Wie wir erinnern, wie wir vergessen

„Wir müssen uns an die Vergangenheit erinnern, damit wir in der Gegenwart Entscheidungen fällen, die wir in der Zukunft nicht bereuen“, so formulierte der venezianische Maler Tizian sein Verhältnis zur Zeit. Doch was ist das – „Vergangenheit“? Wie erinnern wir sie? Wie kann sie zur Basis dessen werden, was unsere Persönlichkeit heute prägt und Einfluss auf unsere Zukunft hat?

„Es sind in der Tat Erinnerungen, die unser Selbst ausmachen“, so die Neurobiologin Prof. Dr. Hannah Monyer. „Die Frage, was wir im Gedächtnis behalten und welche Ereignisse wir vergessen, das macht den Kern unserer Persönlichkeit aus. Auch für Krankheiten wie Alzheimer besitzt sie eine hohe Relevanz“.

280 Besucher kamen am Dienstag, den 15. September, ins Mercedes-Benz Museum. Im Rahmen der Reihe „Dialog im Museum“, die gemeinsam von der Daimler AG, dem Mercedes-Benz Museum und der Daimler und Benz Stiftung veranstaltet wird, sprach sie über das Thema „Leben und Lernen – ein ganzes Leben lang“. Begrüßt wurde sie von Prof. Dr. Rainer Dietrich, Mitglied des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung, sowie als Hausherr von Dr. Manfred Beck, Leiter Gesundheitsmanagement MB Vans der Daimler AG.

Meilensteine der Erinnerungsforschung

Vor rund 70 Jahren, so Monyer, gelang der Hirnforschung eine überraschende Entdeckung: Ein an Epilepsie leidender junger Mann namens Henry Molaison wurde aufgrund schwerer epileptischer Anfälle am Gehirn operiert. Dabei entfernten die Chirurgen seinen Hippocampus zu weiten Teilen. Infolge dieser OP zeigte Patient „HM“, mit diesem Kürzel ging er in die Lehrbücher ein, unerwartete kognitive Ausfälle: Während er sich sehr gut an Personen, Ereignisse und Orte seiner Kindheit erinnern konnte, war es ihm völlig unmöglich, neue Eindrücke für länger als einige Minuten zu memorieren. Ärzte und Pfleger, auch wenn er mit ihnen über Jahre zu tun hatte, erschienen ihm immer wieder als unbekannte Menschen. Dadurch wurde deutlich, dass der Mensch verschiedene Gedächtnisformen besitzt und sich das Langzeit- vom Kurzzeitgedächtnis unterscheiden lässt.

Kinder haben aktivere Nervenzellen

„Das episodisches Gedächtnis, also die Fähigkeit sich zu erinnern, ‚was‘, ‚wann‘ und ‚wo‘ stattgefunden hat, bedarf einer besonderen Plastizität des Gehirns, sodass ein dauerhaftes Ablegen von Erinnerungen möglich ist.“ Aktuelle Forschungen ergaben, dass bestimmte Kanäle in Nervenzellen bei Kindern dreimal aktiver sind als bei Erwachsenen.

Bei ihnen werden erheblich mehr Neurotransmitter freigesetzt, was wohl einen positiven Einfluss etwa auf den Spracherwerb hat. „Doch es ist nicht nur die genetische Ausrüstung oder unser Lebensalter, sondern es ist in hohem Maße die Umwelt, die darüber entscheidet, wie gut unser Gedächtnis funktioniert!“, so Monyer.

Schlaf als „Erinnerungshelfer“

Als besonders förderlich habe sich genügend Schlaf erwiesen, da während des Schlafs Erinnerungen aus dem Zwischenlager Hippocampus nicht nur dauerhaft in andere Gehirnbereiche überführt, sondern durch eine teilweise zufällige Neukombination des Erlebten auch neu organisiert werden können. „Die besonders gute Nachricht: Auch im alten Gehirn bilden sich, selbst nach einem Schlaganfall, immer noch neue Gehirnzellen.“

„Die alte Lehrmeinung, dass wir mit einer bestimmen Anzahl Neuronen geboren werden, die einfach immer weiter abnimmt, ist definitiv hinfällig“, resümierte Monyer. Allem voran körperliche Bewegung, aber auch das Erlernen von Gedichten oder eines Instruments rege die Gedächtnisleistung im Alter an. Stress hingegen bremse das Gehirn nachweislich aus.

Mehr Bewusstsein und Aufmerksamkeit durch Meditation

In der anschließenden regen Diskussion kamen Fragen nach der Möglichkeit auf, Aufmerksamkeit und Gehirnleistung zu steigern, etwa durch Meditation oder stimulierende Medikamente. „Meditation und überhaupt fernöstliche Methoden der körperlichen Rhythmisierung scheinen sich sehr positiv auf unser Gehirn auszuwirken.“

„Sie fokussieren die Aufmerksamkeit und ermöglichen so eine bewusstere Aufnahme von Reizen“, so Monyers Einschätzung.  Was neue Medikamente angehe, könne sie sich schwerlich festlegen, da dies nicht ihr eigentliches Forschungsgebiet sei. „Hier bin ich allerdings außerordentlich skeptisch. Selbst wenn bestimmte Medikamente die Kanäle in einigen Neuronen stärker öffnen, heißt das noch lange nicht, dass wir diese Informationen auch sinnvoll verarbeiten und strukturieren können.“

Momentaner Gedächtnisstand: Maximale neuronale Interaktion

„Außerdem: Wir experimentieren seit zwanzig Jahren mit selektiv genmutierten Mäusen und niemals ist es uns gelungen, eine erhöhte kognitive Leistungsfähigkeit hervorzubringen. Millionen Jahre der Evolution scheinen das Maximum an neuronaler Interaktion hervorgebracht zu haben; es kommt wohl weit mehr darauf an, sich ein Umfeld zu suchen, das eine ideale Anregung für uns bietet.“

 


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