Das Auto gestaltet die Zukunft

Beim Ars Electronica Festival im stillgelegten Linzer Postverteilerzentrum trafen sich Technik-Cracks, Künstler, Architekten sowie Ingenieure aus aller Welt und beschäftigten sich mit dem Leben in der Stadt von morgen. Mittendrin: Der autonom fahrende Mercedes-Benz F 015 und Daimler-Experten aus Zukunftsforschung, Design und Entwicklung.

Wolkenkratzer aus Beton schnellen in die Höhe, vielspurige Highways verdrängen lästige Fußgängerwege und Automassen donnern mitten durch die Innenstädte: Soweit die Vision von der Stadt der 1960er, wie sie auf der New Yorker Weltausstellung im Jahr 1939 präsentiert wurde. Dass wir Menschen uns Gedanken über die Zukunft unserer Lebensräume machen, ist also nichts Neues.

POST CITY – Die Stadt von Morgen

75 Jahre später besuche ich das Ars Electronica Festival im österreichischen Linz und hier zeigt sich mir ein völlig neues Bild von der Zukunft der Städte: Grünflächen kehren in die Innenstädte zurück und mobile Erlebniskapseln bewegen sich autonom emissionsfrei am Boden oder in der Luft – von Autos im herkömmlichen Sinne spricht keiner mehr. Doch der Reihe nach.

Seit 1979 beschäftigt sich die Ars Electronica in Linz mit zukunftsweisenden Entwicklungen und gilt seither als Treffpunkt innovativer Köpfe aus Kunst, Technologie und Gesellschaft. Das diesjährige Festival stand unter dem Motto „POST CITY – Lebensräume für das 21. Jahrhundert“ und setzt sich im Rahmen von Ausstellungen, Vorträgen, Symposien und Workshops mit dem Leben in der Stadt von morgen auseinander. POST CITY – die Stadt nach all dem also, was gerade im Gange ist: Urbanisierung, Digitalisierung und Klimawandel.

Städte der Zukunft – kein Platz mehr für Autos?

In der langen Schlange vor der Slow-Food-Bäckerei, die sich unter einer der riesigen alten Postrutschen installiert hat, schnappe ich auf: Laut UNO-Prognosen wird 2050 über 70 Prozent der weltweiten Bevölkerung im urbanen Raum wohnen. Ob es denn in den Städten der Zukunft überhaupt noch Platz für Autos geben wird? „Wir glauben nicht, dass das Auto, wie wir es heute nutzen, völlig verschwinden wird“, so Vera Schmidt, Leiterin Advanced Digital Design bei der Daimler AG, fügt jedoch hinzu: „Sharing-Modelle werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen, denn schon jetzt wird das Auto im Alltag die größte Zeit über geparkt.“

„Das Auto hat im letzten Jahrhundert unser Leben geformt – Wohnen, Arbeiten, Vergnügen, einfach alles. Es war wie man heute sagen würde ein ‚Change Agent‘“, erklärt Daimler-Zukunftsforscher Alexander Mankowsky beim Symposium Future Mobility. „Wir müssen uns fragen: Was sind die menschlichen Talente, die wir nicht automatisieren wollen? Und welche Aufgaben geben wir an Maschinen ab?“

Das Auto der Zukunft: Ort für Entspannung und Ruhe

Einen Vorschlag zu dieser „Verteilung der Talente“ macht der autonom fahrende Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion, das Objekt der Begierde auf der POST CITY-Ausstellung. Die Stadt, in der sich das Zukunftsauto bewegt, ist eng und überfüllt, hektisch und komplex. Das Lenken und Reagieren auf Gefahren im dichten Verkehr der Stadt von morgen übernimmt deshalb das Auto und bietet dem Insassen im Interieur Zeit zur Entspannung und Ruhe vor der Reizüberflutung im zunehmend vernetzten Alltag.

„Der F 015 besticht vor allem durch sein geräumiges Interieur“, betont Holger Hutzenlaub, Leiter Advanced Design Daimler AG. Erlebnis, Einfachheit, Authentizität und High-Tech verkörperten hier den modernen Luxus.

Im Innenraum ist der F 015 zwar tatsächlich mit allerlei High-Tech ausgestattet, der wahre Luxus des Autos zeigt sich meiner Meinung nach jedoch in einer sehr einfachen Funktion: Durch die drehbaren Vordersitze können sich nun alle Insassen gegenübersitzen um sich beim Gespräch zu entspannen. Zeit und Raum für das Wesentliche ist der Luxus von morgen.

Back to the roots

„Digitales ist nicht mehr cool. Die Menschen sehnen sich wieder zurück zu ursprünglichen Bedürfnissen wie sozialen Kontakten oder Ruhe“, stellt Alexander Mankowsky fest. Das war auch eine zentrale Erkenntnis aus den drei Arbeitsgruppen des Future Innovators Summit, einer fachlich und kulturell bunt besetzten Ideenschmiede für die Stadt von morgen, an der unter anderem drei Ingenieure aus dem Hause Daimler teilnahmen.

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„Ein positiver und aufregender Kulturschock“ sei die Arbeit in der Gruppe gemeinsam mit Künstlern, Architekten und IT‘lern aus der ganzen Welt gewesen, erzählt mir Marcus Fiege, Teamleiter für Lichtinnovationen. Sein Daimler-Kollege aus dem Bereich User Interaction, Lars Lütze, stellt dennoch fest: „Die Ängste aber auch Bedürfnisse mit Hinblick auf die Stadt von morgen sind, unabhängig von der kulturellen Herkunft, größtenteils dieselben.“ Eine wichtige Frage sei daher, wie intelligent die Stadt der Zukunft sein darf, bevor die Menschen beginnen Angst vor ihr zu haben.

Eine der Arbeitsgruppen beschäftigte sich mit dem Thema informiertes Vertrauen in einer Welt, in der die Menschen von sich autonom bewegenden Robotern umgeben sind und alles miteinander vernetzt ist. Beim Blick über die Schultern der Diskussionspartner wird mir schnell klar: Unter dem Einfluss der zunehmenden Digitalisierung sehnen sich die Menschen offenbar zurück nach analogen und mit allen Sinnen erlebbaren Elementen.

Proaktive Kommunikation

Roboter-Psychologin Martina Mara vom Ars Electronica Futurelab betont außerdem, dass Roboter auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen müssen: „Die autonomen Maschinen der Zukunft werden etwa über Leucht- und Tonsignale mit ihrer Umwelt interagieren, denn erst die proaktive Kommunikation nach außen schafft Vertrauen.“

Den Grundwortschatz für die Mensch-Maschine-Interaktion zeigen mir kleine Drohnen und Bodenroboter im sogenannten Shared Space der POST CITY-Ausstellung. Über Lichtprojektionen kommunizieren die Roboter sowohl untereinander als auch mit den Menschen, stellen verschiedene Verkehrsszenarien dar und reagieren auf die Körpersprache von Passanten.

Mehr Miteinander durch Dezentralisierung

Ein weiteres Thema beim Future Innovators Summit war die Frage, wie die Stadt von morgen aussehen muss, um gegen zukünftige Gefahren gewappnet zu sein. Nachvollziehbar, dass die Diskussion hier stark von den Erfahrungen der japanischen und philippinischen Teilnehmer geprägt war, die sich bei den Visionen zum zukünftigen Stadtbild vor allem auf Szenarien zum Schutz vor Katastrophen konzentrierten.

Taifun Haiyan habe gezeigt, berichtet Aktivistin Pamela Cajilig, wie viel der Zusammenhalt von Menschen auch dank der sozialen Netzwerke bewirken kann. Das heutige Stadtbild fördere nicht Zusammenhalt und Integration sondern ganz im Gegensatz Anonymität und Ausgrenzung.

„In der Stadt der Zukunft muss der Mensch wieder im Mittelpunkt stehen“, fasst Nadine Sinner, bei smart zuständig für Innovationskonzepte, zusammen. Die Dezentralisierung und Anordnung der Stadt in einzelnen, stark miteinander interagierenden Clustern stärke die Widerstandsfähigkeit bei zukünftigen Herausforderungen.

Kreativität durch Kontraste

Kreativität gewann die Veranstaltung insbesondere durch die starken Kontraste auf allen Ebenen: der Charme des stillgelegten Industriegebäude als Schauplatz für zukunftsgewandte Fragen, Teilnehmer mit den verschiedensten fachlichen sowie kulturellen Hintergründen und tausende Besucher darunter Jung und Alt.

Die Eindrücke dieser fünf Tage – geballte Inspiration – sind schwer in Worte zu fassen und zeugen dennoch von einer Zukunft, die nichts mehr mit dem Bild zu tun hat, das die New Yorker Weltausstellung im Jahr 1939 von der Zukunft zeichnete.


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Er ist BWL-Student an der Universität Mannheim und macht gerade ein Praktikum in der Forschungs-, Entwicklungs- und Umweltkommunikation, internationale Produktkommunikation (COM/MBC).

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