Es ist 0:53 Uhr, ich starre an die Decke meines Hotelzimmers in Rimini – warum bin ich noch mal in Rimini? Richtig, ich bin Teilnehmer der 60. Mille Miglia. Ich hab Rücken, Nacken und noch 1.455 Kilometer vor mir.

Aber fangen wir von vorne an: Als mich mein guter Freund Karlheinz Kögel letztes Jahr fragte, ob ich mit ihm die Mille Miglia 2015 fahren wolle, zögerte ich keine Sekunde. Warum ich so schnell zugesagt habe? Diese Frage habe ich mir öfter gestellt – genau genommen an jedem der drei Mille-Miglia-Abende.

Meine Antwortversuche sind zwölf Tage danach in diesem Blogbeitrag festgehalten – ein unzensiertes Selbstgespräch.

Es ist also Freitag, 0:53 Uhr in Rimini

Die erste Etappe der Mille Miglia liegt hinter uns. Wir waren über sieben Stunden unterwegs, die Benzinpumpe gab zwischenzeitlich den Geist auf und das Bordpersonal war technisch überfordert – dann kam Hilfe. Endlich angekommen, fühlte es sich so an, als würde ich im Körper des Glöckners von Notre Dame aus dem Auto steigen – Karlheinz eröffnete mir dann noch: „Das kommt auch optisch hin.“ Ich schätze seine Ehrlichkeit. Trotzdem muss nach so einem Tag die Frage nach dem Warum erlaubt sein. Eine mögliche Erklärung hatte ich an diesem Abend auch schon parat: Vielleicht liegt es am Mythos, der die Mille Miglia umgibt. Man denke nur an die Rekordfahrt von Stirling Moss 1955 im 300 SLR. Er bewältigte die Strecke in nur zehn Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden.

Heute ist die Mille eine „Gleichmäßigkeitsfahrt“. Das bedeutet, dass für jeden Streckenabschnitt eine Zeit vorgegeben ist, die es einzuhalten gilt. Die Italiener, die Karlheinz und ich auf mäßig ausgebauten Landstraßen überholen, denken dabei wahrscheinlich nicht als Erstes an „Gleichmäßigkeitsfahrt“ – zumal ich nicht weiß, ob die italienische Sprache so ein Wortungetüm überhaupt hergibt. Aber andere geben viel mehr Gas und übertreiben es immer wieder mit dem Heizen – die landen im Graben. Wer auf der Strecke bleibt, fühlt sich aber ein bisschen wie Stirling Moss. Es ist wohl was dran am Mythos.

Samstag, 1:22 Uhr in Rom

Die gleiche Frage – ein anderer Antwortversuch: Vielleicht liegt es an den großartigen Autos. Es dürfen nur Modelle an den Start gehen, die auch bei der ursprünglichen Mille Miglia zwischen 1927 und 1957 gestartet sind. Wer einen Blick ins Teilnehmerfeld wirft, könnte meinen, das gelte auch für die Fahrer. Dem ist aber nicht so! Und jemand, der dieses Jahr 58 wird, sollte an dieser Stelle sowieso still sein. Zurück zu den Autos. Karlheinz und ich sind in seinem roten 300 SL Flügeltürer unterwegs. Jedes Mal, wenn wir uns in angestaubten Fenstern inmitten einer italienischen Kleinstadtidylle spiegeln, denke ich: ein Traumwagen. Jedenfalls so lange, bis mich Karlheinz auffordert, nicht so viel zu schalten – schon ist die romantische Stimmung dahin.

Das ändert aber nichts daran, dass es ein Privileg ist, so ein Auto bewegen zu dürfen. Selbst leere Cola-Dosen und Bifi-Tüten im Fußraum können der Schönheit dieses Autos nichts anhaben. Und neben unserem sind noch 449 weitere Traumwagen zwischen Brescia und Rom unterwegs. In jedem Dorf und jeder Stadt stehen zig begeisterte Schaulustige am Straßenrand – so wie vorhin am Olympiastadion in Rom. Die Reaktionen auf Karlheinz und mich außerhalb des Wagens sind auch positiv, aber nicht so euphorisch. Es muss schon was mit den Autos zu tun haben.

Sonntag, 1:13 Uhr in Parma

Ein ganz neuer Ansatz. Es geht gar nicht um Autos, sondern um menschliche Interaktion. Mehr als 1.700 Kilometer in vier Tagen auf engstem Raum. Das ist, was Newtopia in Sat.1 vorgibt zu sein: ein soziales Experiment. Wie spricht man Brescia aus? Warum habe ich die Ausfahrt zu spät angekündigt? Ich schreie nicht, verdammt nochmal! Warum funktioniert diese Kicker-App nicht? Vielleicht, weil ich gar nicht wissen will, wie der HSV in Stuttgart spielt … Wieso haben wir nichts mehr zu trinken? Seit wann ist das Öffnen einer Bifi ein Verbrechen? – Geruchsbelästigung ist maximal eine Ordnungswidrigkeit. Alles Fragen, die jede Menge Konfliktpotenzial in sich bergen. Eine Freundschaft sollte deshalb gefestigt sein, bevor man bei der Mille Miglia zusammen antritt. Aber wenn man das Ziel gemeinsam erreicht, ist sie danach noch fester.

Montag, 8:32 Uhr in Stuttgart-Untertürkheim

Ich schaue aus meinem Büro. Erst jetzt fange ich an, auf die Landschaft zu achten. Viel zu spät. Ich sehe einen öden Tümpel, der im Bauplan des Architekten wahrscheinlich mal ein großer Wurf war. Mir steckt die Mille Miglia noch in den Knochen. Aber ich denke auch an die Atmosphäre, die Autos und die Zeit für Freundschaft zurück. Für das alles: Mille Grazie, Mille Miglia! Es war mir eine Ehre. Wir sehen uns wieder!


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