Post aus Peking

Seit sieben Monaten bin ich nun als Expat für Daimler in Peking im Bereich Produktionsplanung und nach dem euphorischen Beginn meines Einsatzes ist es an der Zeit für einen Blogbeitrag. Er wird vielleicht etwas nachdenklich. Aber nicht minder euphorisch.

Eigentlich hatte ich ja erwartet, dass sich alles sehr schnell einspielt und die anfängliche (An-)Spannung schnell einer Gewohnheit weichen wird. Naja, das ist nur teilweise eingetreten und es hat eine Weile gedauert, bis ich auf den Gedanken gekommen bin, dass es vielleicht gar keine abschließende Eingewöhnungsphase in Peking gibt.

Sprache und Fortbewegungsmittel

Die Wohnung hier ist definitiv ein Rückzugsort und ein Zuhause geworden. Ich habe den ersten „HSK“ (einen chinesischen Sprachtest) geschafft und bereite mich für den nächsten vor. Auch den Führerschein habe ich bestanden und eine (rote) B-Klasse geleast (an deren Farb- und Ausstattungswahl ich nur in kommunistischem Ausmaß beteiligt war). Dennoch kann ich nicht vom Ende meiner Eingewöhnungsphase sprechen.

Auf- und Ab-Phasen

Es mangelt dabei weniger an den Phasen. So hatte auch ich die zu erwartenden Aufs und Abs und das nicht nur auf der Waage. Was eine Auf-Phase ist, kann ich Ihnen kurz einleuchtend am Beispiel des Essens erklären. Sie können sich nicht vorstellen, was für ein unvergleichliches Geschmackserlebnis eine einfache Schnitte Schwarzbrot mit Käse nach Wochen von Reis und Nudeln auslöst. Schwarzbrot mit Käse wird plötzlich zu einem der besten Essen der Welt. Wenn sie in Deutschland auch eine solche Phase erleben möchten, dann können sie das umgekehrte Spiel spielen: Gehen Sie doch mal in ein gutes chinesisches Restaurant und bestellen sich gebratene Dumplings – mein Lieblingsessen hier.

Es mangelt an der Gewohnheit. Diese stellt sich über stabile wiedererkennbare Muster ein, auf die man sich einigermaßen verlassen kann. Auch hier sind es eher die kleinen Dinge im Leben, an denen sich dieser Mangel festmachen lässt.

Instabile Infrastruktur

Zum Beispiel das Thema Drucken: Gerade wenn Zeitdruck herrscht und man mal eben für das Shopfloormeeting noch seinen Statusbericht ausdrucken und aufhängen möchte, erwischt es einen kalt, da nicht nur der Drucker im Büro funktionsunfähig ist, sondern gleich alle im Gebäudetrakt leer, kaputt, oder wegen des Umzug eines Nachbarteams verschwunden sind.

Ebenfalls zunächst nervend war, dass ich eines Tages auf dem Weg zur Arbeit meinen Schleichweg nicht mehr nehmen konnte, weil plötzlich eine Straße fehlte. Zugegeben ein sehr kurioser Fall. Aber beispielhaft dafür, dass im Nachhinein oft mehr unterhaltsame Geschichten bleiben, als ein Grund sich wirklich aufzuregen. Dennoch bleibt es interessant zu beobachten, wie die Gewohnheit hier chancenlos ist.

Was ist ungewöhnlich und was selbstverständlich?

Man könnte jetzt auch anders herum fragen: Was ist eigentlich noch ungewöhnlich für mich? Sicherlich ist es immer weniger der Anblick von chinesischen Schriftzeichen oder der hiesigen Tempeldächer. Auch der Aufenthalt in Peking an sich ist immer weniger ungewöhnlich, was mich auf einen weiteren Gedanken bringt.

Mit einem in Ungarn gebauten Auto eines deutschen Herstellers durch Peking zu fahren, während das Mobiltelefon eines ehemals finnischen Herstellers über etwas namens Bluetooth mit der Freisprechanlage verbunden ist.

Das ist nicht mehr ungewöhnlich, sondern selbstverständliche Gewohnheit geworden. Vielleicht merken Sie, wie einfach sich in diesem Beispielsatz der Ort Peking mit Ihrem Wohnort substituieren lässt, ohne dem Satz seinen scheinbar ungewöhnlichen Charakter zu nehmen.

Die zuerst außergewöhnlichen Begeisterungsmerkmale unserer Produkte verschieben sich mit der Zeit zum Erwartbaren. Meiner Meinung nach sollten wir allerdings vorsichtig sein, einen solchen Mechanismus der Gewohnheit auch von der internationalen Zusammenarbeit zu erwarten oder gar irgendwann eine kulturelle Selbstverständlichkeit auszurufen.

Internationalisierung

Ein Ziel der Produktionsplanung heißt: Internationalisierung. Erfahrbar wird dies für meine Kollegen und mich, ob nun in Deutschland oder hier, schon jetzt in den beiden Projekten mit Namen „NGCC“ (New Generation Compact Car) und „MRA Nord“ (Mercedes Rear-Wheel Architecture: befindet im Norden des Werksgeländes), in denen wir zusammen mit unseren chinesischen Kollegen in sehr enger Abstimmung stehen. Die Gespräche laufen mal auf Deutsch, Englisch und für mich in sehr kleinen Schritten immer mehr auch auf Chinesisch.

Chinesen leiden, glaube ich, selbst unter ihrer eigenen Sprache und halten sie für fast unmöglich zu lernen. Schwerer als Englisch finde ich es schon, andererseits spielen bei mir in der Wohnanlage schon mal „westliche“ Kinder mit den chinesischen Nachbarkindern und ich stelle im Vorbeigehen neidvoll fest, dass alles selbstverständlich auf Chinesisch abläuft.

Selbst kleine chinesische Sätze werden hier, wie ich finde, (eigentlich) viel zu sehr belobigt, was aber nicht daran liegt, dass ich ein paar Vokabeln gelernt habe, sondern mein kulturelles Interesse sehr wertgeschätzt wird.

Beide Projekte haben sich in den vergangen Monaten deutlich weiter entwickelt. Bei NGCC hatten wir jetzt „Start of Production“ des Mercedes-Benz GLA und bei MRA Nord begann der „Engineering Trial“, die technische Erprobungsphase vor einem Produktionsanlauf. Um ehrlich zu sein, bange ich zu einem kleinen Anteil trotz intensiver Vorbereitung immer vor diesen „großen“ Terminen.

Dieses Gefühl, dass da noch ein Thema um die Ecke biegt, welches sich bisher vor mir versteckt hält, ist wohl ein konstanter Begleiter eines Jeden, der einen Anlauf zum ersten Mal begleitet. Dabei verfolgt mich am wenigsten der Gesichtsverlust, sondern vielmehr die Frage, ob wir größere Änderungen noch bearbeitet bekämen.

Eingespieltes Team, Wertschätzung und Vertrauen

Da ist es gut zu wissen, dass wir inzwischen ein eingespieltes Team sind, das über die vergangenen Monate Vertrauen zueinander aufgebaut hat und sich gegenseitig den Rücken stärkt. Es ist möglich, Themen direkt anzusprechen ohne, dass man Sorgen vor Fingerpointing haben muss oder es zur Bloßstellung käme. In großen Strukturen eine immer wieder neue – auch sprachliche – Herausforderung. Egal ob nun zu spät oder gerade rechtzeitig: es ist ein konzentriertes Aufgreifen und Bearbeiten. Das macht dann nicht nur sehr viel Spaß, sondern entspricht rein aus meinem Bauchgefühl heraus dem oben genannten Ziel der Internationalisierung. Sie fußt im Wesentlichen auf gegenseitiger Wertschätzung und Vertrauen.

Anders als die Bluetooth Schnittstelle, bleibt dies für mich ein permanentes Begeisterungsmerkmal, sehr individuell, alles andere als selbstverständlich, richtig schön ungewöhnlich!

In diesem Sinne; viele Grüße aus Peking!


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