Wenn Helfer helfen

Die Mitarbeiter-Spendenaktion für das Deutsche Rote Kreuz ist ausgelaufen und es wurden sage und schreibe 601.332 Euro gesammelt. Die Hälfte davon hat die Belegschaft gespendet. Dieser Betrag wurde dann von Daimler verdoppelt. 601.332 Euro die mich stolz machen, in einem Betrieb wie Daimler arbeiten zu dürfen.

Doch Geld allein ist nicht alles. Das hört sich für viele Spender vielleicht etwas negativ an, das soll es aber auf keinen Fall sein. Ich möchte die andere Seite zeigen; die Seite, die vor Ort hilft. Die Helfer, die Tag für Tag dafür sorgen, dass in einer Zeit von aufkommendem Fremdenhass, die Menschenrechte und die Menschlichkeit nicht zu kurz kommen. Und genau diese Menschlichkeit ist einer der Grundsätze des DRK.

Vom Lackierroboter zum Ehrenamt

Während ich bei Daimler im Lkw-Werk Wörth Lackierroboter programmiere und meine Kollegen bei allen Problemen rund um die Lackieranlage unterstütze, sieht mein Leben beim Deutschen Roten Kreuz etwas anders aus. Dort bin ich ehrenamtlich in den Themen „Technik und Sicherheit“ und „Betreuungsdienst“ unterwegs. Ich bin im DRK Kreisverband Germersheim für die Notunterkunft in der Kaserne Speyer als Helfer eingesetzt.

Eine Kaserne ist im Gegensatz zu einer Turnhalle eine sehr gute Möglichkeit, um eine große Anzahl von Flüchtlingen aufzunehmen. Turnhallen haben da Nachteile: Stellen Sie sich vor Sie müssten in einer Halle mit 600 Personen übernachten; nachts schreiende Kinder, von 600 Menschen schnarchen 100, und zu guter Letzt die Bewegung im Saal; die einen können nicht schlafen, die anderen müssen aufs WC.

Vor-Ort-Hilfe in einer Flüchtlingskaserne

Auch wenn Hallen besser sind als gar kein Dach über dem Kopf, sind in solchen Einrichtungen Konflikte vorprogrammiert. In einer Kaserne haben die Menschen den „Luxus“ eines 3-6-Bett-Zimmers. Auch wenn in den Räumen außer Betten nichts ist, sind die Menschen froh, nach einer langen Flucht, wenigstens ein Minimum an Privatsphäre zu haben.

Flexibilität und Ausbildung – Bei Daimler wie beim DRK

Meine Einsätze sind sehr unterschiedlich und erfordern eine gewisse Flexibilität und Ausbildung. Hier ein paar kurze Beispiele:

  • Erkunden von Gebäuden: Registrieren und dokumentieren der Räume, Steckdosen, Betten, Fenster, sanitäre Anlagen, Licht, Raummaße und. Das ist wichtig, um die maximale Kapazität der zukünftigen Unterkunft zu ermitteln.
  • Inbetriebnahme von Gebäuden: Bei den schon vorhandenen Stockbetten fehlten teilweise die Roste. Wir fertigen Platten an, die jetzt als Roste dienen, sowie Beschilderung für WC, Bäder, oder Aufenthaltsraum.
  • Beseitigen von Gefahrenquellen, wie abgerissene Steckdosen, überstehende Schrauben an den Stockbetten.
  • Registrierung: Alle Neuankömmlinge werden medizinisch untersucht, registriert, und mit Hygieneartikel und Bettwäsche eingedeckt. Danach werden sie auf ihr Zimmer begleitet.

Beim letzten Einsatz holten wir gespendete Schränke, Stühle und Betten ab und lagerten diese für die demnächst neu entstehende Notunterkunft ein. An dieser Stelle sind die Bilder entstanden und man sieht sehr gut wie das Deutsche Rote Kreuz, Technisches Hilfswerk und die Malteser zusammenarbeiten.

Sprache „Hände und Füße“ versteht jeder

In der Unterkunft kümmere mich beispielsweise darum, dass die Neuankömmlinge in Zehnergruppen aufgeteilt werden. Dabei wird darauf geachtet, dass Familien nicht getrennt werden. Meine Englischkenntnisse sind leider die letzten Jahre etwas „eingerostet“, aber das geht nicht nur mir so. Das ist aber kein Problem. Die Sprache „Hände und Füße“ versteht jede Nation.

Ansonsten wird geholfen wo es geht. Täglich 300 Lunchpakete richten, was die Bewohner mittlerweile selbst tun. Essensausgabe, Kleidersäcke in die Kleiderkammer bringen – die Aufgaben sind vielfältig. Wir sind sehr gut ausgebildet – sowohl von Berufs wegen, als auch vom Ehrenamt – und können mit den meisten Aufgaben professionell umgehen. Dennoch gibt es immer wieder Aufgaben bei denen wir spontan improvisieren müssen und Kreativität und Organisationstalent gefragt ist.

Die Flexibilität wird nicht nur von uns Helfern gefordert, auch von meinem Arbeitgeber. Ich lege meine Einsätze normalerweise immer in meine Freizeit. Dennoch ist es schon vorgekommen, dass kurzfristig 150 Menschen in die Notunterkunft Speyer verlegt und deshalb dringend Helfer benötigt wurden. In solchen Not-Situationen werden wir Helfer auch von unserer „normalen“ Arbeit freigestellt.

Kurzfristige Freistellung von der Arbeit

Als ich meinen Meister fragte, ob er am nächsten Tag auf mich verzichten könne, aber noch kein Ersatzmann für mich gefunden wäre, sagte er, dass wir das mit der Gruppe organisieren werden. Ich konnte zum Einsatz.  Ich finde so eine Reaktion toll und auch hier bin ich wieder stolz, dass eine kurzfristige Freistellung für Flüchtlingshilfe bei uns im Werk Wörth so problemlos möglich ist. Hier haben wir sie wieder: die Flexibilität.

Lächeln hilft

Das Wichtigste in einer Notunterkunft kann allerdings jeder, sogar ganz ohne Ausbildung. Lächeln! Lächle ich, lächelt auch der Mensch gegenüber. Wenn eine junge Frau aus Syrien mit ihren vier Kindern bei uns ankommt, ihr Mann tot ist und du schenkst ihr ein Lächeln, lächelt sie zurück, fast automatisch. Und du merkst, wie ihr für einen kurzen Moment eine schwere Last abfällt. Beim Anlächeln hat man meist das Gefühl: „Ich kenne diesen Menschen.“

Wenn ein achtjähriges kleines Mädchen die Bauchtasche ihrer erkrankten Mutter nicht hergibt – ihre Mutter hatte ihr es so aufgetragen – und drei Helfer eine geschlagene halbe Stunde auf das Kind einreden müssen, um an die Begleitkarte der Mutter heran zu kommen, dann hilft ein Lächeln. Inzwischen kenne ich dieses kämpfende Mädchen. Sie lächelt immer, wenn sie mich sieht.

Wenn ein Mann aus Afrika mir traurig seine Geschichte erzählt, dass es in seiner „Heimat“ schon gefährlich ist, wenn man einem anderen Stamm angehört. Die wortwörtliche Übersetzung: „Du wirst gejagt und getötet. Es ist egal ob du Frau, Mann oder Kind bist!“. Auch er lächelt inzwischen, wenn wir uns über den Weg laufen.

Lutscher sind wichtig, Spielregeln aber auch

Noch ein wichtiges Thema sind … wie soll ich es sagen … Lutscher. Mit Lutschern kann man viel bewirken. Kinder belohnen, wenn sie wieder einmal Kleidersäcke aus dem Transporter holen und in die Kleiderkammer schleifen … oder wenn wieder einmal ein Kind mit offenem Knie auf der Straße liegt … Lutscher sind einfach toll. :)

Doch nicht alles läuft rund. Wenn ich der Ansicht bin, dass Müll nicht auf den Boden gehört oder ein Verhalten nicht angebracht ist, bekommt ein Bewohner der Unterkunft auch gerne mal ein Zettel in die Hand gedrückt. Auf diesen schreibe ich dann: „http://www.refugeeguide.de – Read this!“. Hier findet man alle Regeln, die man als Ankommender wissen sollte. Das Ganze in 10 Sprachen und zum Herunterladen. Die meisten Menschen hier besitzen ein Handy mit Internetzugang und können sich somit mit den deutschen Gepflogenheiten befassen, die in diesem Guide sehr gut und umgänglich beschrieben sind. Es liegt auch an uns, diesen Menschen beizubringen was sich in Deutschland gehört und was nicht. Die Willkommenskultur haben sie bereits kennengelernt, jetzt geht es darum, unsere Kultur unsere Werte zu verstehen und sich danach zu richten.

So können Sie helfen

Ich möchte hier nur ein paar kleine Beispiele für tatkräftige Hilfe vor Ort nennen. Der optimale Weg geht über Hilfsorganisationen. Melden Sie sich dort. Wenn Sie nicht dem DRK, den Maltesern, dem Technischen Hilfswerk oder einer anderen Hilfsorganisation beitreten wollen, können Sie genauso gut Kleider, Koffer und Taschen sammeln und in die nächste Unterkunft bringen. Sprechen Sie verschiedene Sprachen, dann melden sie sich; Dolmetscher werden immer gesucht.

Sie können sich aber auch als „Helfer für alles“ bei den Unterkünften melden. Allerdings sollten Sie es nicht übertreiben. Seien sie trotzdem noch für ihre Familie und Freunde da und sorgen Sie dafür, dass Sie sich nicht übernehmen, sonst ist keinem geholfen. Alle großen Städte haben mittlerweile Facebook-Seiten für die Flüchtlingshilfe. Suchen Sie zum Beispiel einfach nach „Flüchtlingshilfe Karlsruhe“ oder „Flüchtlingshilfe Stuttgart“. Sie werden sicher ihre Stadt finden. So können Sie auch Kontakt herstellen und nachfragen wo noch Hilfe benötigt wird.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist Lackieranlagen-Programmierer im Lkw-Werk Wörth und analysiert und unterstützt bei technischen Problemen mit Lackierrobotern.

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