Strich-Achter Liebe

1200 DM. Mein erstes Gehalt. Ich studierte Kunstgeschichte und habe meine erste PR-Aktion durchgeführt. 1200 DM. Ich wollte mir einen  Herzenswunsch erfüllen und mir einen Oldtimer kaufen. Allerdings war mir nicht klar, was der Unterschied zwischen einem Oldtimer und einem alten Auto war. Egal – ich fand mein Objekt der Begierde relativ schnell.

Er war weiß, hatte blaue Sitze und hatte diesen Geruch, den nur ein Strich 8ter hat. Ich liebe dieses Auto, denn ich habe meine Kindheit in ihm verbracht, außerdem ist der Look einfach perfekt. Ein megacooles Auto.

Der Typ, der mir das Auto dann zum Kauftermin brachte, hatte die mieseste Hautkrankheit, die man sich vorstellen kann, so ein echter schmieriger Kerl. Vertrauen sah anders aus. Auch egal. Wir haben uns auf dem Uniparkplatz getroffen, der gesamte Autokauf hat maximal 4 Minuten gedauert. Es war ein Sonntagmorgen im eiskalten Braunschweiger Nirwana.

Augen auf beim Autokauf

Er nuschelte noch irgendetwas von technischen Details, die mich aber sowieso nicht interessierten. Er bekam sein Geld cash auf die Hand, ich den Schlüssel und die Papiere und los ging es. Der Uniparkplatz war eher so eine Art Buckelpiste und nach genau 10 Meter muss ich wohl durch ein Loch gefahren sein, mit einem Riesen-Kawumms fiel dann die gesamte Autopuffanlage ab, ich fuhr unbeirrt weiter, so dass sich diese sich dann zu einem Metall-Knoten unter meinem Auto knäulte, und ich dann nicht mehr weiter kam. Es war irgendwie wie bei Mad Max. Ich dachte noch, das mit dem neuen Auto läuft doch eigentlich anders ab ….

Sechs Monate später. Und eine wirklich große Anzahl von Erfahrungen reicher.

Mein weißer schöner Strich 8ter bekam einen neuen Auspuff und wenn er erst mal angesprungen war, fuhr er wie eine eins. Das Auto habe ich nie abgeschlossen, erstens weil das Schloss leicht klemmte und weil ich mir sicher war, dass niemand überhaupt auch nur in der Lage war, so ein Schlachtschiff zu fahren. Denn er ist ja wirklich groß. Da ich kein Autoradio hatte, hatte ich einen Ghettoblaster zwischen die Vordersitze gestellt. Wir hatten das perfekte Partyauto. An der Uni kannte mich jeder, aber nur wegen ihm!

Startschwierigkeiten

Eines Tages trug es sich zu, dass ich zu einem wunderbaren jungen Mann zum Frühstück eingeladen wurde. Es war mitten im Winter, eiskalt und ich musste nach Hannover. Mein wunderschöner weißer Strich 8ter konnte ja vieles, aber leider anspringen im Winter gehörte nicht dazu.

Ich konnte so schnell wie eine japanische Nahkampfsportlerin mit dem Überbrückungskabel die Kiste anwerfen, anschieben ging aber auch super (dazu hatte ich immer ein Paar flache Schuhe im Auto, denn mit Stöckelschuhen funktionierte es nicht). Ich wusste auch, wie man andere Menschen schnell dazu bekommt, mich abzuschleppen.

Also jedenfalls bin ich dann zu meinem Frühstücks-Date gefahren und habe ihn direkt vor seinem Haus geparkt. Dann ergab sich folgendes: nach ca. 2-3 Stunden, so genau kann ich mich nicht erinnern, unterbrach ich mein Date und sagte, ich müsse jetzt dringend zu meinem Auto. „Hast Du etwa auf dem Behindertenparkplatz vor der Tür Dein Wagen abgestellt?“ Nein, hatte ich nicht.

Also ob ich jemals meinen Wagen auf Behindertenparkplätze stellen würde. „Nein“, antwortete ich, „der Wagen ist an und läuft noch.“ Ich hatte den Choke fast bis zum Ende reingedrückt, so dass stundenlang leise vor sich hin lief – auf seinem Parkplatz. Der Schlüssel steckte, es schneite, und mein Auto blieb nicht nur kuschelig warm, sondern ich konnte auch jederzeit losfahren. Das hab ich dann aber nicht getan. Ich machte den Motor aus und blieb.

Ende gut, alles gut

Mein Mann sagt heute, das wäre damals, vor 23 Jahren der Moment gewesen, in den er sich in mich verliebte.

Heute, ungefähr vier Strich 8ter weiter, fahre ich einen 280 SLC von 1981. Für meine Verhältnisse ein richtig neues, junges Auto. Wunderschön und ohne Macken.

(c)  Mercedes-Benz Düsseldorf / Jens Pussel


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Aufgewachsen in Deutschland, groß geworden in Afrika und Indonesien. PR Volontariat in Hamburg, danach Studium der Kunstgeschichte in Düsseldorf abgeschlossen. Es folgte die Spezialeinheit bei Abels & Grey im Bereich Medienstrategie. Selbstständig seit 2003 als Texterin, nein, textschwester! Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge sowie Moderationen zu Kunst, Lifestyle. Mitglied in verschiedenen Jurys. Gründung des Studiengangs Modejournalismus an der Akademie Mode und Design, NRW. Neu: Content-Chefin vom neuen Axel Springer Piloten NRW Select 2015.

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