Die Antwort kennt ganz allein der Wind

„Eigentlich wollte ich nur …“. Ihre Sätze fangen sicherlich auch manchmal so an. Ich wollte eigentlich auch nur … Fotos machen und ein paar Antworten auf meine Fragen einholen. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Ist Ihnen schonmal Wind mit 130 Sachen die Stunde frontal ins Gesicht geblasen? Nein? Also ich kann Ihnen sagen: Mit der Zeit wird das ziemlich frisch.

Donnerstag 16.00 Uhr. Ich verlasse mein Büro in der Internen Kommunikation und mache mich auf den Weg zum Windkanal hier in Stuttgart-Untertürkheim. Dort wartet eine historische Rarität auf mich – der Formel 1-Rennwagen W196 R von 1954. Ein Oldtimer im Windkanal, Mission: Ermittlung des Luftwiderstandwertes. Das klingt irgendwie nach Physik und Technik – ist es auch. Aber, kein Grund mit dem Lesen aufzuhören.

Alle Vorbereitungen sind getroffen. In voller Pracht steht der „196er“ vor dem großen schwarzen Loch im Windkanal, bereit sich dem aufkommenden Sturm zu stellen. Mit seinem 2,5-Liter-Motor, 256 PS und 8260 Umdrehungen pro Minute schrieb der Wagen am 4. Juli 1954 Motorsportgeschichte für Mercedes. Beim großen Preis von Frankreich fuhren Juan Manuel Fangio und Karl Kling einen Doppelsieg für die Silberpfeile ein, mit eben diesem Wagen. Damals wusste da noch niemand, wie der Luftwiderstand des W 196 R war.

Aerodynamische Formgüte und Windschlüpfigkeit

Doch das wird jetzt nachgeholt. Der Luftwiderstandswert, in der Fachsprache als cw-Wert bezeichnet, charakterisiert die aerodynamische Formgüte des Wagens als Messwert. Übersetzen kann man das Ganze mit der Windschlüpfigkeit eines Fahrzeuges. Quasi: Wie schnell und ideal kommt das Auto mit seiner Form durch den Fahrtwind. Diese Messungen sind zum einen wichtig, damit bei der Fahrzeugentwicklung die Fahrzeugdynamik gesichert werden kann, um so zu verhindern, dass sich das Auto beispielsweise bei starkem Seitenwind aufschwingt. Zum anderen wird der Wert benötigt, um später Aussagen zum Spritverbrauch treffen zu können.

7000 Hengste im Windkanal

Es geht los: Der W 196 R ist fixiert, und vom Kontrollraum aus wird der „Riesenventilator“ angeschaltet. Die Antriebsleistung des Windkanals beträgt übrigens fünf Megawatt – dass kommt ungefähr 7000 PS gleich. Das Bild von den 7000 Hengsten im Windkanal habe ich jetzt noch im Kopf.

Nach circa fünf Minuten ist der erste Messvorgang abgeschlossen. Der nächste Durchgang erfolgt mit Fahrer. Ein mutiger Mitarbeiter aus dem Mercedes-Benz-Classic Presseteam stellt sich der Herausforderung als erster. Unter den Fachleuten berät man sich: Wie wirkt sich wohl eine andere Statur des Fahrers auf den Luftwiderstandswert aus? Was soll ich sagen, das war dann wohl meine „große Stunde“. Schutzbrille auf, bloß keinen Kratzer beim Einsteigen in die Karosserie machen und dann: Festhalten am Lenkrad. Sitzen im Weltmeister-Wagen und das unter realistischen Windbedingungen während eines Rennens. Das ist schon eine einmalige Erfahrung – und eine laute.

Ergebnis: 0,45

Nachdem weitere Messungen – mal mit geöffneten, mal mit geschlossenen Kühlluftöffnungen – durchgeführt wurden, stand der cw-Wert mit und ohne Kühlluftwiderstand dann endlich fest: 0,45. Die Formgüte der Karosserie ist für die damalige Zeit nicht schlecht. Allerdings benötigten diese Hochleistungsrennwagen sehr viel Kühlluft für Motor und Getriebe, was dem cw-Wert nicht gerade zuträglich ist.

So richtig aussagekräftig ist der Wert allein dann aber doch nicht. Erst in Verbindung mit dem Querschnitt des Autos (Stirnfläche) können die relevanten Daten für den Spritverbrauch des Wagens berechnet werden. Früher musste man diese Stirnfläche aus einer Frontal-photographie des Fahrzeuges mit einem Planimeter, einem mechanischen Messgerät, ermitteln. Das übernimmt heute ein Laser. Im Windkanal wird es „zappenduster“ und ein roter Punkt ist alles, was man in dem großen Raum noch sieht. Mit der Bewegung dieses Punktes kann man im Steuerraum auf dem PC mitverfolgen, wie der Querschnitt praktisch gemalt wird, ein bisschen wie von Geisterhand.

Die Messungen neigen sich dem Ende zu. Für mich als Fotoliebhaberin ergibt sich zum Schluss dieses aufregenden Termins noch ein ganz besonderer Anblick. Damit die Stromlinienform des Fahrzeuges während der Fahrt sichtbar gemacht werden kann, wird sich mit Rauch beholfen. In sieben Bahnen stürmt der Rauch gespenstisch mit dem Wind gegen das Auto. Die Atmosphäre wird richtig atemberaubend, als nur noch zwei kleine Scheinwerfer als Lichtquelle dienen. Zwar saß ich nur im „196er“ und fuhr nicht selbst, aber in diesem Moment kann ich mir richtig vorstellen: So muss man sich wohl als Weltmeister fühlen.

Der W196 R auf der Techno Classica

Übrigens: Wer den W196 R auch mal in live sehen will, der hat vom 15. bis 19. April auf der Techno Classica, der weltgrößten Oldtimer Messe in Essen, die Gelegenheit dazu. Schwerpunkt der Mercedes-Ausstellung sind die Sternstunden der Stromlinien-Kultur. Dabei sind sieben Autos vertreten, angefangen beim „Blitzen-Benz“ von 1909 bis zum aktuellen Mercedes-Benz CLA 45 AMG Shooting Brake von 2015.


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