Kein Tag wie jeder andere

ABC – das sind oft die ersten Buchstaben, die Flüchtlinge lernen, wenn sie nach Deutschland kommen. ABC – das steht aber auch für den Arab Business Circle, ein Netzwerk für Arabischstämmige und Interessierte, das bereits tatkräftig hilft, wo es kann, um Flüchtlinge zu unterstützen. So auch beim Fußballturnier für Flüchtlingskinder in Stuttgart-Freiberg.

Während in der Politik noch über Grenzen, Unterkünfte und die Kostenverteilung bei der Flüchtlingsversorgung diskutiert wurde, haben wir beschlossen alle Kräfte zu mobilisieren und den Flüchtlingen in unserem Umfeld zu helfen. Am 19. September, genau zwei Monate nach unserem ersten Besuch im Flüchtlingsheim fand das Fußballturnier statt, zu dessen Teilnahme mein Kollege Ramy Tayem im letzten Artikel aufgerufen hatte.

Raus aus dem tristen Flüchtlingsalltag

Unser Ziel, einheimische und Flüchtlingskinder zusammenzubringen und Abwechslung in das trostlose Alltagsleben der Flüchtlingskinder zu bringen. Viele Kinder sind während des Nachmittages auf sich alleine gestellt, da ihre Eltern mit Behördengänge, Arztbesuche oder Beratungsgespräche zu tun haben. Danach fehlt Ihnen oft die Zeit und Motivation sich aktiv mit ihren Kindern zu beschäftigen.

In zahlreichen Abstimmungen per Mail und Telefon, die teilweise bis in die Nacht andauerten, plante das Organisationsteam Verpflegung, Spielpläne und Turnierregeln. Welche Gruppen gibt es? Wo und wie wollen wir spielen lassen? Wie organisieren wir den Fahrdienst für die Flüchtlinge? All solche Fragen galt es zu klären. Wichtig war, dass einheimische und Flüchtlingskinder gemeinsam in einem Team spielten.

(c) Arab Business Circle

Deshalb wurden auch angemeldete, komplette Jugendmannschaften aufgeteilt, damit der Anteil von Flüchtlingskindern und Einheimischen etwa gleich war. Von Aushängen über handschriftliche Plakate, bis hin zur Kommunikation mit den Helfern, wurde alles für das Turnier geplant. Die Kommunikation lief sowohl digital über Facebook, darüber hinaus informierten wir auch Caritas und weitere wohltätige Verbände.

Am Ende waren 85 Kinder und mehr als 150 Helfer vor Ort. Letztere haben sich aufgrund des letzten Blogbeitrags bei uns, über die dort angegebene E-Mailadresse, angemeldet.

Flüchtlingskinder aus vielen Nationen

Dann war es endlich soweit. Nach und nach trudelten die Teilnehmer auf dem Sportplatz des TV Cannstatt ein. Es waren deutsche Kinder dabei, aber auch syrische, irakische, kurdische und kosovarische. Am Anfang waren die Flüchtlingskinder schüchtern, doch kaum waren die Fußbälle ausgeteilt, wandelte sich ihre Schüchternheit in Begeisterung.

(c) Arab Business Circle

Die engagierten Helfer waren von Anfang an mit Feuer und Flamme dabei und zeigten viel Eigeninitiative. Ein anfangs kaputt geglaubter Pavillon beispielsweise konnte, dank einer fleißigen Helferin, doch noch aufgerichtet werden. Auch zwei Fehler im Spielplan wurden entdeckt. In einer kurzen Ansprache des Orgateams auf Deutsch und auf Arabisch wurden alle herzlich willkommen geheißen. Eine Gruppe von Flüchtlingskindern konnten wir noch mit Sportbekleidung, die gespendet wurde, ausstatten.

„Champions Brazuka“, „Teufelskicker“, „The Kings“

Schließlich wurden die Kinder nach Alter in Gruppen eingeteilt und jeweils den beiden Mannschaftsbetreuern zugewiesen. Anschließend durfte sich jedes Team einen Namen ausdenken. Der Fantasie der Kinder war dabei keine Grenze gesetzt: „Champions Brazuka“, „Teufelskicker“ oder „The Kings“ um nur einige der Mannschaften zu nennen.

(c) Arab Business Circle

Motivation und Leidenschaft

Leidenschaftlich motivierten die Mannschaftsbetreuer und Trainer ihre Spielerinnen und Spieler. Schon nach einer kurzen Einspielphase freundeten sich die Kinder an. Zwei Mädchen, eines syrisch und eines kosovarisch aus unterschiedlichen Unterkünften, die sich vorher nie gesehen haben, kümmerten sich zum Beispiel rührend um ein kleines deutsches Mädchen, obwohl sie nicht dieselbe Sprache sprachen.

Eine Mannschaftsbetreuerin verstand sich auf Anhieb so gut mit einem syrischen Mädchen, dass sie ankündigte, sich direkt um eine Patenschaft zu bemühen. Solche Szenen beobachteten wir mit Stolz, während auf der einen Hälfte des Spielfeldes einige Mannschaften trainierten und auf der anderen Hälfte auf zwei Spielfeldern die ersten Partien gepfiffen wurden.

(c) Arab Business Circle

Dass plötzlich ein Team komplett zu fehlen schien (da ist bei der Einteilung etwas schief gelaufen) und somit der Spielplan nicht aufging, stellte für die zahlreichen Helfer kein Hindernis dar. Kurzerhand wurde eine Improvisationsmannschaft aus freiwilligen Erwachsenen zusammengestellt, welche die Lücke füllte. Auch dass die Kinder nicht die gleiche Sprache sprachen, tat der Freude am Spiel keinen Abbruch. „Fair Play“ kennt nun mal keine (Sprach)grenzen.

Freude auch beim Essen

Die Kinder, auch die Allerkleinsten, hatten so viel Spaß am Fußballspielen, dass sie erst von ihren Trainern auf die Mittagspause aufmerksam gemacht werden mussten. Und was für ein Mittagessen es gab! Unzählige freiwillige Helfer steuerten Kuchen und Salate zum Buffet bei, das von den hungrigen Kindern gestürmt wurde. Doch damit war noch nicht genug.

(c) Arab Business Circle

Die fleißigen Sportler erwarteten dampfende, ofenfrische Partypizzen. Da gab es kein Halten mehr. Die Helfer, die die Pizzen verteilten, hatten alle Hände voll zu tun, alle hungrigen Kicker zu versorgen. Für uns war es selbstverständlich, dass die Kinder kostenlos Trinken und Essen konnten. Nachdem alle versorgt waren, ging es für die jungen Spieler zurück auf den Sportplatz.

Neue Kontakte – nicht nur bei den Kindern

Nicht nur dort knüpften sich schnell neue Freundschaften. Am Buffet saßen die Mütter einiger Kinder, etwas abseits alleine eine junge Frau. Als eine deutsch-arabisch sprechende Helferin sie entdeckte, sprach sie mit ihr und vermittelte sie zu den anderen Frauen. Kurz danach unterhielten sich alle angeregt. Dabei tauschten sie sich beispielsweise über Ärzte oder Einkaufsgelegenheiten aus.

(c) Arab Business Circle

Begeisterung und Stolz

Die mehrsprachigen Helfer waren es auch, die mit den Kindern sprachen und Stimmungen einfingen, als sich das Turnier dem Ende zuneigte. Ein deutscher Junge war so stolz teilgenommen zu haben, dass er davon in seiner Schule berichten wollte. Auch die Helfer waren begeistert: „Ich war auch mal Flüchtling und habe sehr gerne geholfen. Beim nächsten Mal bin ich wieder dabei.“

Eines hatten alle Kinder gemeinsam: Sie strahlten über das ganze Gesicht. Als wir die Kinder in den Heimen trafen, waren viele noch schüchtern und traumatisiert. Heute sind sie am Toben und Lachen. Unser Ziel, die Kinder aus ihrem tristen Alltag herauszuholen und Brücken zwischen den Flüchtlingen und den Stuttgartern zu bauen, hatten wir also erreicht.

Mut machen!

Jedoch wollten wir den Kindern auch zeigen, dass man, egal woher man stammt, gemeinsam Dinge bewegen kann und im Leben alles möglich ist. Auch, wenn es sich in unserem Fall lediglich um ein Fußballturnier handelt. Deshalb wurden am Ende auch alle Teilnehmer mit einer Goldmedaille beehrt. Nach all den Dingen, welche die Kinder mit ihren Familien durchmachen mussten, sind sie für uns alle Sieger.

(c) Arab Business Circle

Am Ende des ereignisreichen Tages durften die Kinder noch Essen und die großzügig von der Fußballabteilung gespendeten Sportkleidung mit nach Hause nehmen. Für einige der Kinder ein unfassbar wertvolles Geschenk und, neben der Medaille und der Urkunde, ein tolles Erinnerungsstück an das Turnier.

Kein Tag wie jeder andere

Obwohl einige Helfer ausfielen, bildeten sich am Ende doch genügend Fahrgemeinschaften um alle Kinder wohlbehalten zurück in ihre Heime zu fahren. Und so endete für die zahlreichen Helfer und Kinder ein Tag, der nicht war wie jeder andere.

An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an ALLE Helfer und Unterstützer, die diesen fantastischen Tag ermöglicht haben. Ohne euer Engagement wäre das Turnier nicht machbar gewesen. Es ist bemerkenswert, was wir alle auf die Beine gestellt haben. Unser Dank gilt aber auch unseren Familien, die in den letzten Wochen etwas zu kurz gekommen sind.

(c) Arab Business Circle


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Sie ist Verbesserungsmanagerin bei Daimler Trucks im Bereich OMCD – im Team TOS Projects & Performance Management - und Ansprechpartnerin für die globale Verrechnung der OMCD Leistungen. Sie ist zudem Mitglied des 2009 gegründeten "Arab Business Circle" – einem Netzwerk für Arabischstämmige und Interessierte. Das Daimler-Mitarbeiternetzwerk hat 235 Mitglieder aus 14 Nationen und möchte „Brückenbauer“ sein, indem es den Dialog zwischen den Kulturen in Deutschland und der arabischen Welt herstellt, sowie den Austausch fördert und pflegt. Dazu organisiert der Arab Business Circle Veranstaltungen, Vorträge oder Interviews. Das Netzwerk steht allen interessierten Mitarbeitern offen.

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