche da ihre Schwierigkeiten haben – zumindest bei den nicht automatischen.“ Für ihn kein Hinderniss.

Ohne Bedenken rollt er übers Gelände, stoppt, bittet um ein wenig mehr Platz, fährt weiter, kommt zurecht. Keine Probleme und keine Bedenken – auch bei mir. Ein paar Tage später: Ein älterer Herr im Rollstuhl vor einer der besagten Türen. „Kann ich Ihnen helfen?“ Er bedankt sich, lehnt aber ab, schafft es, die Tür zu öffnen, und rollt hindurch. Weg ist er – genau wie meine Bedenken, heute am „Internationalen Tag für Menschen mit Behinderung“.


Anmerkung der Redaktion:

Am 3. Dezember wird jedes Jahr weltweit der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung begangen. Und deshalb gibt es hier seit heute eine neue Service-Funktion: jeder ab heute erscheinende Artikel steht nun auch als Sprachdatei zur Verfügung. Unterhalb der Überschrift befindet sich ein Audio-Player, über den sich nun auch Menschen mit Lese- oder Sehschwäche Beiträge anhören können.

Die Vorlesefunktion bietet aber auch allen anderen Lesern eine komfortable Zusatzfunktion: alle Geschichten können über die narando-App auch unterwegs und zeitversetzt angehört werden.


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Er ist momentan Praktikant in der internen Kommunikation, studiert Medienkommunikation und Journalismus in Bielefeld und kommt somit aus einer Stadt, die es im Grunde gar nicht gibt.

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