„Rock’n Rolling“ Markenbotschafter

Das ist für mich kein Tag wie jeder anderer: ich hole meinen neuen Wagen in der Münchner Mercedes-Benz Niederlassung in der Arnulfstraße ab. Und der GLA ist nicht geleast, sondern ich bekomme ihn als neuer Markenbotschafter für Fahrzeuge mit Fahrhilfen von Mercedes-Benz zur Verfügung gestellt!

211 PS, modernste Assistenzsysteme, schokobraune Lederausstattung, Panoramaschiebedach – die Liste der Ausstattungsdetails ist endlos. Doch das eigentliche Highlight ist für mich nicht das Materielle, sondern das Ideelle: Nämlich, dass ein internationaler Konzern einen behinderten Sportler wie mich unterstützt.

Geht gut, geht noch besser

Mercedes-Benz ist ein sehr innovatives Unternehmen, etwa bei der Entwicklung von Assistenzsystemen oder alternativen Antrieben. Den Drang, mich ständig zu verbessern und weiter zu entwickeln, ist vielleicht auch für mich ein Charakterzug. Ich hatte von Geburt an eine Rückenmarkserkrankung, wegen der sich knieabwärts meine Muskeln und Sehnen nicht richtig entwickeln konnten.

Ich übte als Kind stehen und gehen, obwohl mir die Ärzte eigentlich keinen großen Erfolg in Aussicht gestellt hatten. Zum Rollstuhlbasketball brachte mich dann ein Klassenkamerad in der Grundschule. Ich war zunächst nicht so nicht so begeistert, aber der Freund sagte:

Schau es dir an, bevor du urteilst.

Ein Ratschlag, der für mich bis heute in vielen Situationen gilt.

„Rock’n Rolling“ Basketball

Seit dieser Saison 2015/2016 spiele ich wieder für meinen Heimatverein USC München. Hier hat es mich studientechnisch sowie sportlich wieder hin verschlagen. Die Uni ist gut und der Verein hat ein gutes Angebot gemacht. Außerdem werfe ich Körbe für die deutsche Nationalmannschaft und bin bei den Paralympics 2012 in London für Deutschland angetreten.

Zweimal am Tag geht’s zum Training, entweder bei meinem Verein und im Olympiastützpunkt in München oder mit der Nationalmannschaft in Gießen und Frankfurt. Sportler sein bedeutet sportlich trainieren, sportlich essen und sportlich ins Bett gehen. Basketball ist nun mal meine Leidenschaft.

Einsatz auf der IAA

Und jetzt, mit dem Dienstwagen auf dem Weg zur IAA, denke ich an die vergangenen zwei Wochen, als ich mit der Nationalmannschaft die Bronzemedaille bei der Europameisterschafft gewann und zugleich die Qualifikation für die Paralympics in Rio de Janeiro 2016 schaffte. Von München nach Frankfurt habe ich nur drei Stunden am frühen Morgen benötigt, jedoch als ich in Frankfurt ankomme, wird mir schnell klar, dass es nicht das Frankfurt ist, das ich während meines zweijährigen Wohnaufenthalts dort kennen gelernt habe:

Alle Parkhäuser sind besetzt und die Hauptverkehrsadern der Stadt sind zu Parkplätzen mutiert. Alles ist überfüllt. Das Einzige das mir wieder bewusst werden lässt, dass es sich um Straßen handelt, ist, das einige Autofahrer hupten und somit signalisieren, dass sie eigentlich vorwärts kommen wollen.

Nach langen eineinhalb Stunden finde ich einen Parkplatz am Hauptbahnhof von Frankfurt am Main, der ca. 500 Meter vom Messegelände entfernt liegt. Es hat eben auch manchmal Vorteile, einen Rollstuhlfahrerparkausweis zu besitzen. Ich steige aus, gehe hinter zum Kofferraum und lade meinen Rollstuhl aus, denn lange Strecken kann ich nicht laufen, und rolle anschließend zum Messegelände.

IAA mit zwei Autos

Der Zugang zum Messegelände ist in Ordnung. Über einen Seiteneingang bzw. dem U-Bahnzugang kommt man bequem als Rollstuhlfahrer auf das Messegelände. Direkt davor sind Stufen, aber das ist alles im Rahmen.

Mein Weg führt geradeaus zu Mercedes-Benz in die Festhalle! Mercedes stellt an diesem Fachbesuchertag eines von insgesamt zwei Autos auf der ganzen IAA mit Fahrhilfe aus. Für mich enttäuschend. Gerade vor den aktuellen Themen wie Demografie oder Inklusion, die immer in unserer Gesellschaft „aufpoppen“.

Ich habe von allen Ausstellern auf der IAA irgendwie mehr erwartet. Immer älter werdende Menschen, immer weniger junge Fahrer aufgrund der Verschiebung unserer Altersstruktur in Deutschland und dann nur zwei, in Worten zwei, Autos mit Fahrhilfen auf der IAA. Cool, dass zumindest Mercedes-Benz die Fahne hochhält!

Barrierefreiheit

Auf dem Weg durch die smart-Ausstellung zur Mercedes-Benz Halle fallen mir kleine Mängel zur Barrierefreiheit auf. Es gibt zum Übergang von smart zu Mercedes-Benz eine Treppe. Seitlich hinter einer Tür, die in die Wand eingebaut ist, gibt es dafür dahinter einen Fahrstuhl. Das kleine Rollstuhlschild hängt auch nicht auf meiner Augenhöhe – was im Rollstuhl ca. 1,50m ist – sondern auf ca. 2,30m. Ein Fall für den Smartphone-Stick.

Matthias Heil, der für das Thema „Fahrhilfen“ bei Mercedes-Benz zuständig ist führt mich zum Mercedes-Stand. Die Mercedes-Benz Halle ist ähnlich aufgebaut wie das Museum in Stuttgart. Man fährt mit einem weiteren Aufzug drei Etagen nach oben um von dort aus mittels Rampen kreisförmig nach unten zu laufen bzw. zu fahren. Der Aufzug ist hoch frequentiert von Rollstuhlfahrern und es bildet sich teilweise eine Schlange.

Mir fällt die Kinnlade runter

Bei dem Anblick der vielen tollen Autos in der Messehalle fällt sogar mir die Kinnlade runter und ich muss an meinen Besuch in Sindelfingen denken, als ich letztes Jahr meinen Mentor Philipp Wex besucht habe. Er hat mir damals die künftigen Innovationen gezeigt an denen er arbeitete. Audio- und Navigationssysteme sind ein großes Thema, als ich eine Pause in der AMG-Lounge mache und dort eine große, weiße S-Klasse in Cabrio Variante steht, mit der aktuell verbauten High-End-Audioanlage.

Ich rolle von Stockwerk zu Stockwerk hinab und manchmal benutze ich den Aufzug, weil ein paar Stufen im Weg sind, aber das ist wohl architektonisch nicht anders lösbar und meinerseits Jammern auf hohem Niveau. Im Großen und Ganzen kann man als Rollstuhlfahrer alles sehen, fühlen und riechen.

Mercedes-Benz: Fahrhilfen ab Werk

Das E-Klasse T-Modell hat einen Schwenksitz und Handbediengerät mit cool geformten Lenkraddrehknauf eingebaut. Der Schwenksitz lässt sich per Fernbedienung 90Grad nach außen drehen, sodass man leichter ein- und aussteigen kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch ältere Leute diesen Sitz gut gebrauchen könnten. Das Handgas ist mit den Fußpedalen verbunden und durch drücken und ziehen an einem Hebel kann man beschleunigen oder bremsen.

Am Lenkrad ist ein ergonomisch geformter Handknauf befestigt, sodass man mit einer Hand das Auto gut lenken kann. Außerdem ist an dem Handknauf auch eine Tastenoption mit Blinker, Hupe oder weiteren Bedienelementen justiert. Hier gibt es unterschiedliche Modelle und Verarbeitungsvarianten je nach persönlichem Gusto. Viele Fotos werden von Messebesuchern hier gemacht, da es eine Rarität auf der Messe darstellt und irgendwie jeder mit dem ich gesprochen habe, sagt, dass er das gemachte Foto jemandem in der Familie zeigen möchte, da das für denjenigen interessant wäre!

Mein Leben ist spitze!

Abends setze ich mich wieder in meinen GLA und fuhr wieder die Strecke zurück nach München um pünktlich am nächsten Tag wieder in der Uni und dem Vereinstraining stehen zu können. Klar- mit den sportlichen Erfolgen ist mein Selbstvertrauen gewachsen, das merke ich auch im täglichen Leben.

Heute habe ich keine Probleme damit, Hilfe anzunehmen. Richtig nerven tut mich etwas anderes: Wenn Leute per se glauben, dass mein Leben schlecht ist. Und nicht nur meins. Auch das Leben von anderen Menschen mit Behinderung ist es nicht! Können wir uns auf „anders“ einigen? :)

Ich bin Akademiker und war bei Olympia, ich bin sozusagen „Rock’n Rolling-Markenbotschafter – mein Leben ist spitze!


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