Mit dem Wüstenschiff zum 20. Geburtstag

„Bring mir mein Baby heil wieder“, sagt Kollege Sascha Belca. Es ist sein Lieblingsfahrzeug aus dem Vans-Fuhrpark, den er mit betreut. Das „Baby“ ist ein Monstrum. Ein Rallye-tauglicher Sprinter, eingesetzt als Service-Fahrzeug bei der Aicha des Gazelles.

Als Modell „316“ mit Allrad, Hochdach und so ziemlich allem, was die Ausstattungsliste hergibt: Xenonlicht, gefederten Sitzen, Tempomat, Getriebeuntersetzung, Rückfahrkamera, Standheizung, Zusatzbatterie…

Baby ist ein Monstrum mit Rallye-Ausstattung

Dazu kommt noch die Rallye-Ausstattung: Schutzabdeckungen für Motor, Getriebe, Achsen und Tank aus 8mm hochfestem Aluminium, Stoßdämpfer mit erhöhtem Ölvolumen samt Ausgleichsbehälter und eine „Lightbar“ mit Lichtleistung von ca. 23.000 Lumen (so hell, dass Mitmenschen wieder an UFOs glauben). Im Laderaum gibt es einen kompletten Werkstattausbau, modifiziert für den Arbeitseinsatz in der Wüste samt 12/230 V Spannungswandler mit Ladefunktion.

Sowas hat der ADAC-Pannenhelfer nicht an Bord. Erlebt hat dieser Sprinter schon Einiges: Sand- und Schneestürme, die Bergung von Autos, tausende Kilometern im Anhängerbetrieb auf üblen Straßen (oder auch ohne Straßen!) „Baby“ ist zur Stelle, wenn es um die gröberen Arbeiten in unwegsamem Gelände geht, wie zum Beispiel bei Veranstaltungen in Marokko, Österreich, Spanien und natürlich Deutschland.

Mit dem Sprinter zum 20-jährigen Jubiläum

Und genau deshalb ist das Ungetüm auf jaulenden BF Goodrich Mud Terrain-Reifen perfekt für eine (Autobahn)-Fahrt. Zum Mercedes-Benz Werk nach Düsseldorf, um dort das 20-jährige Jubiläum seiner Gattung zu feiern. Bahn fahren oder auf den Piloten am Flughafen warten kann ja jeder.

Mein „Wüstenschiff“ ist derart hochgelegt, dass Einsteigen eine Kletterübung ist und Aussteigen dem Fall in eine Baugrube gleichkommt. Ich kann zum Beispiel einem 8-Tonner Lkw-Fahrer von oben ins Cockpit gucken. Als Fahrer des eigentlich „kleineren“ Modells, ja, da staunste. Lenken bedeutet bei Baby „Richtungsänderung“: Lenkrad halb einschlagen und irgendwann fährt der Sprinter tatsächlich um die Ecke.

Die Abrollgeräusche der Geländereifen klingen wie beim Unimog, „Wu-hu-hu-hu.“ Aber gegen den Krach hat sich Sascha Belca was ausgedacht. Er hat einen Subwoofer im Sprinter installiert. Fight fire with fire. Und wenn man sich in der Wüste trotz Allrad einmal festgefahren hat, dann hilft „Fortbewegung durch Bass-Antrieb“.

Auf dem Weg im Wüstenschiff

Ich starte meinen Roadtrip nach Düsseldorf noch in der morgendlichen Dunkelheit. Wenig Verkehr auf den Straßen. Der Sprinter scheint sich bei 120 km/h am wohlsten zu fühlen, ich mich am Steuer auch. Gut, das wir zwei das geklärt haben. Gemütliches Trucking. Radio an, Madonna und hysterische Morgenradio-Moderatoren mit „ruft jetzt bitte, bitte, bitte sofort an, wenn ihr das älteste Fahrrad besitzt“ aus und B.B. King rein. „The thrill is gone“ – nee, stimmt nicht, Herr King, er fängt gerade erst an.

Papiertaschentücher nennt man „Tempo“, Klebefilme heißen „Tesa“ – und Transporter rund um 3,5t Gesamtgewicht tragen die Bezeichnung „Sprinter“. Eigentlich müsste doch fast jeder eine persönliche „Sprinter-Geschichte“ erlebt haben, die irgendwann in den letzten 20 Jahren passiert ist. Der Umzug in die neue Stadt, der Ausflug mit Sportverein oder Schulklasse im Bus, oder beim Job im Sprinter als Einsatzfahrzeug.

Am Steuer des Rallye-Sprinter kommt mir mein persönliches Sprinter-Déjà vu: Meinen Zivildienst leistete ich als Sanitäter, unser damaliger Sprinter war ein Rettungstransporter. Bei einem Nachteinsatz an der Unfallstelle tippte mir ein Polizist auf die Schulter und sagte zu meinem Kollegen und mir: „Ihr Heinis, was hängt denn da am Wagen?“ Es war das fünf Meter lange externe Ladekabel für die medizinischen Geräte im Sprinter. Samt Steckdose von der Rettungswache. – Nicht ausgestöpselt, zu schnell losgefahren.

Thomas, Kai und Adnan

3000 Kilometer im Monat fahren die Servicetechniker Thomas, Kai und Adnan, die ich zufällig an einer Raststätte treffe. Ich erzähle ihnen von meiner Fahrt zum Festakt. „Unser Sprinter läuft prima, bequem, mit Automatik“ sagen sie. Thomas, der Größte von ihnen, möchte jedoch, dass ich neben Geburtstagsgrüßen auch einen Wunsch an die Entwickler übermittle: „Die nächste Dreier-Sitzbank könnte ein bisschen größer ausfallen“. Hiermit erledigt.

Gegen 10:00 Uhr, nach ungefähr fünf Stunden und gefühlten 50 Schoko-Keksen Wegzehrung fahre ich am Werktor1 in Düsseldorf vor. Glücklich, krümelig und taub. „Rollin‘ and tumblin“…

Zahlen, Daten, Geburtstag

Hier also hat die Sprinter-Erfolgsstory ihren Ursprung. Bereits im ersten Produktionsjahr 1996 fertigt Mercedes-Benz in Düsseldorf mehr als 100.000 Sprinter. Knapp 20 Jahre später laufen im Jahr 2014 stolze 186.114 Exemplare von den Bändern in Düsseldorf und Ludwigsfelde, in der argentinischen Metropole Buenos Aires, in Charleston im US-Bundesstaat South Carolina, im russischen Nischni Nowgorod sowie in Fuzhou in China – der Sprinter wird heute in sechs Werken auf vier Kontinenten gefertigt.

Im laufenden Jahr steht der Sprinter aller Voraussicht nach vor einem neuen Allzeitrekord. Bis heute hat Mercedes-Benz insgesamt knapp drei Millionen Sprinter gefertigt. Düsseldorf ist das Leitwerk für die Sprinter Fertigung. Täglich laufen dort durchschnittlich 725 Transporter vom Band. Wovon 70 Prozent ins Ausland gehen. Im Rohbau teilen sich Mitarbeiter mit mehr als 500 Robotern die Arbeit – rund 80 Prozent des Rohbaus sind automatisiert.

Die Bleche werden mit durchschnittlich 7650 Schweißpunkten miteinander verbunden. Hier wird geschweißt, gelötet und geklebt. In der Montage wird aus der lackierten Karosserie ein kompletter Transporter. Sie umfasst 197 Stationen, für den Sprinter gibt es 13.000 bis 14.000 mögliche Teile. Transporter sind Individualisten. So wie der Rallyesprinter. Ich darf ihn in die Reihe mit den historischen Ahnen parken. Das macht „Baby“ stolz.

Werkhalle 130 wird zur Festhalle

Schnell in die Werk-Halle, der Festakt beginnt. Zur offiziellen Feierstunde kommen über 250 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medien sowie Mitarbeiter aus den sechs Sprinter-Produktionsstandorten in Deutschland, Argentinien, China, Russland und den USA.

Dieter Zetsche betont in seiner Rede: „Das Kompetenzzentrum Düsseldorf spielt die Schlüsselrolle in unserem globalen Produktionsverbund. Deshalb ist für uns völlig klar: Düsseldorf wird als Leitwerk auch Dreh- und Angelpunkt der Sprinter-Produktion bleiben, wenn die nächste Generation an den Start geht“. Er hat die Lacher auf seiner Seite, als er eine Glückwunschkarte zitiert, auf der steht, „dass der Sprinter der einzige Düsseldorfer ist, der gerne ne Kiste Kölsch trägt.“

Dieses Bekenntnis zum Standort Düsseldorf hört die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) natürlich sehr gern. „Der Sprinter hat nicht nur 20 Jahre Erfolgsgeschichte hinter sich, sondern auch hervorragende Zukunftsperspektiven – durch die Entscheidungen, das Mercedes-Benz Werk in Düsseldorf zum Kompetenzzentrum der weltweiten Sprinter-Produktion zu machen und die Zusage, auch perspektivisch auf die hoch qualifizierten und zuverlässigen Fachkräfte hier am Standort zu setzen“, sagt sie.

„Für 2015 erwarten wir einen weiteren Absatzrekord und damit das beste Sprinterjahr aller Zeiten“, ergänzt Volker Mornhinweg, Leiter Mercedes-Benz Vans. Ein toller Erfolg für diesen Standort. Und für alle Menschen, die in anderen Werken weltweit arbeiten.

A-Schicht? „A-Team!“

Als die Feier sich in der Halle 130 dem Ende zuneigt, die Journalisten zu Probefahrten oder zur Abreise aufbrechen, gehört die Halle wieder Meister Peter Stollenwerk und den Kollegen der „A- Schicht-Untergruppenfertigung-Rohbau“. Hier werden alle Querträger und Federböcke mit Roboteranlagen und Handpunktzangen zusammengepunktet und diverse Kleinteile an Maschinen und Pressen gefertigt.

„Jetzt steht der Rückbau der Festkulisse an, wir müssen schließlich wieder Autos bauen“ sagt Stollenwerk und schaut auf die Uhr. Zeit bleibt aber noch für ein Erinnerungsfoto mit „Baby“, den alle ziemlich cool finden. „Vollgas in der Wüste fahren kannste eben nur mit einer stabilen Karosse“ sagt ein Werker und klopft mit seiner Riesenpranke gegen die Seitenwand. Will heißen: „Haben wir gebaut“. Ist schon ein „A-Team“.

Menschlich gesehen

Zeit, sich auf den Weg zurück nach Stuttgart zu machen. Ich denke an die Daimler-Kollegen, mit denen ich über den Sprinter schon Kontakt hatte: Da ist Kai Sieber, der als Designer viel Herzblut investiert hat, ein praktisches Fahrzeug mit ein wenig Grandezza durch seine gestalterischen Tricks zu versehen.

Oder Julia Salamon, erfolgreiche „Rallye-Gazelle“, die aktuell in der Produktstrategie schon das nächste Modell des Sprinter betreut. Christian Kutzera, der Instruktor, mit dem ich den Seitenwindassistenten des Sprinters getestet habe. Und, klar, Thorsten Schulz, der stolze Mecklenburger, der im Werk Ludwigsfelde beim 555.555 Sprinter dabei war. Und jetzt kenne ich auch Menschen mit dem Herzen auf dem rechten Fleck aus Düsseldorf! Das macht mich stolz.

„Vielleicht ist der Sprinter der menschlichste Mercedes-Benz?“, frage ich mich. In Düsseldorf wurde übrigens bei der Feier der 750. Sprinter an die Tafeln übergeben. Auf alle Fälle ist er auch ein „harter Hund“ wenn nötig, bei dem zumindest die Reifen jaulen.

Die oben beschriebenen Geländereifen. Deshalb bleibt noch eins zu tun: Runter von der Autobahn, rauf auf ein abgeerntetes Feld, „rein“ mit dem Allrad. Nur ganz kurz, hat keiner gesehen. Aber ich könnte mit „Baby“ auch querfeldein nach Stuttgart fahren. Finde ich klasse: Sprinter mit „Stauassistent-einfach-abbiegen-PLUS“.

Danke fürs Ausleihen, Sascha Belca und Thomas Konzelmann !


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