Das Jungle Camp: Im illegalen Flüchtlingslager von Calais

Jungle is for Animals – Wie der anonyme Flüchtling auf einmal zum Menschen mit einem Gesicht wird. Acht Tage Herbsturlaub, Strand auf Mallorca und mit den Chicas in die Disco? Am Ende dieses Sommers der Migrationsbewegungen geht das nicht. Ich musste nach Calais – ins sogenannte Jungle Camp an der französischen Kanalküste.

Ein etwas längerer Bericht, aber ich konnte nicht kürzer. In der nordfranzösischen Hafenstadt befindet sich der Fährhafen ins englische Dover und das Terminal für den Eurostar, die Zugverbindung durch den Kanaltunnel. Das zieht tausende von Flüchtlingen an, die von hier – oft bedingt durch verwandtschaftliche Beziehungen und die alten Kolonien – nach England möchten. Hier hausen bis zu 5.000 Migranten, sozusagen als menschliches Strandgut in das Lager geschwemmt, eingeklemmt zwischen den verschiedenen Rechtssprechungen, ohne Hoffnung in ihr Wunschland reisen zu dürfen.

Keine Möglichkeit des Zurücks

Viele Migranten ziehen monatelang durch Afrika oder kommen aus dem Nahen Osten, quer durch Europa – meist zu Fuß – und sind entsprechend erschöpft. Der einzige Ausweg, da es ein Zurück nicht gibt, ist die illegale Schwarzfahrt mit einem Lkw oder der Sprung auf das Dach eines Eurostar-Zuges, der oft genug tödlich oder mit abgetrennten Gliedmaßen endet. Rechtlich gesehen handelt es sich bei diesen Flüchtlingen um Menschen, die illegal nach Europa eingereist sind, auch abgelehnte und damit ausreisepflichtige Asylbewerber, oder legal Eingereiste, deren Besuchsvisum längst abgelaufen ist.

Jede Medaille hat jedoch zwei Seiten. Als Lkw-Pressesprecher, Partner und Leser von Nutzfahrzeug-Fachzeitschriften kenne ich bisher nur die eine Seite, die berechtigte Seite der Fahrer, Spediteure und Grenzbeamten. Sie müssen ihren Transportauftrag durchführen und entsprechend der Gesetze ihrer Länder den geregelten Grenzübergang sicherstellen. In Calais werden nun weitere Sondereinheiten der Gendarmerie CRS und der britischen Borderpolice zum Schutz der Fahrer eingesetzt.

Der Bundesverband Güterkraftverkehr BGL hatte die Situation angemahnt: “Fahrer fürchten um Leib und Seele“. Nach Angaben der britischen Polizei gab es im ersten Halbjahr rund 20.000 abgewehrte Eindringversuche nach England. Das Auswärtige Amt in Berlin warnt: „Beihilfe zur illegalen Einreise ist im Vereinigten Königreich mit Haftstrafen von bis zu 10 Jahren sowie einem Bußgeld von 2000 Britischen Pfund (=2.800 Euro) pro mitgeführtem illegal Einreisendem belegt.“ Diese Strafe wird pro Eindringling berechnet und ist vom Fahrer zu bezahlen. Das kann ihn schnell ruinieren. Dass da kein Verständnis oder gegenseitiges Interesse zwischen Fahrer und illegalem Flüchtling herrscht, ist klar.

Der Weg ins Jungle Camp

Aber das ist wie gesagt, nur die eine Seite der Medaille, die ich hoffentlich objektiv genug dargestellt habe. Aber jetzt habe ich mich auf das Abenteuer eingelassen, in das Jungle Camp zu fahren und die Menschen selbst kennenzulernen – privat, als Urlaubsreise sozusagen. Mein Credo ist, schon Zeit meines Lebens, die Dinge selbst unter die Lupe zu nehmen, sich nicht von Anderen was erzählen zu lassen, mit der Verpflichtung es neutral weiter zu berichten.

Abends um 19.00 Uhr bei Lille in Nordfrankreich suche ich über das Smartphone eine günstige Unterkunft in Calais. Als privat Reisender muss es kein Luxus sein. Das Formula 1 hat noch ein Plätzchen frei, 30 € für 3 Personen, absolut LowBudget. Ein bisschen Angst habe ich schon, alleine möchte ich nicht in dieses Dickicht des Jungel Camps. Im Formula 1 angekommen, der Herr im Himmel scheint es gut mit der Sache zu meinen, falle ich in die Hände einer dort logierenden englischen Aktivistengruppe. 15 Mädels (ich sag immer Mädels) im Alter von 16 bis 70 und ein junger britischer Ex-Soldat. Sie sind froh, in mir einen Dokumentaristen gefunden zu haben, und ich bin froh mit den Aktivisten ins Camp zu kommen.

Meterhohe Zäune um die Naherholungsdünen

Am nächsten Morgen geht es vom Gelände des Eurotunnel-Terminals, wo unser Hotel steht, über die Autobahn Richtung Fährhafen. Kurz vor dem Hafen beginnen plötzlich die meterhohen Zäune. Bei der vierten Abfahrt geht es in das Industriegebiet der Rue des Garennes. Ein Gendarmeriefahrzeug steht hier unaufdringlich. Nach Verlassen der Autobahn sind wir plötzlich in „der“ anderen Welt. Die Rue Garennes geht links unter der Brücke zum Fabrikgebiet, um uns nur nur Feldwege und Unmengen von Hütten und Zelten.

Das waren früher die Naherholungsdünen, die am Atlantikstrand enden. Jetzt stehen hier hunderte von kleinen Zelten oder selbstgezimmerten Hütten aus allen erdenklichen Abfallmaterialien. Die Chemiefabrik stößt süßliche Abgase in die Luft, die gleichzeitig den Würgereflex ansprechen. Wir stellen die Fahrzeuge voll mit alltäglichen Hilfsgütern bei François, einem französischen Aktivisten ab, der hier eine Lagerhalle seines Eventunternehmens (Light & Sound) zur Verfügung stellt.

Kurzes Briefing, wer welche Leute im Camp sind. Erster Schritt: Kurzer Gang durch das Camp, damit die „Gäste“ die neuen Helfer durch den ständigen Betreuer vorgestellt bekommen. Als Zweites die Verteilung der mitgebrachten Hilfsgüter an die Flüchtlinge und als drittes die Bitte am Abend bei der Essensausgabe im „Jules-Ferry-Centre“ zu helfen.

Wir stapfen entlang der meterhohen Zäune, an der süßlich-stinkenden Fabrik vorbei, zurück zur Unterführung und damit Eintritt ins “andere“ Reich. Neben der Fabrik ist ein gesicherter Lkw-Parkplatz, ein „.Parc Fermé“. Innen stehen Mannschaftswagen der Gendarmerie CRS. Auf der Straße halten zwei Polizeitransporter an und ziehen mehrere Flüchtlinge, deren Fluchtversuch gescheitert ist, aus dem Trailer. Sie kommen entweder in Verwahrung für 24 Stunden, oder gleich zurück zum Jungle Camp.

Freundlicher Empfang im Flüchtlingslager

Das Lager empfängt uns freundlich. Es sieht so harmlos aus. Strahlender blauer Herbst-Himmel. Alle erdenklichen Formen und Architekturen von Elendshütten, alle sichtbar ohne Plan gebaut. Aus Paletten und Waldholz wird das tragende Gerüst erstellt und mit Tauen verzurrt. Pappkartons sorgen für Winddichtigkeit und Wärmeisolierung. Und Plastikplanen sorgen dafür, dass die Pappe bei Regen nicht durchweicht. Der Dachhimmel ist mit alten Stoffen abgehängt. Paletten bilden den Fußboden zum Sand und sind mit Decken und Schlafsäcken ausgestattet.

An Wasserrohren waschen sich die Menschen öffentlich, in der großen Mehrzahl junge Männer. Es gibt nicht nur Wohnhütten, sondern ebenso gebaute Geschäfte für Lebensmittelkonserven, Getränkedosen. Geschäfte die Handybatterien mit einem Benzingenerator aufladen und SIM-Karten verkaufen. Einige „Restaurants“ bieten pakistanische Hühnchen und andere afghanisches Essen an. Es ist wie vor 12 Jahren, als ich in Kabul war: Die fliegenübersäten Fleischstücke werden so heiß gegrillt, dass sowohl Fliegen, als auch mitwohnende Parasiten vom Feuer verkohlt und vernichtet sind.

Mobilität: in die 5 km entfernte Stadt heißt für die Migranten Fahrrad fahren. Ein Aktivist hat einen kostenfreien Fahrradreparaturservice aufgemacht. Viele Flüchtlinge wuseln mit ihren runtergekommenen Drahteseln durch die Stadt, der Calaiser achtet verstärkt auf sein Fahrrad. Manches Fahrrad lehnt auch am Eurotunnel, weil dem Benutzer die Flucht durch den Kanal in der Nacht zuvor gelungen ist.

Verschiedene ethnische „Stadtbezirke“

Das Lager hat eigene Stadtbezirke, wo sich die Ethnien zusammenraufen. Es gibt afghanische und pakistanische Viertel, sudanesische Viertel, afrikanische Viertel, balkanesische Gruppierungen und natürlich eine große syrische Community. Die Einwohner sind erschöpft von ihrer langen Reise und desillusioniert was ihre Zukunft angeht. Wir sind selbst Zeuge geworden wie schnell sich eine Massenschlägerei zwischen verschieden Gruppen explosiv Bahn bricht. Angefangen mit Hieben einer Krücke fallen um die Mittagszeit dutzende von Flüchtlingen übereinander her. Es wird so hart gekämpft wie es in der Natur eben üblich ist – aber selten in der Zivilisation.

Um einen Gegenpol zur Trostlosigkeit und Aggression zu bieten, haben eritreische Christen ihr hölzernes Gotteshaus gebaut, in dem aber alle zu ihrem Gott beten dürfen. Man könnte es anschauen, wir tun es aber nicht um die Leute nicht zu stören.

Afrikanische Verhältnisse mitten in Europa

Die Feldwege zeigen immer wieder neue Eindrücke. Ein Weg ist von den Waschstellen total unter Wasser gesetzt, die Hütten werden von den Strömungen umspült, plötzlich fühle ich mich wie in Afrika. Schwerbepackte Leute kommen von den Dünenwäldern, einen halben Kubikmeter dürres Brennholz auf ihrem Buckel oder in einem „entliehenen“ Lidl-Einkaufswagen. Ich bin zwar auf europäischem Boden, aber eigentlich bin ich im Jungle Camp in Afrika.

Alles geht im Lager

Um die Kurve steht ein Fahrzeug der Premiumklasse, Coupé mit Londoner Kennzeichen. Die Leute tuscheln, dass es sich um einen Exil-Afghanen handelt, dem viele Häuser in London gehören, und der hier im Lager die beschriebenen Kaufläden und andere geschäftliche Aktivitäten koordiniert: Alkoholverkauf, Telefone, gefälschte Pässe, einen Nachtclub (aus Holz und Pappe gebaut), Rauschgift und last but not least: Prostitution.

5.000 Bewohner, 20.000 Fluchtversuche im Halbjahr

Wir treffen einen iranischen Wissenschaftler, der vor den gereichten Süßigkeiten an seine kleine Tochter abwinkt. Es ist ein emsiges Treiben und Laufen. Die Leute haben trotz keiner Aufgabe sichtbar Stress. Bei 5.000 Bewohnern und 20.000 Fluchtversuchen im Halbjahr, muss jeder Flüchtling viermal pro Halbjahr die Flucht wagen, kehrt aber meist wieder erfolglos zurück, da die englische und französische Polizei einen immer engeren Cordon um die Fluchtpunkte Tunneleingang und Lkw-Trailer ziehen.

Viele Möglichkeiten auf der Flucht zu sterben

Manche kommen gar nicht zurück. Dann heißt es, der nette afghanische Junge sei von der Oberleitung „gegrillt“ oder vom Zug überrollt, oder im Lkw erstickt. Zwischen dem Jungle und London gibt es viele Möglichkeiten zu sterben.

Inzwischen hat uns François durch das Camp geführt, uns mit den Bewohnern bekannt gemacht. Es ist Mittag, die Leute kochen sich mit allen metallenen Gegenständen, die einen Topf ersetzen, etwas Warmes, meist Bohnen aus der Dose. Manche verschämt, manche sehr offen, die uns zum Einkehren auffordern und Fotos zu machen, damit die Welt sieht, wie es ihnen geht. Vor einer bunten Hütte tanzen fröhlich eine Frau und ein Mann. Ja das Leben geht weiter.

Am Nachmittag rollen meine englischen Aktivisten ihre rechtsgesteuerten Clios und Polos über einen Feldweg zum „Jules-Ferry-Centre“, vor dem sie ihre mitgebrachten täglich benötigten Waren, wie Hygieneartikel, Kinderbedarf inklusive Windeln und Babyessen, Spielzeug und Kleidung an die sofort zusammenströmendem Leute verteilen.

Vom „offiziellen Europa“ im Stich gelassen

Die jüngste Aktivistin tut es Papst Franziskus gleich. Viele Flüchtlinge haben durch die hunderte von Kilometern und mehr, die sie durch Europa mit abgelaufenen Sandalen oder Flip-Flops gelaufen sind, entzündete und vereiterte Füße. Sie kniet nieder in den sandigen Boden und versorgt die blutigen Füssen mit Desinfektion, Salben und anschließend Verbänden.

Die anderen Mädels haben feuchte Augen vor Beklommenheit. Es geht schon an die Seelen von den Helfern und den Flüchtlingen. Auch die Flüchtlinge sind traurig, da gibt es keine hochmütigen „Europe, we conquer you“-Blicke. Dankbarkeit für die Mädels, weil die Flüchtlinge erkennen wie sie vom offziellen Europa im Stich gelassen werden, in ihrem Dünencamp neben der stinkenden Chemiefabrik.

Duschen und Smartphoneaufladen nach Plan

Das „Centre Jules Ferry“, eine ehemalige Kinderferienanlage am Atlantikstrand, öffnet zweimal am Tag seine stählernen Pforten. Um 11.00 h dürfen die Flüchtlinge – jeder 5 Minuten lang – duschen. Das das Gedränge ist riesig. Zudem sie hier ihre Telefone kostenlos aufladen. Überhaupt: Das „Smart“-Phone in der Hand eines Flüchtlings regt viele Bundesbürger auf. „Wenn die so ein Smartphone haben, geht es denen zu gut, da brauchen wir nichts spenden“.

Das smart-Phone ist für einen Flüchtling ein lebensnotwendiges Werkzeug um mit der Familie Kontakt zu halten, vermisste Verwandte und Freunde zu lokalisieren, auf Facebook die neuesten Fluchtrouten vom Balkan nach Calais und weiter nach England zu empfangen und natürlich sich an Frau Merkel zu erfreuen, die das gute Deutschland darstellt. Auf der Flucht aus Ostpreußen hatten meine Großeltern nur das Rote Kreuz um Vermisste zu suchen. So „what‘s wrong with a phone!“

Täglich eine warme Mahlzeit

François ruft zum dritten Teil des heutigen Tages und zum wohl Wichtigsten. Frankreich und England halten sich – außer mit Investitionen in den fünf Meter hohen Grenzschutzzaun – mit Hilfen für die Flüchtlinge zurück. Alleine für den Betrieb der Essensausgabe bekommt die französische Hilfsorganisation „La Vie Active“ Geld für das Centre Jules Ferry-Flüchtlingsempfangszentrum.

Es reicht für die eine tägliche warme Mahlzeit für die Campbewohner. Es wird strikt zwischen 17.00 Uhr und 19.00 Uhr ausgegeben, wer zu spät kommt, den bestraft der Hunger. Das war besonders in der Ramadan-Zeit problematisch, da im Tageslicht das Fasten nicht gebrochen werden darf, die Leute hungrig in den Schlafsack gingen und entsprechend aggressiv waren.

Hunger macht agressiv

Es sind nicht genügend Helfer da. Schluss mit den wichtigen Dokumentations-Fotos. Jetzt muss jeder anpacken. Die Aktivistinnen-Mädels sollen in der Küche das Essen ausgeben. Wir Männer in gelben Westen sollen an der 2000 m langen Warteschlange „onguard“ stehen und dafür sorgen, dass keiner der wartenden hungrigen Flüchtlinge über das Gitter springt oder sich in der Warteschlange nach vorne drängelt. Das würde unweigerlich – gerade zwischen den verschiedenen Ethnien – zum sofortigen Gewaltausbruch führen.

Da trifft es sich gut, dass der englische Aktivist zwei Jahre bei der Armee war und ich Bundeswehrreservist und THW-Helfer. Das Wichtigste in der Warteschlange ist,  mit den Wartenden zu reden und sich mit ihnen über ihre Herkunft und ihre Flucht und die Zukunft zu unterhalten. Einer der jungen Migranten, meinte er sei ein guter Automechaniker. Ob ich nicht bei Mercedes-Calais nach Arbeit für ihn fragen könnte. Der gute Nebeneffekt war, dass wir nun alle Einwohner gesehen haben, und sie uns gesehen haben. Als wir die nächsten Tage, nach den abendlichen Essensausgaben, durch das Lager gingen, haben uns alle gekannt, freundlich gegrüßt und mich fotografieren lassen.

Abends gingen wir sehr müde durch das Camp zurück zu unseren Auto. Vorbei an den Zelten. Die Menschen machten sich zum großen Teil nach dem stärkenden Essen auf den drei Stunden langen Weg zum Eurotunnel um dort gegen Mitternacht zu versuchen auf die Züge zu springen. „Kommt gut durch die Nacht. Whatever train you catch“, dachten wir. Vor der Autobahnunterführung leuchteten die Zelte im Gegenlicht der untergehenden Sonne, im Epizentrum der Sonne, die Chemiefabrik.

Am nächsten Tag kam schon eine gewisse Routine in die Tätigkeiten. Die Mädels kauften in den Supermärkten aufgegebene Bestellungen und zusätzlich in den Eisenwarengeschäften alle Bestände an Müllaufpick-Zangen auf. Die Pfade zwischen den Zelten und Hütten sind wahnsinnig vermüllt und dreckig. Es kann nicht sein, so befanden die Mädels und besonders der Soldat, dass wie gesehen englische Helfer mit Spaten und Mistgabel den Müll in Lidl-Einkaufwagen füllen und fortführen. „Nicht Fisch zum Essen verteilen, sondern besser Fischernetze zum Fischefangen“, heißt das Motto. Wer Müll macht, schafft ihn auch wieder weg; so machten die Mädels, mit der Verteilung der Müllgreifer an die Flüchtlinge, ein neues Kapitel in der Infrastruktur des Dschungels auf.

Überhaupt die Ladies: Als Helfer muss man kein Asket sein. Margeret, die mittelälterliche Helferin fährt auf der Insel einen Jaguar, ihr Gatte einen Range-Rover. Es ist nicht wichtig was man hat, sondern dass man erkennt wo Hilfe vonnöten ist.

Lade jemand Fremdes zum Tee ein

Einer meiner Höhepunkte des Dschungel-Aufenthalts und ein starker Grund warum mich diese Erlebnisse aufschreibe, war die Einladung unserer Gruppe in eine Wohngemeinschaft im Lager. Sie besteht aus ca. sechs Männern, die eine Schlafhütte haben, einen eigenständigen hölzernen Küchenverschlag und ein 200-l Benzinfass für den Wasservorrat. Sie baten zum orientalischem Tee, was den Engländern zupass kam. Schuhe aus und rein in die gute Stube.

Dieses Konstrukt aus Holz, Pappe, Plastik und wärmenden Decken ist also das Zuhause für den kommenden Winter an der Atlantikküste mit seinen rauen Stürmen – in Frankreich, in Europa. Die Decken sind durch die Palette ca. 15 cm vom sandigen Boden entfernt. Die Einwohner erklärten uns teils in gutem Englisch oder mit Hand und Fuß, dass es hier relativ gemütlich ist, außer das Regenwasser steigt über die Palettenhöhe und überschwemmt ihre Schlafdecken. Für uns war es ein großer Vertrauensbeweis hier in ihrem Schlafzimmer sitzen zu dürfen, um mit ihnen Tee zu trinken. Ich stellte mir vor, wie es bei uns am Heiligen Abend sei.

Gerade in diesem Zelt waren gebildete Flüchtlinge mit anständigen Berufen und guten englischen Sprachkenntnissen, die früher z.B. im reichen Aleppo in schönen Anwesen gelebt haben. Ich fragte mich in diesem Moment an dieser Stelle, wie lange es dauert bis ich selber akzeptieren würde, dass man in einer Hütte in diesem Camp haust und froh über die wärmenden Decken ist. Diese Gedanken fügten sich, als aus den vielen anonymen Flüchtlingsgesichtern plötzlich Menschen aus Fleisch und Blut wurden.

Handhalten gegen die Trostlosigkeit

Dann war da noch Hamoudi aus Syrien: Ein Mann mittleren Alters, der mir auf dem Handy sein zerstörtes Haus in Syrien zeigt. Die ISIS hätten (oder haben) sein Haus zerstört und seine Frau und zwei Kinder erschossen. Daraufhin ist er über die Türkei hierher geflüchtet. Klar, seine Geschichte kann erfunden sein. Dafür bekommt er aber hier auch keinen Cent mehr. Ich glaube sie ihm. Er könnte Anzug- oder Mantel-Modell für Boss oder Strellson sein, da käme er gut an.

Seine Augen sind jedoch unendlich traurig. So sitzt er hier tagtäglich und denkt an sein vorheriges Leben und hofft, dass es irgendwann mal besser wird. Wir besuchen seine WG täglich, bis zu unserer Abreise. Wir werden immer vertrauter. Margaret greift Hamoudis Hand und hält sie einfach, er lässt nicht los und klammert sich an sie. „Siehe an“, würde der Pegida-Anhänger sagen, „jetzt grapscht der Flüchtling schon nach der europäischen Frau“. Dem ist nicht so. Hier hält ein Menschlein ein anderes Menschlein. Und das ist gut so in dieser kalten Welt.

Sonntagsdemo in Calais

Das große Ereignis, außer der  Materialsuche und abendlichen Fluchtversuche, im gleichförmigen Lagerleben, ist die allwöchentliche Samstagsdemonstration durch Calais. Kein Calaiser Bürger kann diese Demos noch ertragen, die Straßen versperrt, Hochzeitgesellschaften können nicht zum „Hotel de Ville“, dem wunderschönen Rathaus von Calais.  Mitten an der Hauptkreuzung ein stundenlanges „Sit In“, wo jeder Neuflüchtling seine Rede hält. Aber das kennt der Stuttgarter – dank Stuttgart 21 – ja auch.

Die Demonstration ist nicht aggressiv und nicht gewalttätig. Auch der Polizei von Calais muss man ein gutes Zeugnis ausstellen für ihren Einsatz, wie langmütig sie die Sitzblockaden auf den Kreuzungen erträgt. In anderen Städten wäre früher und schneller abgeräumt worden. Fast kommt es mir vor, dass die Polizei im Zwiespalt steht, zwischen es den Flüchtlingen nicht gar zu gemütlich zu machen und Verständnis für deren aussichtslose Situation.

Alle drei Gruppen – die europäischen Lkw-Fahrer in Calais, die angeschwemmten Flüchtlinge und die Sicherheitskräfte von Polizei und Grenzschutz – sind sich gar nicht so unähnlich. Sie tun etwas, damit ihre Familien existieren können. Und andere nutzen das aus.

Mich berührt insbesondere ein Plakat welches eine Zeichnung des an der griechischen Küste ertrunkenen Jungens zeigt mit dem Satz: „Lasst ihn schlafen – bis sein Volk frei ist“. Eigentlich ein Bild des Jahres.

„We are no animals – open the borders“

Desgleichen die Sprechchöre in diesem unnachahmlichen rauhen Afrika-Englisch: „Jungle is for animals – We are no Animals – We all have Gods bloods in our veins“

Die Meute stürmt durch die Innenstadt, in die Seitenstraße, wo ich fernab mein Stuttgarter Auto geparkt habe. Margaret fährt einen Jaguar, sie gehen um mein Auto und halten für mein Foto das Plakat hoch:“ We are no Animals – Open the Borders“.

Animals? Flüchtlinge sind keine Tiere. Alles Kinder dieser Erde. Diese Reise hat mich gelehrt, dass hinter den millionenfachen anonymen Bildern der Flüchtlinge Menschen stehen. Flüchtlinge, oft genug vertrieben von Kriegen, die andere starke Staaten begonnen und nicht beendet haben.

Ich wollte mit diesem Beitrag einen Einblick in die Situation „vor Ort“ geben. Vor Ort ist aber nicht nur in Calais; vor Ort kann in Stuttgart, in Rastatt, in Bremen oder in Berlin sein. Nicht jeder kann jedoch – aus welchen Gründen auch immer – vor Ort helfen. Für diese Mitarbeiter bietet unser Unternehmen die Möglichkeit Geld zu spenden. Daimler verdoppelt am Ende der Aktion jeden gespendeten Euro, den Sie geben.


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