DTM-Warm-up: 18 Rennen, 18 Chancen

Frühling in Affalterbach: Auf den Feldern tuckern die Bauern mit ihren Traktoren in unendlichen Bahnen dahin. Am Ortseingang bauen Arbeiter in aller Seelenruhe an (noch) einem Kreisverkehr. Das Spinnennetz am Außenspiegel des Gebrauchtwagens beim Fähnchen-Händler glänzt in der Morgensonne. Mitten in dieser ländlichen Idylle öffnet sich in der Benzstraße ein Rolltor: Ich höre die typischen kurzen Gasstöße eines Rennmotors in der Warmlaufphase.

Das Mercedes-AMG-DTM-Team lädt zum Kickoff bei HWA. Alle Fahrer sind gekommen: Lucas Auer, Paul Di Resta, Maximilian Götz, Daniel Juncadella, Gary Paffett, Christian Vietoris, Pascal Wehrlein und Robert Wickens. Zusammen mit Journalisten und Bloggern versammeln wir uns alle in der Werkstatt von HWA, in der die Rennautos für die Saison aufgebaut werden. Wobei das hier eher ein weißer OP-Saal als eine nach Öl duftende Werkstatt ist. „Wir gehen mit dem Ziel in die Saison, einen deutlichen Schritt bei der Performance zu machen und um Siege mitfahren zu können. Inwiefern sich dieses Ziel als realistisch erweist, wird sich aber erst nach dem ersten Rennen herausstellen“ sagt, Ulrich Fritz, neuer Teamchef für Mercedes-AMG in der DTM.

Ein sympathischer Mann, der Ruhe ausstrahlt und vor der Presse lieber erstmal tiefstapelt, als vollmundig etwas anzukündigen. Hätte der alte Alfred Neubauer früher auch so gemacht. Um dann mit einem überraschend starken Team an den Start zu gehen.

Neues Reglement

Möglichkeiten für Überraschungen und damit Möglichkeiten, Punkte in der Meisterschaft zu sammeln, gibt es dieses Jahr doppelt so viele: Ab dem Saisonstart im Mai bestreiten die DTM-Piloten von BMW, Audi, und Mercedes-Benz nämlich zwei Rennen pro Wochenende. Macht 2015 ganze 18 Rennen. Qualifizieren müssen sich die Fahrer davor jeweils in zwei kurzen Zeittrainings. Auch beim Thema „Reifenpoker“ gibt´s was Neues im Reglement: Vier Reifensätze dürfen für beide Qualifyings und beide Rennen zum Einsatz kommen. Anders als beim Samstagsrennen muss beim Durchgang am Sonntag ein Boxenstopp mit Reifenwechsel erfolgen. Das lässt Raum für interessante Team-Taktiken, wann z.B. frische Reifen zum Einsatz kommen, ob im Training oder im Rennen?

Das DRS (Drag-Reduction-System=Heckspoiler flachstellen) darf nun von Fahrern drei Mal pro Runde für Überholvorgänge benutzt werden. Sorgsam umgehen sollten alle Piloten mit dem Motor ihres Autos: Das Reglement erlaubt nur ein Triebwerk pro Saison, muss nach einem Rennen ein neuer Motor eingebaut werden, drohen Strafen wie z.B. Punkteabzug in der Meisterschaft.

Gary Paffett

Ich unterhalte mich länger mit Gary Paffett, dem britischen Ex-Champion und einem der erfahrensten Fahrer im Feld. Er ist für die Saison 2015 ins französische ART-Grand Prix -Team gewechselt, das neu in der DTM ist, aber in Europa durch das Engagement in Formel-Serien wie der GP2 einen guten Namen hat. „Es macht mir Spaß, mit ART zu arbeiten, sie sind sehr professionell und ich kann viel von meinem Wissen über DTM-Autos an sie weitergeben “ sagt Paffett.

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Das ist für mich ohnehin bewundernswert an Paffett: Auf der einen Seite sportlich sehr ehrgeizig, gibt er auf der anderen Seite Rookies im Mercedes-AMG-DTM-Team immer wertvolle Tipps, obwohl sie auch seine Konkurrenten sind. In den vergangenen beiden Jahren lief es für ihn sportlich nicht so rund, er konnte seine fahrerischen Fähigkeiten nie komplett ausspielen. Kein Grund für Paffett, zu resignieren. Neues Team, 18 Rennen sind 18 Möglichkeiten, nach vorne zu fahren. Bei einem Regenrennen sowieso, da taucht Paffett oft wie aus dem Nichts aus dem Feld ganz vorne auf.

Staub abschütteln, aufstehen, weitermachen

Man kann den Racing-Spirit aller Mercedes-DTM-Fahrer heute in Affalterbach fast mit den Händen greifen. Sie wollen in der Saison 2015 den Stern nach vorne bringen. Das nehme ich mir als Büro-Mensch zum Vorbild: „Staub abschütteln, aufstehen, weitermachen. Das nächste Rennen steht an“. Kann ich auch.

Von der Theorie zur Praxis

Ich darf ausprobieren, ob ich einen Reifenwechsel am Mercedes-AMG DTM kann. Zusammen mit den Mechaniker-Profis. Es geht los: Pressluftschrauber fest in beiden Händen halten, Check, ob das Ventil unten auf „lösen“ oder „fest“ steht, Auto fährt vor, der Luftdruck des Wagenhebers macht einen Knall, Schrauber gerade aufsetzen, sonst drehe ich die Mutter rund, lösen, mit der linken Hand das Rad nach hinten werfen, neues Rad entgegennehmen, draufsetzen, festschrauben, Arm hoch reißen wenn fertig, Auto springt zu Boden, fährt raus.

Das Lesen dieses Satzes dauert länger als der Reifenwechsel beim Team: Sie fertigen den Fahrer in drei Sekunden ab. Die Profis finden mich mit einer Zeit von sechs Sekunden nicht soo schlecht. Puhh!

Carbonteile „backen“

Zurück geht es in den Betrieb, wir bekommen einen Einblick in die Fertigung der Carbonteile für die Karosserie. Serad Pasic, Spezialist bei HWA, zeigt der Gruppe wie ein Karosserie-Teil entsteht: Dazu werden Carbonstreifen mit unterschiedlicher Faserstruktur übereinander geklebt, so entsteht die besondere Stabilität, vergleichbar der Fertigung mit verschiedenen Hölzern.

Vakuumsack und Druckkammer

Anschließend kommen die Teile in einen Vakuumsack, durch das Entziehen von Luft entsteht eine noch festere Verbindung, und zum Schluss geht es noch in die riesige Druckkammer: dort wird der nächste Flügel oder Deckel dann fertig „gebacken“. Ich kann mir vorstellen, dass gerade diese Abteilung aktuell noch wichtiger wird, sorgt sie doch für den Ersatzteilnachschub bei den Karosserien der Renner. Und 18 Rennen können auch die doppelte Menge an „Kleinholz“ bedeuten. Was natürlich keiner hofft. „Es gab in der Vergangenheit den einen oder anderen Fahrer, die für uns immer Sonderschichten bedeuteten“ sagt Anne Jödicke, Leiterin Verbundwerkstoffe bei HWA mit einem Lächeln. „Aber die fahren nicht mehr für uns.“ Trotzdem sind sie und ihr Team auf alles vorbereitet.

Motorenprüfstand, wunderbar!

Zeit für die letzte Station, den Motorenprüfstand: Hier können wir erleben, wie ein DTM-V8-Motor mit simulierten Schaltvorgängen hochgefahren wird. Die Auspuffkrümmer glühen. Die Ohren (trotz Schutz-Stöpseln) klingeln. Wunderbar!

Fazit dieses spannenden Tages: Das Mercedes-AMG-DTM-Team ist „ready to race“. Und ich fange mit meinem persönlichen Countdown zum Saisonstart in Hockenheim an. PS: Hier alle Renntermine!

DTM-Terminplan 2015
1. bis 3. Mai: Hockenheimring
29. bis 31. Mai: Lausitzring
26. bis 28. Juni: Norisring
10. bis 12. Juli: Zandvoort/Niederlande
31. Juli bis 2. August: Spielberg/Österreich
28. bis 30. August: Moskau
11. bis 13. September: Oschersleben
25. bis 27. September: Nürburgring
16. bis 18. Oktober: Hockenheimring


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