Bis zum Mond und noch viel weiter

Vier Tage benötigten die Astronauten der Apollo 11 im Sommer 1969, um die knapp 400.000 Kilometer zum Mond zurück zu legen. Eine fast unvorstellbare Entfernung. Aber nur fast. Kürzlich tauchte auf dem Kilometerzähler meines 1992er Mercedes 190 E 2.0 eine fast magische Zahl auf: 500.000.

Eine Strecke, mit der mein Auto den Mond nicht nur erreicht hat. Es hat ihn auf seiner Oberfläche auch noch gut zehn Mal umrundet. Zugegeben, ganz so schnell wie bei den Jungs von der NASA ging das nicht: Statt vier Tage hat es ganze 23 Jahre gedauert.

Gekauft habe ich den Wagen vor 15 Jahren als Gebrauchtfahrzeug. Er war bereits damals mit acht Jahren ein etwas „älteres“ Modell und stand auf dem Parkplatz der Mercedes-Benz Niederlassung in Bremen mit vergleichsweise jungfräulichen 73.428 Kilometern zwischen lauter neueren Modellen. Kaufpreis damals: 12.900 D-Mark und einen Pfennig.

Ich war damals kurz davor, vom platten norddeutschen Oldenburg ins hügelige Sauerland umzuziehen. In Oldenburg braucht man eigentlich kein Auto. In der Studentenstadt sind die Fahrradwege breit und Berge kennt man da nur aus dem Fernsehen. Aber das Sauerland? Hier wird einem als Nordlicht ja schon beim Blick aus dem Wohnzimmerfenster schwindelig. Die Sache war klar: Ein Auto musste her.

Mercedes, was für Opas und Landwirte

Aber wieso ausgerechnet dieser Mercedes? Was habe ich noch die Sprüche im Ohr: „Damit fahren ja nur alte Opas oder Landwirte“, hat es geheißen. Zugegeben, so ganz falsch lagen meine Kritiker damit nicht. Der Vorbesitzer war ein älterer Herr Jahrgang 1929. Aber da es sich in der Regel bei dieser Altersgruppe selten um „rasende Rentner“ handelt, war das für mich eher ein Qualitätsmerkmal als Ausschlusskriterium.

Ein rollendes Eisenschwein; unkaputtbar und zuverlässig

Für einen Mercedes hatte ich außerdem noch ganz persönliche Gründe: Als Führerschein-Neuling verursachte ich mitte der 1990er Jahre in einem unachtsamen Moment einen Auffahrunfall. Der Wagen, den ich fuhr, war anschließend irgendwie kürzer. Mein „Gegner“ hingegen war ein Mercedes. An den Aufprall kann ich mich noch gut erinnern: Das Auto vor mir wippte leicht und neben einem Kratzer an der Stoßstange hatte er glaube ich noch ein kaputtes Hecklicht. Kinderkram. Mein Wagen hingegen hatte ein komplettes Facelift nötig. Seitdem war klar: So ein Auto will ich auch. So ein rollendes Eisenschwein. Unkaputtbar und zuverlässig. Mir doch egal wie viele Opas und Landwirte noch mit so einem Ding unterwegs sind. Die wissen schon was gut ist. Wer hätte gedacht, dass wir beide es bis zum Mond und noch viel weiter schaffen?

Aller Anfang ist schwer

Zugegeben, ich war nie großer Auto-Fan. Habe zwar mit 10 Jahren Computerprogramme geschrieben, aber Autos? Da klaffte eine echte Bildungslücke. Es war daher schon ein peinlicher Moment, als ich das erste Mal mit meinem neuen Gefährt Öl nachfüllen wollte. Ich wusste weder, welches Öl und wo zum Teufel man es in den Motor schütten muss. Diese Blicke des Tankwarts, als ich ihn darauf ansprach. Als wäre ich soeben nackt durch die Ladentür marschiert und hätte die anderen Kunden mit den Überraschungseiern in der Auslage beworfen.

Learning by doing

Das passierte mir nicht nochmal: Dank Internet kann man sich ja heutzutage selbst in Windeseile aufschlauen. Einschlägige Autoforen gibt es zu Hauf, und Tipps & Tricks für den W201 muss man dort nicht lange suchen. Das ist auch das Schöne an diesem Modell. „Learning by doing“ funktioniert wunderbar.

Vieles lässt sich selbst reparieren. Alles ist gut zu erreichen und ein vernünftiger „Ratschenkasten“ ist für die meisten kleineren Arbeiten vollkommen ausreichend. Luftfilter, Zündkerzen, Verteilerkappe? Nichts einfacher als das. Poti am Luftmengenmesser, Drosselklappe, Gaszugfeder? Auch dafür braucht es kein Diplom.

Okay, ich gebe zu, einmal musste ich den ADAC in meine Garage rufen. Ich wollte die Zündkabel austauschen. Dummerweise hatte ich mir die Reihenfolge nicht gemerkt, in der die Zündkabel von der Verteilerkappe auf die einzelnen Zylinder gehörten. War Nummer Eins nun oben oder unten? Wo ist hier überhaupt oben und wo unten? Mist. Da war er wieder dieser Blick. Wie gerne hätte ich jetzt ein paar Überraschungseier zur Hand gehabt.

Mit Flüssiggas in die zweite Halbzeit

Bei Kilometer 220.000 war es dann soweit: Eine größere Operation stand an. Der Spritpreis war nicht mehr das was er mal war, und ich hatte mittlerweile jeden Tag eine Strecke von 140 Kilometern vor mir. Autogas sollte her. Bei dem Modell keine ganz leichte Sache. Für moderne Gasanlagen war der Motor zu alt, aber eine alte Venturi, nach dem Vergaserprinzip, wollte ich auch nicht.

Ich fand einen Umrüster, der das Wunder vollbrachte und eine so genannte teilsequenzielle LPG-Anlage in dem Wagen verbaute. Okay, so hundertprozentig rund lief sie nie. Im Leerlauf neigt der Wagen an roten Ampeln manchmal aus zu gehen. Aber dafür gab es schließlich einen Umschalter auf Benzin, den ich nach ein paar Wochen wie automatisch im Stadtverkehr umlegte. Auf der Langstrecke fuhr der Wagen fortan unschlagbar günstig. Auch heute noch, neun Jahre und 280.000 Kilometer später.

Viele Freunde und Bekannte kennen mich gar nicht mit einem anderen Auto. Wann immer ich auch Jahre später mit dem 190er auftauche die gleichen erstaunten Blicke. „Was denn, den hast Du immer noch?“

Zugegeben, so langsam soll er sich etwas schonen. Nach einer vorläufig letzten großen Reise mit der ganzen Familie ins nördlichste Dänemark im Winter 2014 mache ich mir nun Gedanken, den treuen „Baby Benz“ in Teilzeit zu schicken. Nach einem Steinschlagschaden in der Frontscheibe traten Rostschäden in der A-Säule zu Tage. Auch die Seitenschweller vorne habe ich bereits vor zwei Jahren mit neuen Blechen versehen.

Plan für die Zukunft

Bis zum Herbst durch den TÜV und dann mit einem Saisonkennzeichen nur noch an sonnigen Tagen an die frische Luft. Wir wollen ja schließlich irgendwann auch den Mars erreichen.

Für den täglichen Einsatz ist nun ein junger Nachfolger da. Ein 220 C T-Modell, Baujahr 2011. Bequem, modern und ausreichend Platz. Aber bei allem Komfort, den der neue auch bietet: Der Erste wird immer der Beste bleiben.


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Dieser Artikel wurde von geschrieben. Er ist als Pressesprecher in einem deutschen ITK-Unternehmen tätig. Gelegentlich schreibt er als freier Autor für verschiedene Publikationen und tummelt sich recht aktiv in den sozialen Netzwerken. Seine völlige Unkenntnis Kraftfahrzeuge betreffend änderte sich schlagartig, als er im Jahre 2000 sein erstes Auto, einen Mercedes 190, erwarb. Online findet man ihn auf Twitter, seinem Blog oder Instagram. Reisen, Fotografieren und am heimischen Herd kochen gehören zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen. Manchmal wechselt er auch noch das Motoröl selbst.

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