Silber ist Daimler und Daimler ist Silber

Ich bin Gestalter „mit Auge und Seele“. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich Lokomotivführer, Fußballer oder Musiker werden wollte. Dafür habe ich wahrscheinlich etliche Quadratmeter Papier und unzählige Stifte, Kreiden und Liter Farbe fürs Zeichnen und Malen verbraucht.

Ob in der Schule beim Theaterkulissenbau oder nach der Schule beim Malen im Atelier. Und dann kamen die Fahrzeuge dazu: Das erste Mal durfte ich im Schulpraktikum bei Iveco in Ulm etwas Designluft schnuppern.

Der nicht abstellbare Drang

Die Faszination an Kunst, Design und der nicht abstellbare Drang, Dinge an der einen oder anderen Stelle schöner und besser zu machen, Dinge zu schaffen die das Leben und die Zukunft aller verbessern, führten mich dann zum Designstudium nach Schwäbisch Gmünd. Es folgten Studienpraktika und werkstudentische Mitarbeit mit Schwerpunkt „Corporate Design“ in grafischen Ateliers und Büros für Gestaltung.

Zu den Fahrzeugen von Mercedes-Benz oder smart hatte ich schon immer einen Draht. Die Arbeit an den Erscheinungsbildern von DaimlerChrysler, Maybach, Mercedes-Benz Museum und Mercedes-Benz, prägten meine berufliche Laufbahn gleich zu Beginn. Wenn ich heute zurückblicke, was waren das für spannende und wechselhafte Zeiten für das Unternehmen, für das Design und überhaupt!

Der Kauf einer Kaffeemaschine als Herausforderung

Wenn der Beruf auch Berufung ist: Wahrscheinlich geht es dem Meister im Werk, z.B. im Rohbau, ähnlich, wenn er auf die Spaltmaße einer Karosserie geeicht ist und dann andere Fahrzeuge im Straßenverkehr betrachtet: Das Designer-Auge scannt permanent und bewertet im ästhetischen Maßstab.

Die Anschaffung eines einfachen Alltagsgegenstandes wie einer Kaffeemaschine kann da schon zur Herausforderung werden, denn die Summe aller Details ergibt das harmonische Ganze und entscheidet, ob ein Objekt die Zustimmung erhält oder ob vielleicht nicht noch weiter gesucht werden muss. Ja, meine Familie „liebt“ mich dafür.

Arbeit am neuen Daimler-Corporate Design

Beim Corporate Design von Daimler steht jetzt wieder eine Veränderung an, eine Weiterentwicklung, an der ich mitgearbeitet habe. Weiß und Blau werden zu Chrom und Silber. Um was geht es? Zum Erscheinungsbild von Daimler gehören alle Elemente des Unternehmensauftritts: Logo, Schrift, Layout, Geschäftspapiere, Website, Architektur, Messe, Bekleidung und noch viel mehr.

Mit dem Erscheinungsbild wird der Grundstein für das Image gelegt. Wie soll das Unternehmen wahrgenommen werden? Das grafische Erscheinungsbild eines Unternehmens hat eine immense Kraft und Wichtigkeit, denn Aussehen hat immer Vorrang, es ist das Erste, was Kunden wie Mitarbeiter von einer Marke wahrnehmen. Es geht darum, das Gute zu erhalten, das Unnötige wegzulassen. Jeder kann bei sich selbst beobachten, welche enorme Wirkung z. B. Farben auf ihn haben.

Die Welt dreht sich beständig und in diesem Fluss der Zeit unterliegen wir permanent der Veränderung. Corporate Design eignet sich hervorragend, um Veränderungen bei einem Unternehmen, das nicht statisch sein will, sichtbar zu machen. Dies muss nicht zwingend radikal im Sinne von Revolution geschehen, die Kunst liegt darin, das Gute zu erhalten oder aufzupolieren, das Unnötige wegzulassen und das Alte, in die Jahre gekommene zu modernisieren.

Was heißt das für Daimler?

Los ging es mit der Ausarbeitung der unterschiedlichen Richtungen anhand von Entwürfen. Mit Farb- und Materialbeispielen (Moods) machten wir uns im Team‎ an die Visualisierung der ersten Entwürfe des Daimler Unternehmenszeichens in Silberoptik. An konkreten Beispielen wie Medien in Print und Screen, Architektur und Event prüften wir die Umsetzung des Daimler-Logos in einer dreidimensionalen Form. Wir und allen voran unsere Chefs und Kollegen aus anderen Bereichen mussten einen Eindruck davon bekommen, wie es visuell wirkt.

Es entstand die Idee, die Hauptversammlung von Daimler wie ein Show Car zur Vorpositionierung des neuen Designs zu nutzen. Der neue „Silber-Look“ kam sehr gut an. Nun war die Grundrichtung bestätigt und die gesamte Mannschaft konnte sich der Ausarbeitung der Vielzahl von Details widmen, die ein Corporate Design zu dem machen, wofür es gebraucht wird: Für eine gesamtheitliche Gestaltungssystematik – stil- und imageprägend.

Weiter ging es mit dem Erstellen von Materialmustern und Inszenierung von unterschiedlichen Farbqualitäten. Alles sollte klar differenzierend und harmonisch in der Gesamterscheinung „rüberkommen“.

Chromsilber und gebürstetes Silber

„Daimler“ steht doch im Grunde für zwei Kerneigenschaften: Der großen, über hundertjährigen Tradition der Ingenieure und Werker in ihrem Ehrgeiz, mit dem nächsten Fahrzeug, der nächsten Innovation, etwas noch Besseres auf die Räder zu stellen. Und dem Zukunftsbestreben. Die Frage der Daimler-Entwickler und Forscher nach der zukünftigen Mobilität der Menschen.

Tradition und Zukunft. Handwerk und High Tech. Wie lässt sich das in ein Farbklima, eine Gestaltung fassen? Wir im Design dachten an Silberpfeile, aber auch berühmte Science-Fiction Filme. Haben Sie schon mal ein blaues Raumschiff gesehen? Ok, keine faire Frage ;)

Die Wahl für das neue Corporate -Design fiel auf Chrom für den Daimler-Schriftzug und Silber im gebürsteten Aluminium-Design für den neuen Hintergrund. Chrom bietet einen „harten Reflex“, eine gute Spiegelung. Sein hoher Glanz‎ steht für die lange Daimler-Tradition, die glanzvolle Geschichte im Motorsport. Das gebürstete Aluminium mit seinen weichen Reflexen, seinem ruhigen, feinen Glanz steht für High Tech und Zukunft.

Kleiner Exkurs zum Thema Farbe

Das hier soll jetzt nicht „esoterisch“ wirken, folgen Sie doch einfach mal den Gedanken:

  • Jede Farbe hat eine rationale und eine funktionale Eigenschaft, sie informiert und signalisiert.
  • Farbe ist Schwingung, Farbe ist Energie, Farbe ist Material.
  • Farbe kann beruhigen und aktivieren.
  • Farbe hat eine starke Wirkung auf den Betrachter. Sie zieht das Auge an und weckt unsere Aufmerksamkeit.
  • Sie und ich sind jeder Farbe beim Betrachten quasi „ausgeliefert“: Die sinnliche Farbwahrnehmung erzeugt eine ganz spezifische Stimmung in uns.
  • Assoziativ verbinden wir in der Vergangenheit gemachte Erfahrungen mit der vorherrschenden Farbwirkung (zumeist unbewusst).
  • Die Assoziation hilft dem Designer: So lassen sich Wirkungen gezielt setzen.
  • Farbe ist Emotion und gibt Identität. Farbe gehört zur Identität wie der Geruch zum Essen. Farbe bestimmt das Klima und gibt Wiedererkennung
  • Farbe beeinflusst uns in unserer Empfindung, Silber erscheint dabei farblich neutral, integrierend und von feinem Glanz.

Exkurs -Ende

Bilder sagen mehr als tausend Worte

Es gibt den Spruch: „Bilder sagen mehr als tausend Worte“. Also ist eine Fläche mit einer Farbe eigentlich bereits ein Bild, das Assoziationen erzeugt. Für die Entwicklung von visuellen Erscheinungsbildern ist die Farbe einer der wichtigsten Parameter, sie sorgt für Identität und Differenzierung. Gorden Wagener formulierte es einmal so: Das Design gibt uns eine emotionale Heimat.

Langer Beitrag, kurzer Satz 

Silber ist Daimler und Daimler ist Silber – gestern und morgen. 

Aus mir ist zwar ein Designer und kein Maler geworden aber ich möchte hier zum Schluss noch ein Zitat von Vincent van Gogh bringen, das für mich auch gut auf ein erfolgreiches Unternehmen und sein Design passt:


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